BONN, 11. Dezember. Niemand könnte Thorsten Albig an diesem Morgen den Gedanken verübeln, daß es doch keine gute Idee war, Pressesprecher im Bundesfinanzministerium zu werden. Albig bezieht sein Gehalt dafür, daß er stets den Standpunkt seines Chefs, Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, vertritt. Das ist mitunter nicht leicht, besonders heute um halb zwölf im Saal der Bundes-Pressekonferenz nicht. Vor den Bonner Journalisten muß Albig tapfer behaupten, daß Lafontaine eine Äußerung niemals getan habe, die in Bonn für Wirbel sorgt: Wenn die Bundesregierung es nicht schaffe, die Arbeitslosenzahl bis 2002 von vier auf drei Millionen zu senken, dann sei sie gescheitert. Lafontaine habe bei dem in Rede stehenden Interview in der ZDF-Sendung "Was nun?" überhaupt keine Zahl in den Mund genommen. Das Problem daran ist: 2,8 Millionen Zuschauer überzeugten sich am Vorabend im Fernsehen davon, daß Lafontaines Dementi nicht stimmt.Lafontaine ärgert sich über sich selbst. Er hat etwas gesagt, daß er besser unterlassen hätte. Der Fehler ist ihm auch nur im Eifer des Gefechts unterlaufen. Im Ergebnis ist er ein grober politischer Schnitzer, dessen Auswirkungen noch schwer abzuschätzen sind. Einem Profi wie ihm dürfte das eigentlich nicht passieren. Er weiß das, und das wurmt ihn.Der Bundesfinanzminister versucht, den Geist in die Flasche zurückzuholen. Die Methode, die er dabei wählt, ist in der Politik bislang neu: Er kämpft gegen den Beweis eines Videobandes. ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser läßt die Ausschrift davon, versehen mit dem Siegel seiner Unterschrift, auf Anfrage versenden.Bresser fragt Lafontaine: "Wenn wir vor der nächsten Wahl 2002 eine Million Arbeitslose weniger haben, sind Sie dann gescheitert oder nicht?" Der Minister antwortet: "Dann sind wir nicht gescheitert, denn erstens Mal kennen wir nicht die weltwirtschaftlichen Bedingungen, denen wir alle unterworfen sind und das glaube ich, ist keine faule Ausrede. Wenn es uns gelingt, von vier Millionen auf drei Millionen zu kommen, dann ist das schon ein ganz schönes Stück Erfolg " Bresser wirft ein: " und wenn Sie es nicht schaffen?" Da fährt Lafontaine fort: " ja dann, dann sind wir gescheitert. Dann sind wir gescheitert. Denn wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Arbeitslosigkeit abzubauen, und dann wären wir genauso gescheitert wie die Regierung Kohl. Und das Kriterium, das wir gegenüber anderen anwenden, müssen wir auch uns gegenüber gelten lassen."Journalisten von fünf Nachrichtenagenturen saßen bei dem Interview im Hintergrund und hörten zu, sagt Bresser. Als sie wenig später ihre ersten Meldungen über die Tikker jagen, schrecken die Spitzen der Bundesregierung und der Koalition auf. Immer hat die rot-grüne Regierung, an der Spitze Bundeskanzler Gerhard Schröder, den Abbau der Arbeitslosigkeit als erstes Ziel hingestellt. "Daran werden wir uns messen lassen", hatte Schröder im Wahlkampf und in seiner Regierungserklärung immer wieder betont. Aber eine feste Zahl nannte er nie, und das ganz bewußt. Alle Spitzenpolitiker in der rot-grünen Regierung sind sich einig: Es wäre Wahnsinn, den Wählern mit einer Zahl das Gefühl zu geben, sie könnten den Erfolg der Politik sozusagen mit dem Rechenschieber nachprüfen.Zu gut ist ihnen noch in Erinnerung, wie Bundeskanzler Helmut Kohl in der Wählergunst auf die abschüssige Bahn geriet. Die "Halbierung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000" hatte Kohl versprochen. Daß er hinzugefügt hatte, das gelte für den Fall, daß Arbeitgeber, Gewerkschaften und Regierung im "Bündnis für Arbeit" an einem Strang zögen das interessierte niemanden mehr. Das Vertrauen in Kohl sank im selben Maße, wie sich seine Prognose als unhaltbar entpuppte.Und darum rauften sich alle im Regierungslager sofort die Haare, als sie die Meldung mit den "drei Millionen" Arbeitslosen bis 2002 lasen. " da kann man ja nur hoffen, daß das auch eintritt", stöhnte leise ein Mitarbeiter des Kanzlers, nachdem er tief Luft geholt hatte. Zwei Stunden später sprach Schröder seinen Finanzminister im Bundestag oberhalb der Regierungsbänke auf die Sache an. Im Plenum spielte sich das übliche Getümmel einer namentlichen Abstimmung ab. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck eilte hinzu. Wie er das habe sagen können, wollten sie wissen. Doch Lafontaine beruhigte sie: Die Meldung sei falsch, das habe er nie gesagt, teilte er mit. Dann brauche er die Sache auch nicht zu kommentieren, beschloß Schröder.Ganz sicher schien sich der Finanzminister offenbar doch nicht zu sein. Mit seiner Pressesprecherin Dagmar Wiebusch schaute er sich den betreffenden Ausschnitt in der Nähe des Bundestags-Plenarsaals an. Anschließend erklärte er: "Die Zahl ,drei Millionen ist nicht von mir. Ich würde eine solche Zahl nie so sagen, weil kein Mensch sie vorhersagen kann." Ein "Mißverständnis" sei das alles. Offiziell dementieren wolle er die Nachricht aber auch nicht, weil die Interpretation irgendwie schon auch zulässig sei. "Ich habe bei der Antwort nicht aufgepaßt", räumte er schließlich ein.Vielleicht ist Lafontaine mit Fernsehinterviews künftig vorsichtiger und führt statt dessen Gespräche mit Zeitungen. Dabei gilt in Bonn die Gewohnheitsregel, daß sie den Politikern nochmals vorgelegt werden. Damit erhalten sie Gelegenheit, sich zu korrigieren oder das Gesagte zu verschärfen.Die Pointe der Geschichte liefert am Freitag wiederum das ZDF. 67 Prozent der Befragten des "Politbarometers", so teilt der Sender mit, hofften zwar, daß die Arbeitslosigkeit sinke aber sie glauben nicht daran. Immerhin darf sich die Bundesregierung also mit ihrer Skepsis und Verzagtheit von der Mehrheit im Volk getragen fühlen.
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