Kommentar

Ostdeutschlands Wirtschaft gerät ins Wanken – mit Folgen für das ganze Land

Im Osten wächst die Sorge vor einem neuen industriellen Kahlschlag. Bleibt die politische Antwort aus, droht aus der Wirtschaftskrise eine Krise der Demokratie zu werden.

8 Min
Die Pleitewelle in Deutschland erreicht 2026 den höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Laut Daten der Creditreform Wirtschaftsforschung gab es allein im ersten Halbjahr 12.900 Unternehmensinsolvenzen.

Die Pleitewelle in Deutschland erreicht 2026 den höchsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Laut Daten der Creditreform Wirtschaftsforschung gab es allein im ersten Halbjahr 12.900 Unternehmensinsolvenzen.

© IMAGO/Sabine Gudath

Noch hält die Bevölkerung im Osten Deutschlands still und geht nicht scharenweise, wie jetzt in Frankreich, auf die Barrikaden. Dieses Schweigen liegt wohl daran, dass die wirtschaftliche Situation von vielen Menschen hierzulande im Verhältnis zu anderen europäischen Nationen noch einigermaßen komfortabel ist. Aber am Horizont zeichnen sich derzeit sehr dunkle Wolken ab, die zu einer ernsten Bedrohung nicht nur unserer ökonomischen Lage führen können.

Vielmehr könnte bei anhaltender Krise des politischen und des wirtschaftlichen Systems die Kernfrage gestellt werden: Ist unsere derzeitige Demokratie noch die richtige effiziente Regierungsform? Das ist der wahre dramatische Hintergrund der schweren aufkommenden ökonomischen Flaute. Am Ende führt diese zur Systemfrage.

Neue Statistiken melden alarmierende Zahlen

Gerade wegen dieser entscheidenden Frage wächst der ostdeutschen Wirtschaft enorme Bedeutung zu. Es ist eine Krise, die weit über sinkende Auftragszahlen hinausgeht. In den Industriegebieten von Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg steht ein großes Stück wirtschaftlicher Zukunft auf dem Spiel. Chemieunternehmen kämpfen mit hohen Energiekosten, Zulieferer geraten unter Druck, Investitionen werden verschoben. Wo einst der Aufbruch versprochen wurde, wächst die Sorge, dass industrielle Substanz endgültig verloren geht.

Die Zahlen sind alarmierend: In seiner aktuellen Prognose 2026 rechnete das Ifo-Institut Dresden für Ostdeutschland nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,7 Prozent. Für das ostdeutsche Baugewerbe wurde sogar ein Rückgang von 0,8 Prozent erwartet. Für Sachsen lag die Prognose bei nur 0,5 Prozent. Gleichzeitig bleiben die privaten Unternehmensinvestitionen im Osten deutlich hinter dem westdeutschen Niveau zurück. Ein besonders aktueller Warnhinweis kommt aus der Metall- und Elektroindustrie: Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall meldet, dass die Produktion der Branche weiterhin 15 Prozent unter dem Niveau von 2018 liege. Der Verband warnt vor einem dritten Rezessionsjahr in Folge.

Und die Insolvenzen in Ostdeutschland stiegen im Schnitt um sechs Prozent im Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr, in Brandenburg sogar zweistellig. Die Tendenz steigt stark. Man darf nicht vergessen: Jede Betriebsschließung ist mehr als eine unternehmerische Entscheidung. Sie kann das wirtschaftliche Fundament einer ganzen Kommune oder Region erschüttern. Mit einem mittelständischen Industriebetrieb verschwinden nicht nur Arbeitsplätze. Häufig verlieren auch Zulieferer, Handwerker, Logistikunternehmen und lokale Dienstleister einen wichtigen Auftraggeber.

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Steigende Energiepreise und internationale Konflikte bremsen die seit langem erhoffte Erholung. Wie ernst die Stimmung in den Unternehmen ist, bringt Holger Lösch, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), jetzt auf den Punkt: „Die Stimmung in den Unternehmen im Osten ist sehr bedrückt und frustrierend.“

Die Ursachen sind vielfältig: Energie, Löhne, Material und Finanzierung belasten die Unternehmen. Steigende Kosten können nicht immer an Kunden weitergegeben werden. Der Energiepreisschock von 2026 verschärft diese Probleme zusätzlich. Insbesondere blockieren lange Ausschreibungen, also das altbekannte „Bürokratie-Monster“, längst notwendige Innovationen. Diese verharren bei zuletzt rund 70 Prozent des westdeutschen Pro-Kopf-Werts und befördern kein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum mehr.

