Ein Kunststoffzylinder, 62 Zentimeter lang, in der Mitte ein Fenster aus Acryl, oben ein Tragegriff. Dahinter schwimmt ein lebender Fisch, er atmet und bewegt die Flossen. Und er wird das noch zwei Tage lang tun.
Das Gerät heißt „Katsugyo Bag“, ungefähr „Lebendfisch-Tasche“. Eine Tasche ist es nicht, sondern ein Aquarium mit Pumpe, Filter und Akku.
Blogs weltweit haben darüber berichtet, japanisches Fernsehen auch. Eingebracht hat das Projekt am Ende 43.000 Yen, rund 240 Euro.
Katsugyo Bag: Aquarium mit Tragegriff
Das Gerät besteht aus zwei Teilen, die zusammengesteckt werden: vorn die Wassereinheit für den Fisch, hinten der Maschinenblock. Sobald beide verbunden sind, beginnt das Wasser zu zirkulieren. Die Maße liegen laut Hersteller bei 62 mal 22,5 mal 25,4 Zentimetern, das Gehäuse besteht aus ABS-Kunststoff, das Sichtfenster aus Acryl.
Auf dem Bedienfeld sitzen genau drei Knöpfe. Power startet den Wasserkreislauf, Light regelt die dimmbare Innenbeleuchtung, Keep hält die Temperatur.
Fisch-Transport: Wie die Technik funktioniert
Die Sauerstoffanzeige, die in vielen Netzberichten als Kern der Erfindung auftaucht, misst nur. Am Leben hält den Fisch etwas anderes.
Eine Jet-Strömung wird von vorn gegen das Tier geblasen, sie unterstützt die Atmung und spült Kot und Schleim ab. Dazu kommt eine Filterpatrone mit zwei Füllungen, die eine bindet Schwebstoffe und Schleim, die andere Ammoniak. Ohne diese Reinigung wäre ein geschlossenes Wasservolumen dieser Größe nach wenigen Stunden Gift für seinen Bewohner.
Der Akku hält die Umwälzung maximal eine Stunde am Laufen. Wer länger unterwegs ist, muss ans Bordnetz des Autos oder an die Steckdose.
Über den Zylinder lässt sich außerdem eine wasserdichte Haube ziehen. Sie hält Sonne ab, isoliert und nimmt dem Fisch den Blick auf vorbeilaufende Menschen, was den Stress senken soll.
Rund 62 Zentimeter lang: Im Katsugyo Bag zirkuliert das Wasser permanent, das Manometer über dem Griff zeigt den Sauerstoffgehalt an.
© Supremarine
48 Stunden: Der Rekord mit einer Meerbrasse
Aufnehmen lassen sich Tiere von zehn bis 40 Zentimeter Länge, bis neun Zentimeter Körperbreite und 16 Zentimeter Körperhöhe, auch mehrere gleichzeitig. Als Bestwert nennt der Entwickler eine Rote Meerbrasse, auf Japanisch Madai, die 48 Stunden im Gerät überlebt hat.
Für sehr kleine Fische ist der Katsugyo Bag dagegen ausdrücklich nicht gedacht, Tiere unter fünf Zentimetern Länge können in den Ablauf gesaugt werden. Wer also plante, mit dem Goldfisch spazieren zu gehen: Der Goldfisch ist zu klein.
Erfinder Fukunaga: Die Idee kam im Supermarkt
Entwickelt hat das Gerät Makoto Fukunaga aus der Präfektur Saitama. Er hat im Studium Aquakultur an Land erforscht und danach im Fischgroßhandel gearbeitet, das Thema begleitet ihn also seit Jahren.
Die Idee kam ihm abends im Supermarkt um die Ecke. An der Fischtheke lagen die Reste des Tages: trübe Augen, ausgetrocknete Schuppen, braun verfärbte Filets. Selbst reduziert wollte er das nicht mitnehmen, und ihn ließ der Gedanke nicht los, was mit dieser Ware nach Ladenschluss passiert.
Seine Schlussfolgerung war radikal simpel: Solange ein Fisch lebt, hat er kein Verfallsdatum.
Ab Sommer 2021 baute Fukunaga den Katsugyo Bag im Alleingang. Von Produktdesign hatte er nach eigenen Angaben vorher keine Ahnung, mehrfach stand er vor dem Aufgeben.
Sashimi in Japan, Gassigehen im Ausland
Als die ersten Bilder auf Instagram auftauchten, lief die Rezeption in zwei getrennten Spuren. In Japan war die Sache klar: Wer den Fisch lebend heimbringt, tötet ihn selbst und bekommt Sashimi in einer Qualität, die es im Handel nicht gibt.
Im westlichen Netz wurde daraus etwas anderes. Dutzende Blogs feierten das Gerät als Chance, endlich mit dem Haustierfisch spazieren zu gehen.
Der Hersteller selbst nennt drei Zielgruppen: Restaurants und Fischhändler, Angler, die den Fang lebend heimbringen wollen, und Menschen, die Fische filmen und fotografieren. Der Sonntagsspaziergang mit dem Guppy steht nicht auf der Liste.
Preis 569.800 Yen: null Käufer im Crowdfunding
Im Februar 2022 startete Fukunaga eine Kampagne auf der japanischen Plattform Campfire. Zehn Geräte sollten weggehen, als Testlauf vor der Serienproduktion. Der Preis pro Stück: 569.800 Yen inklusive Steuer, nach heutigem Kurs rund 3150 Euro.
Das Zielvolumen lag bei knapp 5,7 Millionen Yen, am Ende standen 43.000 Yen auf der Uhr. Acht Menschen unterstützten das Projekt, sieben kauften einen Aufkleber für 3000 Yen, drei ein Handtuch für 5000 Yen.
Den Fisch-Koffer bestellte niemand.
Auf Instagram firmiert das Projekt inzwischen unter „Verkauf und Vermietung“, ein regulärer Marktstart ist bis heute nicht dokumentiert.
Lebende Speisefische: Was in Deutschland gilt
Hierzulande wäre das Gerät ohnehin ein Exot. Lebende Speisefische über die Theke zu verkaufen, ist in Deutschland weitgehend verschwunden, der Weihnachtskarpfen ist die bekannteste Ausnahme.
Dazu kommt das Tierschutzgesetz, nach dem niemand einem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Der Transport lebender Fische ist damit nicht verboten, muss aber begründet und schonend sein. Zwei Tage Stadtbummel mit einem Fisch im Zylinder dürften als Grund kaum durchgehen.
Bleibt eine Erfindung, die funktioniert und ein echtes Problem lösen wollte, aber an einem sehr einfachen Umstand scheiterte: Für 3150 Euro kauft man in Tokio ziemlich viel Sashimi.
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