Kirchensterben

„Kann nicht mehr“: Letztes Mitglied gibt auf – Kirche schließt nach 305 Jahren

Kirche in Wales schließt nach 305 Jahren: Die Tabernacle Chapel in Rhayader hatte nur noch ein Mitglied, den 86-jährigen Mike Bennett.

4 Min
Eine Dorfkirche in Nordwales: In Wales haben seit 2015 fast 200 Kirchen geschlossen, jetzt auch eine 305 Jahre alte Kapelle in Rhayader. (Symbolbild)

Eine Dorfkirche in Nordwales: In Wales haben seit 2015 fast 200 Kirchen geschlossen, jetzt auch eine 305 Jahre alte Kapelle in Rhayader. (Symbolbild)

© Imago

Früher stellte in der Tabernacle Chapel im walisischen Rhayader stets der örtliche Filialleiter der Barclays-Bank den Schatzmeister. Einer folgte auf den anderen. Zuletzt führte Mike Bennett die Kasse selbst, für eine Gemeinde, die nur noch aus ihm bestand.

Jetzt hat die Kapelle nach 305 Jahren geschlossen. Der 86-Jährige war ihr letztes aktives Mitglied, berichtet die britische Zeitung The Telegraph.

Von 400 Gläubigen auf einen einzigen Kirchgänger

In den 1830er-Jahren zählte die reformierte Gemeinde rund 400 Mitglieder. Bennett kam als Fünfjähriger zum ersten Mal in den Gottesdienst und ist geblieben, 81 Jahre lang.

Bis vor kurzem saßen sonntags noch drei Menschen in den Bänken. Darunter seine Frau Joyce, die die Kapelle 50 Jahre lang geputzt hat. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie inzwischen nicht mehr kommen, so die Zeitung.

Erst die Orgel, dann die Kasse: Warum der letzte Kirchgänger aufgibt

Mit jedem Abschied wuchs Bennetts Aufgabenliste. Er spielte die Orgel und mähte den Rasen. Als im Juli die Schatzmeisterin Dawn Jones starb, übernahm er auch ihre Arbeit.

Nebenbei pflegt er seine Frau, einen Nachfolger gibt es nicht. „Ich habe einfach das Gefühl, dass ich nicht mehr weitermachen kann“, sagte Bennett dem Blatt.

Mit der Gegend ist er tief verwurzelt. Die Sonntagsschule finanzierte einst die Wasserbehörde von Birmingham, die im nahen Elan-Tal Stauseen für die Großstadt anlegte. Dort arbeitete Bennett 35 Jahre lang.

Schafe im Claerwen Valley bei Rhayader: Im Elan-Tal arbeitete Mike Bennett 35 Jahre lang, die Wasserbehörde von Birmingham finanzierte einst die Sonntagsschule seiner Kapelle.

Schafe im Claerwen Valley bei Rhayader: Im Elan-Tal arbeitete Mike Bennett 35 Jahre lang, die Wasserbehörde von Birmingham finanzierte einst die Sonntagsschule seiner Kapelle.

© Maciej Olszewski/imago

Kapelle seit 1721: Heute ein Baudenkmal

Angefangen hat die Gemeinde 1721 mit Treffen in einem Bauernhaus. Das heutige neugotische Gebäude stammt laut der walisischen Denkmal-Datenbank Coflein von 1836 und steht unter Denkmalschutz. Was nach der Schließung daraus wird, geht aus den Berichten nicht hervor.

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Warum Koreaner nach Rhayader pilgern

In Rhayader kam um 1840 Robert Jermain Thomas zur Welt, einer der ersten protestantischen Missionare in Korea. 1866 fuhr er auf dem US-Handelsschiff „General Sherman“ bis nach Pjöngjang und verteilte unterwegs Bibeln. Koreanische Truppen setzten das Schiff in Brand, Thomas wurde getötet.

In Korea gilt er bis heute als Märtyrer. Jedes Jahr reist eine Gruppe einer koreanischen Gemeinde an, die Tabernacle als ihre Schwesterkirche betrachtet. Diese Gemeinde hat laut Bennett mehr als 2000 Mitglieder. Die Schwester in Wales hatte zuletzt eins.

Kirchensterben in Wales: Fast 200 Schließungen seit 2015

Rhayader ist kein Einzelfall. Nach Angaben der Stiftung National Churches Trust haben in Wales seit 2015 fast 200 Kirchen geschlossen, mindestens 300 weitere könnten im kommenden Jahrzehnt folgen.

Chris Catling, Chef der walisischen Denkmalkommission, nannte das in der Church Times die größte Krise seit der Auflösung der Klöster im 16. Jahrhundert.

Auch Berlins Kirchen schrumpfen: EKBO verliert fast 40 Prozent

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zählte bei ihrer Gründung 2004 noch 1,2 Millionen Mitglieder, wie das Stadtmagazin The Berliner berichtet. Ende 2025 waren es laut Nordkurier noch 745.679, rund 430.000 davon in Berlin.

Von einer Ein-Mann-Gemeinde ist die Hauptstadt weit entfernt. Mike Bennett hat seiner Kirche 81 Jahre die Treue gehalten. Am Ende war er nicht der Letzte, der ging, sondern der Letzte, der blieb.

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