Konjunktur

Brandenburgs Wirtschaft im Abwärtstrend: IHKs warnen vor Deindustrialisierung

Die Geschäftserwartungen in Süd- und Westbrandenburg bewegen sich auf dem Krisenniveau von 2022. Unternehmen fordern daher dringend Entlastungen.

OAZ
4 Min
Laut dem Potsdamer IHK-Chef Christian  Herzog sind viele der derzeitigen wirtschaftlichen Probleme politisch hausgemacht und werden seit Jahren verschleppt.

Laut dem Potsdamer IHK-Chef Christian  Herzog sind viele der derzeitigen wirtschaftlichen Probleme politisch hausgemacht und werden seit Jahren verschleppt.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Die Stimmung in der brandenburgischen Wirtschaft hat sich nach Angaben der Industrie- und Handelskammern (IHK) Cottbus und Potsdam aufgrund der Folgen des Irankriegs erheblich eingetrübt. Die Geschäftserwartungen liegen demnach auf dem Niveau zu Beginn des Ukrainekriegs im Jahr 2022. Beide Kammern fordern politische Reformen und warnen vor einer schleichenden Deindustrialisierung.

In Südbrandenburg ist der Geschäftslage-Saldo laut aktueller Konjunkturanalyse der IHK Cottbus im Vergleich zum Frühsommer 2025 von 23 auf 4 Prozentpunkte gefallen. Der Erwartungssaldo sank von minus 24 auf minus 30 Punkte. 40 Prozent der befragten Unternehmen rechneten mit einer weiteren Verschlechterung ihrer Geschäftslage, lediglich 10 Prozent erwarteten eine Verbesserung. Die übrigen 50 Prozent gingen von einer unveränderten Entwicklung aus, teilte die Kammer mit.

„Branchenübergreifend ist die Stimmung schlecht“, sagte André Fritsche, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus. Hohe Energie- und Rohstoffpreise, steigende Arbeitskosten, eine schwache Nachfrage und Kaufzurückhaltung belasteten die Geschäftsentwicklung zunehmend. In vielen Betrieben führe dies inzwischen zu spürbarem Stillstand. Fritsche verwies auf einen Widerspruch zur Außenwahrnehmung der Region: Einerseits gebe es positive Nachrichten zu Spitzenplätzen bei der Wirtschaftsdynamik und Aufbruchstimmung durch den Strukturwandel, andererseits seien insbesondere kleine und mittlere Unternehmen krisengeschüttelt.

Forderung nach schnellen Entlastungen

Fritsche forderte: „Mutige Reformen, die schnell spürbare Entlastungen bringen, sind seit Monaten das Gebot der Stunde – lassen aber viel zu lange auf sich warten.“ Das Wichtigste für die Unternehmen seien Verlässlichkeit und Planbarkeit. „Es geht um Arbeitsplätze, Investitionen und die wirtschaftliche Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland“, sagte der Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus.

Die schwierigen Rahmenbedingungen schlagen sich nach Angaben der IHK Cottbus deutlich im Investitionsverhalten nieder. Mehr als die Hälfte der südbrandenburgischen Unternehmen plant demnach, Investitionen zurückzustellen oder vollständig auszusetzen. Im Handel verzichteten 69 Prozent der Betriebe auf Investitionen. Die Industrie zeige sich hingegen noch robust: 65 Prozent der Industriebetriebe planten gleichbleibende oder steigende Investitionen, rund jedes zweite Unternehmen investiere in den Ausbau von Kapazitäten.

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Zugleich spitzt sich die Finanzlage zu. 57 Prozent der Unternehmen bewerteten ihre wirtschaftliche Situation als problematisch, teilte die Kammer mit. Rund ein Drittel meldete sinkendes Eigenkapital, knapp ein Viertel berichtete von wachsenden Liquiditätsengpässen. 24 Prozent der Unternehmen planten zudem, Stellen abzubauen, lediglich 13 Prozent wollten neue Stellen schaffen.

Warnung vor „Deindustrialisierung auf Raten“

Auch im Kammerbezirk Potsdam hat sich die Stimmung verschlechtert. Der IHK-Konjunkturklimaindex fiel laut Mitteilung der IHK Potsdam um 16 Punkte auf 86. Die regionale Wirtschaft folge damit dem negativen Bundestrend. Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Seitwärtsbewegung sei der Abwärtstrend nun unübersehbar, teilte die Kammer mit.

Der Saldo der Geschäftslage sank in Westbrandenburg von 14 auf 3 Punkte. Noch deutlicher fiel der Rückgang bei den Geschäftserwartungen aus: Hier liegt der Saldo nun bei minus 28 Punkten. Damit blickten die Unternehmen so pessimistisch in die Zukunft wie seit der Energiekrise 2022 nicht mehr.

„Das ist kein Warnsignal mehr! Die Unternehmen in Westbrandenburg stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte Christian Herzog, Hauptgeschäftsführer der IHK Potsdam. „Explodierende Energiepreise, unsichere Rahmenbedingungen, anhaltend hohe Arbeitskosten und lähmende Bürokratie: Viele dieser Probleme sind politisch hausgemacht und werden seit Jahren verschleppt.“ Wer jetzt noch zögere, handle fahrlässig. „Uns droht kein gradueller Abschwung, sondern uns droht eine Deindustrialisierung auf Raten“, warnte Herzog.

Energiepreise sind erneut größtes Risiko

Als zentrales Geschäftsrisiko nannten beide Kammern die Energie- und Rohstoffpreise. In Südbrandenburg sahen darin 74 Prozent der Unternehmen eine Belastung. In Westbrandenburg waren es 75 Prozent – ein Anstieg um 31 Prozentpunkte innerhalb von vier Monaten. Damit nähere sich die Risikowahrnehmung wieder den Werten aus dem Energiemangeljahr 2022, teilte die IHK Potsdam mit.

Im südbrandenburgischen Risikoradar folgten die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (64 Prozent), Arbeitskosten (60 Prozent), Inlandsabsatz (49 Prozent), Fachkräftemangel (42 Prozent), Finanzierung (17 Prozent), Auslandsabsatz (10 Prozent) und die Auswirkungen des Klimawandels (5 Prozent). Auch in Westbrandenburg blieben die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ein bedeutender Unsicherheitsfaktor, hieß es.

Der Fachkräftemangel werde zwar seltener genannt als in früheren Befragungen, bleibe für viele Betriebe aber weiterhin relevant. Die Beschäftigungserwartungen im Potsdamer Kammerbezirk blieben trotz der schlechteren Rahmenbedingungen insgesamt stabil. Die meisten Unternehmen rechneten weiterhin mit einer gleichbleibenden Beschäftigtenzahl. Die Umsatzerwartungen hätten sich dagegen deutlich eingetrübt. Die Kombination aus hoher Kostenbelastung, geopolitischer Unsicherheit und gedämpfter Nachfrage schlage sich in den wirtschaftlichen Erwartungen nieder, teilte die IHK Potsdam mit.

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