Die Autoindustrie steckt in einer tiefen Krise: In Zwickau soll das VW-Werk geschlossen werden und tausende Arbeitsplätze wegfallen.

Die Autoindustrie steckt in einer tiefen Krise: In Zwickau soll das VW-Werk geschlossen werden und tausende Arbeitsplätze wegfallen.

© Bernd Weißbrod/dpa

Das liegt insbesondere daran, dass westdeutsche Konzerne angesichts eigener Schwierigkeiten ihre Wirtschaftskraft im Osten zurückfahren. Häufig wird übersehen: Heute befinden sich rund 80 Prozent der großen ostdeutschen Firmenstandorte in westdeutscher oder ausländischer Hand. Gewinne und zentrale Funktionen wie die Forschung, Verwaltung und Konzernentscheidungen liegen daher oft im Westen, was das regionale Wachstum im Osten dämpft.

Und was passiert? VW in Wolfsburg hat im September 2026 einen Sanierungsplan beschlossen, nach dem die Fahrzeugproduktion in Zwickau zwischen 2031 und 2034 auslaufen soll. Bosch hat die Fertigung von Elektrowerkzeugen zum Juli 2026 eingestellt. Rund 280 Beschäftigte waren betroffen. Die Produktion wird unter anderem nach Ungarn verlagert; das Werk soll verkauft werden. Intel hat sein geplantes Chipfabrik-Projekt in Magdeburg aufgegeben. Das ist kein Abbau einer bereits laufenden Fabrik, aber eine bedeutende nicht realisierte Industrieinvestition für Sachsen-Anhalt. Auch andere westdeutsche Konzerne wie Daimler Truck und Schaeffler drohen Arbeit in Ostdeutschland abzubauen.

Im Osten bauen westdeutsche Firmen Industrie ab

Bezeichnenderweise sagt ein Manager des VW-Werkes in Zwickau: „Entschieden wird in Wolfsburg, nicht hier bei uns. Was sollen wir also tun?“ Schon warnt die IG Metall, dass es in Sachsen nach der schmerzlich erlittenen Deindustrialisierung der Nachwende-Jahre zu einem zweiten großen Industrieabbau kommen kann.

Neben der Abhängigkeit von westlichen Konzernentscheidungen verweisen die ostdeutschen Unternehmer auf die immer noch fehlenden Initiativen der neuen Bundesregierung. Geschäftsführer der Gießerei Lößnitz (Sachsen) und Präsident der IHK Chemnitz, Max Jankowsky, betont: „Viele kleine Mittelständler und Dienstleister haben das Gefühl, dass sie in Berlin nicht gehört und daher vergessen werden.“

Die bürokratischen Hemmnisse sind vor allen Dingen im Mittelstand verheerend. So sagt Unternehmer Eckhard Schmidt, Chef des Zerbster Schraubenwerkes in Sachsen-Anhalt: „Insgesamt schätze ich, dass wir rund 750.000 Euro pro Jahr Mehrkosten haben durch Bürokratie. Aber nicht nur durch die Mitarbeiter, sondern auch für die ganzen Berichtspflichten, die kontrolliert werden von Abnahmegesellschaften und Beratungsgesellschaften.“

Viele ostdeutsche Unternehmer sagen, sie glauben nicht mehr daran, dass die neue Bundesregierung wirksame Wachstumsimpulse setzen wird. Die Energiepreise seien viel zu hoch; gerade hier im Osten, wo energieintensive Industrie oft stärker als im Westen vertreten ist. Zudem sei die Suche nach geeigneten Arbeitnehmern und Fachkräften eine riesige Herausforderung. Angesichts dieser Not klagen die ostdeutschen Ministerpräsidenten immer deutlicher, aber bisher vergeblich, dass im Berliner Bundeskabinett der Osten eine viel stärkere Stimme bekommen müsse.

