Tulpen und Tomaten

Nicht ohne meine Bio-Tanne: Für den Kauf eines Öko-Baumes gibt es gute Gründe

Der beste Baum ist der, der nie gefällt wird, schreibt unsere Kolumnistin. Aber was macht, wer wie sie trotzdem nicht aufs Weihnachtsgrün verzichten möchte?

Sabine Platz
8 Min
Ein Christbaum muss perfekt sein. Gerade gewachsen, mit langen, dichten Zweigen, einer dreieckigen Form und buschigen Nadeln.

Ein Christbaum muss perfekt sein. Gerade gewachsen, mit langen, dichten Zweigen, einer dreieckigen Form und buschigen Nadeln.

© Beth Walrond für Berliner Zeitung am Wochenende

Alle Jahre wieder bin ich um diese Zeit mehr auf dem Dachboden als in meinem Garten. Ich steige die Treppen bis nach ganz oben, löse den Riegel der knarzenden Holztür, die den Speicher vom wohnlichen Teil unseres Hauses trennt, und fische im Halbdunklen (der Dachboden wird nur von einer müden Funzel beleuchtet) eine Kiste nach der anderen zwischen Staub und Spinnenweben hervor.

Ich mag den Gang unters Dach nicht sonderlich. Auf dem Speicher ist es kalt, und regelmäßig stoße ich mir an einem der Holzsparren den Kopf. Aber was soll ich machen? Ende Oktober brauchte ich den Halloween-Schnickschnack, vor gut einer Woche musste das vorweihnachtliche Dekorationszeug nach unten, und am Morgen des 1. Advents suchte ich dringlich nach der Vollholzplatte, in die ich vor Jahren vier Nägel gehämmert hatte, um Kerzen daran aufzuspießen.

Ein Teil des Festtagsschmucks befindet sich in braunen Umzugskartons im hinteren Teil des Dachbodens. Ich habe die Kisten mit „Vor-Weihnachten“ und „Weihnachten“ beschriftet. Nicht schlecht, ne? In der Vor-Weihnachtskiste schlummern Räuchermännchen, Weihnachtsmann-Türstopper, Teelichthalter, Krippenspielfiguren und so weiter. Sie wissen schon, der Kitsch eben, den man problemlos heute schon im Haus verteilen kann.

Nur noch nachhaltig produziert

In den Weihnachtskisten liegen die Sachen, die erst zu Heiligabend ihren Auftritt haben. Ein Nikolauskostüm (mein Sohn ist 12, ich schätze, das kann weg), Teller für die Bescherung, ein Lego-Weihnachtszug und weiteres festliches Gedöns. Den Karton mit den Christbaumkugeln hatte ich auch schon in der Hand, habe ihn aber erstmal beiseitegeschoben. So weit sind wir schließlich noch nicht. Und wenn es ähnlich läuft wie im vergangenen Jahr, dann bleibt diese Kiste ohnehin unangetastet oben stehen. Au weia, das war doof. Da war meine Familie ziemlich sauer.

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„Ich kaufe nix anderes als eine Bio-Tanne!“, verfügte ich, als mein Mann und ich am 22. Dezember ins Auto stiegen, um einen Baum zu besorgen. Der Gedanke war gut, die Umsetzung schwierig. Tannenbäume gab es reichlich, auch zwei Tage vor dem Fest, bloß keine Öko-Bäume mehr. Wir klapperten diverse Verkaufsstände ab – ohne Erfolg.

In ganz Berlin war kein einziger Bio-Baum mehr zu haben. Und obwohl mein Mann für seine Verhältnisse recht energisch insistierte, blieb ich eisern. Wir kamen ohne Tanne nach Hause, schnitten stattdessen ein paar Zweige im Garten ab und drapierten die, ganz klassisch, in einen durchlöcherten Besenstiel.  Ich fand das gar nicht mal so übel. Meine Familie schon. „Eine Bescherung ohne Weihnachtsbaum ist blöd“, sagte mein Sohn und konnte selbst der Eisenbahn, die um unsere Ersatztanne ihre Kreise zog, nicht viel abgewinnen.

