Ein milliardenschweres amerikanisches Gasprojekt in Alaska steht unter Verdacht, heimlich von Russland finanziert und gesteuert worden zu sein. Der frühere Geschäftsführer des Unternehmens Polar Train LNG wirft dem russischen Energiekonzern Novatek vor, die Kontrolle über das strategisch wichtige Vorhaben übernommen zu haben.
Nach seinem Rücktritt im September verließen auch fast alle übrigen Führungskräfte das US-Unternehmen. Die Vorwürfe werfen auch Fragen nach möglichen Verstößen gegen US-Sanktionen auf.
Wie die Financial Times berichtet, soll Novatek bereits Geld in das amerikanische Gasprojekt gesteckt und dessen strategische Ausrichtung bestimmt haben, obwohl die notwendigen Genehmigungen der US-Behörden noch nicht vorlagen. Auch die New York Times hat den Fall untersucht und Dokumente ausgewertet, die auf eine bislang nicht offengelegte russische Finanzierung hindeuten.
Brisant ist nicht nur das Investitionsvolumen von rund 25 Milliarden US-Dollar. Das Projekt steht auch in Verbindung mit einem Investor aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump. Zudem wurde es laut Financial Times bei hochrangigen Gesprächen zwischen Washington und Moskau über mögliche Wirtschaftsvereinbarungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges thematisiert.
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Polar LNG wurde im März 2026 gegründet und will an der Nordküste Alaskas eine Anlage zur Verflüssigung von Erdgas errichten. Das Gas soll anschließend mit Spezialschiffen vor allem nach Asien exportiert werden. Das Vorhaben gehört zu den Projekten, mit denen die USA ihre Stellung als Energielieferant ausbauen wollen.
Die amerikanische Firma plant, eine teilweise fertiggestellte russische Anlage sowie Technologie von Novatek zu übernehmen und in Alaska einzusetzen. Dafür beantragte Polar LNG eine Genehmigung beim Office of Foreign Assets Control (OFAC), der zuständigen Sanktionsbehörde des US-Finanzministeriums.
Doch nach Angaben des früheren Geschäftsführers Joel Riddle ging die Beteiligung des russischen Konzerns deutlich weiter.
„Ich bin als Geschäftsführer von Polar LNG zurückgetreten, weil ich mich unwohl dabei fühlte, dass der russische Konzern Novatek das Unternehmen finanzierte und letztlich dessen strategische Ausrichtung kontrollierte“, sagte Riddle der Financial Times.
Der frühere ExxonMobil-Ingenieur erklärte, er sei zunächst davon ausgegangen, dass das Projekt von dem amerikanischen Investor Gentry Beach und der in Abu Dhabi ansässigen Firma Tech Wave Industrial Projects Management finanziert werde.
Später habe er erfahren, dass Novatek tatsächlich Kapital bereitstelle. WhatsApp-Nachrichten, die der Financial Times vorliegen, zeigen dem Bericht zufolge, wie der hochrangige Novatek-Manager Denis Solowjow über die Finanzierung des amerikanischen Unternehmens sprach und darauf drängte, Geldüberweisungen zu beschleunigen.
Fast gesamte Führung tritt zurück – Unternehmen widerspricht
Am 19. September erklärte Riddle seinen Rücktritt. Ihm folgten nach Recherchen der Financial Times fast alle weiteren Mitglieder der Führungsspitze, darunter Finanzchef Dan Chandra, Vizepräsident Jim Smith und Manager Jody Trantham.
Das Unternehmen stellt den Vorgang anders dar. In einer offiziellen Mitteilung vom 23. Oktober bezeichnet Polar LNG Riddle als unzufriedenen ehemaligen Mitarbeiter, dem aus wichtigem Grund gekündigt worden sei. Man prüfe rechtliche Schritte gegen ihn.
Zudem bestreitet Polar LNG jegliches Fehlverhalten. Sämtliche Aktivitäten stünden mit amerikanischem Recht im Einklang. Die Finanzierung sei von Tech Wave bereitgestellt worden. Der Antrag auf eine Genehmigung zum Kauf der russischen Anlage liege bei der zuständigen Behörde.
Zum kommissarischen Geschäftsführer wurde Tim Talkington ernannt. Er hatte zuvor bis August 2022 das Russlandgeschäft der US-Investmentbank Goldman Sachs geleitet.
Visualisierung des russischen Flüssigerdgasprojekts Arctic LNG 2 von Novatek. Die USA belegten das Vorhaben mit Sanktionen. Über deren mögliche Lockerung wurde laut Financial Times auch im Zusammenhang mit dem Gasprojekt in Alaska gesprochen.