Der Teufelskreis angesichts der starken AfD

Der Teufelskreis zeigt sich gerade in der Wirtschaft: Weil diese in Ostdeutschland stagniert, ziehen viele Unzufriedene zur AfD. Weil aber die AfD zunehmend an Kraft gewinnt, sind viele Investoren vorsichtig. Niemand hat dieses schwer aufzulösende Dilemma besser beschrieben als Antoine de Saint-Exupéry.

Der kleine Prinz fragt den Trinker: „Warum trinkst du?“ Der Trinker antwortet, dass er traurig sei. Und warum sei er denn traurig? Und die Antwort sagt alles: Weil er eben trinke.

Beim aktuellen Thema AfD haben auch die ostdeutschen Unternehmer noch kein probates Gegenmittel gefunden. So betont Großunternehmer Holger Loclair aus Oranienburg, dass man die AfD mit einer Brandmauer nicht einfach ausschließen dürfe. Eine einheitliche Meinung zum neuen Phänomen der rechten Partei gibt es unter den Ost-Unternehmern nicht. Denn gerade Ostdeutschland hat demografisch eine große Herausforderung aufgrund von Überalterung und weniger Zuzug. Zuwanderung kann daher besonders wichtig sein.

Branchendialog Ost: Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) mit Branchenvertretern.

Branchendialog Ost: Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) und Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) mit Branchenvertretern.

© IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Bei aller gegenwärtigen Kritik ergeben sich auch erfreuliche Punkte. Ostdeutschland ist kein einheitlicher Wirtschaftsraum; vielmehr gibt es regionale Unterschiede mit zum Teil überdurchschnittlichen Potenzialen. So liegt Sachsen mit einer Exportquote von 32 Prozent über dem westdeutschen Durchschnitt. In Thüringen liegt der Industrieanteil auf dem Niveau von Bayern. Berlin und Sachsen belegen bei den Forschungsausgaben Spitzenplätze im EU-Vergleich. Und Brandenburg profitiert stark vom Zuzug aus der Hauptstadtregion.

Auch Großbetriebe wissen um ihre Verantwortung. Der Halbleiterkonzern Jenoptik hat 2024 die Umsatzmilliarde geknackt. Jenoptik und das Gasversorgungsunternehmen VNG AG in Leipzig sowie der Cottbuser Energieriese LEAG sind positive Leuchttürme in stürmischen Zeiten. Sie bringen sich im örtlichen Sport- und Kultursponsoring ein und kennen ihre Bedeutung in ihrer Region.

Dennoch ist und bleibt der Mittelstand in Ostdeutschland entscheidend. Rund 80 Prozent der etwa 6,4 Millionen Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern arbeiten bei kleineren Unternehmen, häufig jahrzehntelang. Sie treiben somit den Strukturwandel nach dem Wegfall der großen Industriekonzerne nach 1990 aktiv voran. Und sie sind häufig flexibler und innovationsstärker als große Konzerne.

Verfall der Ökonomie kann zur Systemfrage führen

Die Frage also, ob sich die Menschen in Ostdeutschland noch wohlfühlen, ist vor allem anhand der ökonomischen Kraft ihrer Region zu beantworten. Der ökonomische Niedergang kann zur Systemfrage mutieren. Der Immobilienentwickler Bernd Schaeff aus Luckenwalde, der schon Anfang der 90er Jahre als Regensburger nach Brandenburg kam, kennt die ost- und die westdeutsche Seite: „Der Westen hatte doch mindestens 30 Jahre mehr Zeit, Speck anzusetzen. Das ist dem Osten bis 1990 vergönnt geblieben.“ Und er sieht ein wichtiges Verhalten der Bundesregierung: „Diese kümmert sich vorrangig um den Westen, weil dort die Großindustrie sitzt.“

Das Fazit vieler ostdeutscher Unternehmer ist, dass sofort politisch entgegengesteuert werden muss: Die Energiepreise müssen gesenkt und die belastende Bürokratie abgebaut werden. Fatal dabei ist, dass die Bundesregierung diese Themen kennt. Der große Tanker zeigt sich indes unbeweglich. Ostdeutschland ist jedoch ein Seismograf deutscher Befindlichkeiten, und die Wirtschaft deren Grundlage. Scheitert die Wirtschaft, scheitert dieses Land.

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