Die Frau ist aber hartherzig, denken Sie jetzt. Lässt ihre Familie aus lauter Öko-Tollwut ohne Christbaum feiern. Ganz ehrlich? Ich verstehe Ihren Gedanken, aber geben Sie mir bitte die Chance, mich zu erklären. Es ist nämlich so: Als Gartenreporterin habe ich in der Vergangenheit immer mal wieder über die Aufzucht von Tannenbäumen berichtet. Ich habe an Verkaufsständen gefilmt, ich habe Miettannen im Topf vorgestellt, ich war bei Förstern und auf Plantagen. Über die Jahre hat sich so einiges an Kenntnis zu dem Thema in meinem Hirn festgesetzt, das sitzt da und geht auch nicht mehr weg. Und drum kommt für mich nur noch ein nachhaltig produzierter Baum in Frage.

Ein paar Fakten: Der Anbau von Tannenbäumen ist in erster Linie eine Industrie. Im Jahr 2021 stieg die Zahl der verkauften Christbäume mit 29,9 Millionen auf ein neues Rekordhoch. Die beliebteste Tanne war, na klar, die Nordmanntanne. Aber auch Blau- und Rotfichten, Kiefern, Douglasien und Nobilis werden immer wieder gern gekauft. Die einen sehen schöner aus, duften aber leider nicht, und umgekehrt. Irgendwas ist eben immer. Tannenbaumanbau ist ein langwieriges Geschäft; bevor aus einem kleinen Setzling ein marktreifer Baum gewachsen ist, vergehen acht bis zehn Jahre.

Baby-Tannen sind anfällig: Wenn das Gras um sie herum zu hoch wird, bekommen sie nicht ausreichend Licht und machen die Grätsche. Aber selbst wenn ein Bäumchen die ersten Jahre schafft, machen den rund 2500 Landwirten, die hierzulande Tannenbäume kultivieren, Schädlinge, Frost und die immer länger werdenden Hitzeperioden zu schaffen. In den vergangenen drei Jahren war es im Sommer derart heiß, dass einigen Bauern bis zu 100 Prozent ihrer Setzlinge eingegangen sind. Das wird noch spannend. Sollte ich diese Kolumne in acht bis zehn Jahren noch schreiben, erinnern Sie mich bitte unbedingt daran, dass ich das Thema wieder aufgreife…

Ein Christbaum muss perfekt sein. Gerade gewachsen, mit langen, dichten Zweigen, einer dreieckigen Form und buschigen Nadeln. So wollen wir Verbraucherinnen und Verbraucher das. Eine Plantagentanne wird darum im Laufe ihres Lebens mehrfach geschnitten, und das Unkraut in der Baumscheibe wird regelmäßig entfernt. Dafür spritzen die Landwirte im konventionellen Anbau Herbizide (nicht selten Glyphosat) und düngen mit Mineraldünger.

Kolossale Umweltsauerei

Wenn wir uns jetzt klar machen, dass in Deutschland auf 50.000 Hektar Fläche Monokultur mit Tannenbäumen betrieben wird, können wir uns in etwa vorstellen, wie sehr die Böden und Gewässer mit Giften belastet werden und was das für die Insekten- und Tierwelt bedeutet. Nichts Gutes! Im Jahr 2019 hat der BUND stichprobenartig die Nadeln von Weihnachtsbäumen auf Schadstoffe untersucht – und wurde in 76 Prozent der analysierten Proben fündig.

Mit dem Kauf eines konventionell produzierten Baumes also unterstützen wir nicht nur eine kolossale Umweltsauerei, sondern holen uns obendrein die Giftstoffe auch noch ins Wohnzimmer. Wo sie dann in aller Ruhe bei Zimmertemperatur ausdampfen. Ich bin mir sicher, liebe Leserinnen und Leser, Sie hören von diesem unappetitlichen Tatbestand nicht zum ersten Mal. Im Grunde wissen wir doch alle seit Jahren, dass mit dieser immensen Fülle dunkelgrüner Supertannen irgendetwas faul sein muss. Bloß drängen wir üble Gedanken eben allzu gern beiseite, um diese Jahreszeit erst recht, immerhin ist bald Weihnachten!

Anders kann ich mir nicht erklären, dass der Anteil der Bio-Tannen in Deutschland noch immer verschwindend gering ist. Nur 0,7 Prozent aller verkauften Exemplare ist nachhaltig produziert. Nicht einmal ein Prozent! Diese Zahl kommt von der Umweltorganisation Robin Wood, die sich seit Jahren für den Verkauf von ökologisch zertifizierten Tannen starkmacht. Zwar gibt es mittlerweile rund 100 Betriebe in Deutschland, die Öko-Tannen produzieren, und die Nachfrage wächst. Aber: „Es könnten deutlich mehr sein“, sagt Rudolf Fenner, der Chef der Organisation.

