Wildtierforschung

Ossi wurde versehentlich auf Rügen abgeschossen: Was geschah mit dem Rothirsch?

Nach dem Tod eines besenderten Rothirsches auf Rügen wird über eine fehlende Abschussfreigabe und einen beschädigten Sender gestritten. Doch wo blieb das Wildbret?

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Ossi war ein Rothirsch auf Rügen. Der Rothirsch ist das Tier des Jahres 2026 (Symbolfoto).

Ossi war ein Rothirsch auf Rügen. Der Rothirsch ist das Tier des Jahres 2026 (Symbolfoto).

© Robert Groß

Der Abschuss des Forschungshirsches „Ossi“ hat auf Rügen eine Debatte über Jagdrecht, wissenschaftliche Verantwortung und den Umgang mit markierten Wildtieren ausgelöst. Doch während sich die öffentliche Aufmerksamkeit bislang vor allem auf den Schuss und das beschädigte Senderhalsband richtet, ist über das weitere Schicksal des Tieres nichts bekannt.

Wurde der Hirsch nach dem Abschuss zerwirkt? Gelangte sein Fleisch als Wildbret in den Verkauf oder wurde es privat verzehrt? Wurden Proben für wissenschaftliche, genetische oder veterinärmedizinische Untersuchungen gesichert? Auf diese Fragen gibt es bislang keine öffentlich dokumentierten Antworten.

Sender erst Tage später übergeben

„Ossi“ war der erste besenderte junge Hirsch des Forschungsprojekts „Wild auf Wanderschaft“. Der Rothirsch trug ein auffälliges gelbes Halsband sowie Ohrmarken mit der Nummer 60. Seine Bewegungsdaten sollten dabei helfen, Wanderwege und Lebensräume des Rotwilds auf Rügen und Hiddensee besser zu verstehen.

Nach Angaben des Jagdverbands Rügen & Hiddensee wurde Ossi ohne wildtierökologische Notwendigkeit erschossen. Zudem habe nach den dem Verband vorliegenden Informationen keine Abschussfreigabe bestanden. Eine öffentliche Bestätigung dieser Darstellung durch die zuständige Jagdbehörde liegt bislang allerdings nicht vor.

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Der Verband erklärte am 6. September, erst mehrere Tage nach dem Abschuss informiert worden zu sein. Auch das Senderhalsband sei verspätet und beschädigt übergeben worden. Fachleute sollen nun prüfen, ob die darauf gespeicherten Daten noch ausgelesen werden können.

Wie das Halsband beschädigt wurde und wann dies geschah, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, wer nach dem Schuss über den Körper des Hirsches verfügte.

Wo ist der Tierkörper geblieben?

Erlegtes Rotwild wird üblicherweise als Lebensmittel genutzt, sofern es fachgerecht versorgt wurde und keine gesundheitlichen Bedenken bestehen. Ob dies auch bei Ossi geschah, ist nicht bekannt. Bislang wurde weder mitgeteilt, ob das Wildbret verkauft oder weitergegeben wurde, noch ob sich Teile des Tierkörpers noch in Verwahrung befinden.

Der Verbleib könnte nicht nur wegen möglicher Ersatzansprüche von Bedeutung sein. Für das Forschungsprojekt wäre auch relevant, ob Gewebeproben genommen wurden. Sie könnten genetische Informationen liefern und damit einen Teil des wissenschaftlichen Verlusts zumindest begrenzen.

Offen ist außerdem, ob der Körper oder einzelne Teile bei einer möglichen behördlichen Untersuchung noch eine Rolle spielen könnten. Öffentlich bekannt ist derzeit nicht einmal, ob Polizei, Staatsanwaltschaft oder Jagdbehörde ein Verfahren eingeleitet haben.

Rechtliche Bewertung weiterhin offen

Der Fall wird in sozialen Netzwerken und Jagdforen inzwischen kontrovers diskutiert. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob ein Verstoß gegen Abschussvorgaben automatisch eine Straftat darstellt und welchen Schutz besenderte Forschungstiere genießen.

Belastbare neue Erkenntnisse zum konkreten Fall liefern diese Diskussionen bislang nicht. Es gibt weder öffentlich überprüfbare Augenzeugenberichte noch eine Stellungnahme des Schützen. Auch das genaue Datum, der Ort und die Umstände des Abschusses sind nicht bekannt.

Deshalb ist bei der rechtlichen Einordnung Zurückhaltung geboten. Dass der Jagdverband von einem nicht freigegebenen Abschuss ausgeht, ist dokumentiert. Ob der Abschuss tatsächlich rechtswidrig war, muss jedoch von den zuständigen Stellen geklärt werden.

Wissenschaftlicher Schaden noch nicht bezifferbar

Das Projekt „Wild auf Wanderschaft“ untersucht die räumliche und zeitliche Nutzung der Lebensräume durch das Rotwild auf Rügen und Hiddensee. Daran sind mehrere wissenschaftliche Einrichtungen und Fachbüros beteiligt. Die Erkenntnisse sollen unter anderem helfen, Wanderbewegungen und den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen besser zu verstehen.

Ein Teil von Ossis Bewegungsdaten soll bereits übermittelt worden sein. Unklar ist jedoch, welche zusätzlichen Informationen noch im Halsband gespeichert waren und ob diese gerettet werden können. Ebenso wenig lässt sich bislang beziffern, wie groß der wissenschaftliche und finanzielle Schaden tatsächlich ist.

Damit fehlen im Fall Ossi derzeit Antworten auf zwei verschiedene Fragen: Warum wurde der markierte Forschungshirsch erschossen – und was geschah mit ihm, nachdem der Schuss gefallen war?

Ausgerechnet im Jahr 2026 steht Ossis Art besonders im Fokus: Der Rothirsch wurde von der Deutschen Wildtier Stiftung zum Tier des Jahres 2026 gewählt. Die Auszeichnung soll auf die Bedeutung seiner Wanderwege und des genetischen Austauschs zwischen den Populationen aufmerksam machen. Also genau auf das, worüber die Daten der Sender an Ossis Körper Aufschluss geben sollten.

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