Die Revolution findet im Hinterhof statt, genauer gesagt im zweiten Hinterhof, in der 1. Etage, im Versammlungsraum am Mehringdamm. "Schröder muss weg", steht auf Transparenten, die notdürftig an Pfeilern befestigt sind. "Schluss mit dem Kürzen - Schröder stürzen" lautet die Schlagzeile in der Zeitung der Organisation Linksruck. Es geht um eine neue Linkspartei, die jetzt auch in Berlin gegründet werden soll. Wann das passiert, ist unklar. Dass es aber geschieht, davon sind die Initiatoren überzeugt.Werner Halbauer ist einer von ihnen, 58 Jahre alt, pensionierter Softwareentwickler und nach eigenen Angaben Alt-68er. Er engagiert sich als Globalisierungsgegner, ist enttäuscht von den Grünen, der SPD und von der PDS erst recht. Die Demonstrationen am 3. April in Berlin hat er mit organisiert. "Es gibt in den Parteien keine Ansätze gegen die neoliberale Politik", sagt Halbauer. Der im Iran geborene PDS-Politiker Rouzbeh Taher gehört auch zu den Initiatoren einer neuen Partei. Mit seiner eigenen tut er sich öffentlich schwer und will austreten. "Die PDS hat es nicht geschafft, sich als Alternative zu präsentieren", sagt Taher. Und dann wird er kämpferisch: "Dieses Ausmaß an Sozial- und Bildungsraub in Berlin unter Beteiligung der PDS an der Landesregierung habe ich mir so nicht vorgestellt."Da sitzen sie also jetzt im Kreuzberger Hinterhof und sprechen zu den Zuhörern. Deutsche Frauen mit Kopftüchern sind darunter, Studenten mit Palästinenser-Tüchern, grau gewordene, frühere Mitglieder der Alternativen Liste (AL), alte Männer ins Jeansjacken. Kämpferisch spricht Halbauer zu ihnen. "Wir erleben den schärfsten Angriff auf das Sozialsystem", sagt er. Und er sieht den "Beginn einer neuen außerparlamentarischen Bewegung in Deutschland", während einige Zuhörer sich zurück versetzt fühlen in die Zeiten der alten APO, AL und Socken strickender Abgeordneter. "Wir brauchen in dieser Stadt einen Neuanfang", sagt deshalb auch Renate Heitmann. Ob es ihr die Leute abnehmen, ist eine andere Sache. Einst hat sie sich bei der Alternativen Liste versucht. Auch damals, in den 80er-Jahren, war von Neuanfang, Gleichstellung, sozialer Gerechtigkeit die Rede."Rot-Rot steht auf tönernden Füßen", sagt Sascha Kimpel, Mitglied bei der Globalisierungsgegner-Bewegung Attac. Er fordert die Rücknahme der Privatisierungspolitik, die Einführung der Vermögensteuer und ein Ende der Kahlschlagpolitik beim Klinikkonzern Vivantes sowie bei den Verkehrsbetrieben. Bei der Linkspartei müsse es darum gehen, zehn bis 15 Prozent der Wählerstimmen zu kriegen. "Wir müssen den Widerstand aufbauen, die Chancen sind riesig", glaubt Werner Halbauer. Und die Revolution steht erst am Anfang. Schon im Juni soll in Kreuzberg über ein Volksbegehren zur Abwahl des Senats beraten werden. Dann könnte auch die neue Linkspartei aufgestellt sein.
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