Es ist schon ein paar Jahre her, da reiste ich für das ZDF ins Sauerland. Dort, in Leenestadt-Oberelspe, lebt und arbeitet der Bio-Landwirt Gregor Kaiser. Ein großer, kräftiger Mann, Vater von vier Kindern, der mich in olivfarbener Regenhose und Gummistiefeln über seine Plantage führte. Vor mehr als 15 Jahren übernahm Kaiser den elterlichen Forstbetrieb und setzte sukzessive auf den Umbau seines Unternehmens in Richtung Nachhaltigkeit und ökologische Landwirtschaft. „Anfangs haben alle gelacht“, erzählte er mir und deutete auf die umliegenden Plantagen der konventionell anbauenden Kollegen, „aber heute lacht niemand mehr.“

Die Aufzucht eines ökologisch unbedenklichen Plantagenbaums ist arbeitsintensiv und dauert zwei bis vier Jahre länger als bei Kaisers konventionell anbauenden Kollegen. Der Bio-Bauer hat keine Reihenkultur, bei ihm stehen die Bäume kreuz und quer. Wenn Kaiser einen Baum erntet, pflanzt er an die Stelle wenig später einen neuen. Gedüngt wird von Hand mit Gülle oder Kompost und jeden einzelnen Baum untersucht der Landwirt höchstpersönlich auf Schädlingsbefall.

Als wir über die Plantage spazierten, war gerade eine Truppe englischer Shropshire-Schafe damit beschäftigt, sich das Gras zwischen den Bäumen einzuverleiben. Durch das waldähnliche Klima bietet die Kaisersche Bio-Plantage Insekten und Vögeln einen sicheren Raum zur Brutaufzucht und Vermehrung. Auch der Boden und das Grundwasser werden nicht belastet. Offensichtlich also geht Tannenbaumproduktion auch nachhaltig. Bloß – warum machen das dann nicht alle?

„Eigentlich müssten wir mindestens ein Drittel mehr für unsere Bäume nehmen“, sagt mir Bernd Pirrone von der Initiative Bioweihnachtsbaum. „Aber das ist kein Mensch bereit zu bezahlen. Also sind unsere Bio-Bäume nur unwesentlich teurer als die konventionellen und die Landwirte setzen auf eine Mischkalkulation.“ Ich finde das großartig! Da draußen sind Bäuerinnen und Bauern wie Gregor Kaiser, die ökozertifizierte Tannen produzieren, ohne dass sie damit sonderlich viel Geld verdienen. Sie tun es, weil sie von der konventionellen Landwirtschaft die Nase voll haben; sie machen mit ihrem Einsatz unsere Welt ein kleines bisschen besser.

Das Mindeste, was wir Verbraucher und Verbraucherinnen tun können, ist, sie darin zu unterstützen. Auf der Webseite von Robin Wood finden sich, nach Bundesländern sortiert, alle Verkaufsstellen, die nachhaltig produzierte Tannen anbieten. In Brandenburg sind das dieses Jahr immerhin 24, in Berlin 29.

Wir alle wissen: Der beste Baum ist natürlich der, der nie gefällt wird. Dennoch: Nachdem wir im vergangenen Jahr keine Tanne hatten, werden wir dieses Jahr nicht auf einen Baum verzichten. Und meinem Sohn musste ich versprechen, dass wir uns rechtzeitig auf die Socken machen. Wenn das außer uns noch viele andere Menschen tun und ausdrücklich nach Bio-Tannen fragen, wer weiß? Vielleicht wird es dann in nicht allzu ferner Zukunft auch zwei Tage vor Weihnachten noch welche geben.

Sabine Platz arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fernsehjournalistin beim ZDF. Dort produziert sie unter anderem für ihre Rubrik „Platz im Garten“ im „Morgenmagazin“ regelmäßig Berichte rund um die Themen Natur, Garten und Nachhaltigkeit. 2021 erschien ihr Buch „Im Garten: Zwischen Knolle und Kompost liegt das ganze Leben“.

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