© arcticspg.ru/dpa
Novatek räumt geplante Beteiligung an US-Projekt ein
Eine wichtige neue Erkenntnis liefert die New York Times. Gegenüber der Zeitung bestätigte Novatek, eine Minderheitsbeteiligung an dem amerikanischen Projekt anzustreben.
Damit hat der russische Konzern ein wirtschaftliches Interesse eingeräumt, das über die bloße Lieferung von Technologie hinausgeht. Die von Riddle behauptete Kontrolle über das amerikanische Unternehmen ist dadurch allerdings nicht belegt.
Auch gegenüber der Financial Times bestätigte Novatek, dem Unternehmen Tech Wave die Nutzung seiner Technologie in Alaska gestattet und im April eine entsprechende Absichtserklärung mit Polar Train LNG unterzeichnet zu haben.
Für die Umsetzung eines solchen Großprojekts seien Genehmigungen der amerikanischen und russischen Behörden erforderlich, erklärte Novatek.
Die Finanzierungsstruktur könnte dennoch rechtliche Probleme aufwerfen. Riddle ließ deshalb die amerikanische Anwaltskanzlei Baker Botts mögliche Sanktionsrisiken prüfen. Dabei ging es insbesondere um den Investor Bjørn Gundersen, der früher für Novatek gearbeitet hatte.
Nach Einschätzung der Kanzlei könnte dessen Beteiligung bei amerikanischen Behörden Bedenken im Zusammenhang mit Russland-Sanktionen auslösen.
Das US-Finanzministerium erklärte auf Anfrage der Financial Times, man kommentiere konkrete Vorwürfe möglicher Sanktionsverstöße nicht. Solche Hinweise würden aber sehr ernst genommen.
Trump-Vertrauter und Verhandlungen mit Putin
Eine weitere Verbindung führt zum amerikanischen Investor Gentry Beach. Er ist ein langjähriger Bekannter von Donald Trump Jr. und unterstützte bereits den Präsidentschaftswahlkampf von Donald Trump im Jahr 2016.
Beach hatte nach früheren Reuters-Recherchen bereits im Herbst 2025 eine Vereinbarung mit Novatek über mögliche Gasgeschäfte in Alaska geschlossen.
Riddle erklärte nun jedoch, später erfahren zu haben, dass Beach weder Kapital in Polar LNG investiert habe noch dort Aktionär, Geschäftsführer oder Verwaltungsratsmitglied gewesen sei. Novatek teilte der Financial Times mit, Beach stehe nach Kenntnis des Konzerns inzwischen nicht mehr mit dem Projekt in Verbindung.
Nach Recherchen der New York Times wurde das Vorhaben auch bei Gesprächen zwischen Kremlchef Wladimir Putin und den amerikanischen Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner angesprochen. Es gibt allerdings keine Hinweise darauf, dass die beiden von den mutmaßlich verdeckten Finanzierungsbeziehungen wussten.
Ein Vertreter des Weißen Hauses erklärte, das Projekt sei innerhalb der US-Regierung lediglich allgemein und kurz zur Sprache gekommen. Detaillierte Gespräche habe es nicht gegeben.
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Russland soll auf Lockerung der US-Sanktionen hoffen
Für Novatek könnte das Vorhaben erhebliche wirtschaftliche Bedeutung haben. Der Konzern entwickelte in der russischen Arktis die Flüssigerdgasanlage Arctic LNG 2. Die US-Regierung unter dem damaligen Präsidenten Joe Biden setzte das Projekt im November 2023 auf die Sanktionsliste. Seitdem erschweren Beschränkungen den Betrieb und den Export des dort produzierten Flüssigerdgases.
Laut Financial Times wurde zwischen amerikanischen und russischen Vertretern auch eine Vereinbarung diskutiert, bei der Novatek seine Technologie für das Projekt in Alaska zur Verfügung stellen würde. Im Gegenzug könnten die USA Sanktionen gegen Arctic LNG 2 lockern.
Novatek bestreitet ausdrücklich, dass seine Beteiligung am amerikanischen Projekt von einer Aufhebung der Sanktionen abhängig sei. Das Unternehmen betrachte das Vorhaben als eigenständiges wirtschaftliches Projekt.
Die politischen Voraussetzungen für weitere Energiegeschäfte haben sich zuletzt verändert. Trump setzte im Oktober Teile der neuen amerikanischen Sanktionen gegen Russland aus. Außerdem vereinbarte seine Regierung mit Moskau die Wiederaufnahme russischer Diesellieferungen in die USA.
Polar LNG hält trotz der Vorwürfe an seinen Plänen fest. Nach Unternehmensangaben könnte die Anlage in Alaska frühestens Ende 2030 mit den Gaslieferungen beginnen. Dafür müssen allerdings noch Genehmigungen, Investoren und weitere technische Voraussetzungen gesichert werden.
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