Die Brandmauern mögen bröckeln, aber die Blasen in unserer Gesellschaft erweisen sich doch als zäh. Besonders die Häute zwischen den städtischen Eliten und den ländlichen Steuerbürgern sind kaum durchlässig. In Anlehnung an den Bitterfelder Weg, bei dem seit den Sechzigern das DDR-Proletariat als kreatives Subjekt auftreten und der Kumpel zur Feder greifen sollte, lautete ein Motto der ersten Ausgabe des Osten-Festivals 2022: „Komm aus deiner Blase, Kumpel!“ Ein paar Kuratoren und Künstler suchten sich die Industriebrachen des Ostens als Spielwiesen aus, um Angebote für die Dortgebliebenen zu platzieren.
Sie nennen in leicht formelhafter Bescheidenheit ihren Anspruch im Untertitel: „Festival für Kunst und gegenseitiges Interesse“. Anders als andere Festivals, die mit ihren Ufos wie Aliens einfallen, wollen sich die Osten-Leute fester mit der Zivilgesellschaft verbinden, örtliche Initiativen inspirieren und stärken. Sie interessieren sich für diese Gegend in Sachsen-Anhalt, die sich gerade von einem aufgerissenen, lange malträtierten und verseuchten Landstrich zu einem dünn besiedelten Naherholungsgebiet verwandelt. Sie suchen nach Spielorten mit symbolischer Kraft. In der abgewickelten Industrieregion stecken standortspezifische Geschichten, in denen zwar hoffnungsvolle Aufbrüche und Anfänge von Utopien summen, die aber inzwischen oft einen deprimierenden Tiefpunkt erreicht haben. Wie kann es weitergehen?
Sogar die Bahn-App sagt: „Alternativen suchen“
Aljoscha Begrich ist Mitgründer des veranstaltenden Vereins Kulturpark e.V. und von Anfang an dabei. Er hat seinen realistischen Blick behalten, durch die Arbeit in Ostdeutschland vielleicht auch vertieft, und ist dennoch ungebrochen in seiner Motivation. Inzwischen sind über vier Jahre kontinuierliche Festivalarbeit vergangen, aber die Umfragewerte für die AfD haben sich in der Region ungefähr verdoppelt. Muss ihn das nicht grämen und am Sinn seines Tuns zweifeln lassen? „Glücklich macht mich das nicht“, sagt Begrich. „Aber warum erwarten wir, dass das Festival nicht nur alle erreichen soll, sondern am besten auch noch milde stimmen, politisch umpolen und für die Demokratie begeistern – wenn doch ein subventioniertes Theater in Berlin auch nur fünf Prozent der Stadtgesellschaft erreicht.“
Der 1977 in Barby im ländlichen Sachsen-Anhalt geborene Spross einer mitteldeutschen Pastorenfamilie – sein großer Bruder ist Pfarrer in achter Generation – kam im Wendejahr nach Berlin, studierte hier, in Buenos Aires und Mexiko-Stadt unter anderem Mediengeschichte und Konzeptkunst. Seit Ende der 2000er-Jahre reiht er Schaffensstationen in vielen Kulturinstitutionen aneinander, begleitete Freie Gruppen wie Rimini-Protokoll, mit denen er heute noch zusammenarbeitet. Er war Dramaturg am Gorki, Kurator unter anderem bei der Ruhrtriennale und bei den Berliner Festspielen. Er hätte es sich gemütlich machen können in dieser Bubble.
Aljoscha Begrich
© Felix Abraham
Mit ihm habe ich mich zu einem Rundgang in Zschornewitz verabredet. Wir treffen uns beim Spurt in Wittenberg. Der ICE ist zu spät, die S-Bahn Richtung Leipzig wird nicht auf uns warten, die Bahn-App meldet: „Verbindung ist nicht mehr fahrbar“. Aber statt auf „Alternativen suchen“ zu drücken, nehmen wir die Beine in die Hand und bekommen doch noch die S-Bahn, die uns bis Gräfenhainichen bringt, von wo der Bus nur noch einen Katzensprung machen muss. Begrichs trockener Kommentar: „Wenn die Bahnfahrer dreimal in der Woche aufgefordert werden, nach Alternativen zu suchen, braucht man sich über den Zuspruch für die AfD nicht zu wundern.“
Energie für Verzagte
Das Festival eroberte 2022 den Bitterfelder Kulturpalast, den es als eine Stätte der Gemeinschaft inmitten des Chemieparks wiederbelebte. Die zweite Ausgabe fand 2024 in Gebäuden der legendären Filmfabrik Wolfen statt, die nicht nur triumphale Industriegeschichte von Gründung und Wiederaufbau bindet, sondern auch den Atem von Nazi-Aufschwung, Kriegskatastrophen, Demontage und Unterdrückung in der DDR verströmt.
Ähnliches ist für das Kraftwerk Zschornewitz zu erwarten, das neben dem Wohngebiet Wolfen Nord den zentralen Bezugspunkt des diesjährigen Festivals vom 12. bis zum 27. September bildet. Welch ein Gestaltungswille und welche Hybris sprechen sogar noch aus den spärlichen Resten dieser Anlage. Sie wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus dem Boden gestampft, verwandelte die umliegenden Kohleflöze in Energie, verwirklichte und ermöglichte Innovationen.
Blick über das Kraftwerksgelände. Rechts die Photovoltaikanlage, hinten Windräder.
© Ulrich Seidler/Berliner Zeitung
Nicht nur historisch und heimatkundlich wird das eine Rolle spielen, sondern auch metaphorisch – schließlich geht es um die Gewinnung von Energie. Und davon können wir in unseren Tagen der Verzagtheit und Veränderungsfurcht jede Menge gebrauchen. Sie sollte nicht nur aus einem von der AfD so clever bewirtschafteten Oststolz gezogen werden, sondern aus dem Festival-Anspruch: aus gegenseitigem Interesse.
Viel Energie verballern die Osten-Leute, mit deren Arbeit sich Landes- und Bundespolitiker schmücken, bei der Einwerbung von Förder- und Sponsorenmitteln. Eine institutionelle Förderung wurde schon mehrmals in Aussicht gestellt, aber doch nicht gewährt. Nun heißt es immer wieder, Projektmittel aus schrumpfenden Töpfen zu beantragen. Von kommunaler Ebene ist noch weniger zu erwarten, zumal die AfD stark in den Kreistagen vertreten ist und das Festival längst zu einem Feind im Kulturkampf erkoren hat. Das ging schon so weit, dass ein AfD-Bundestagsabgeordneter die Kulturleute PR-wirksam kurz vor der Europa- und Kommunalwahl in Bitterfeld-Wolfen wegen eines Kunstwerks mit Molotowcocktail-Attrappen angezeigt hat – ohne Chancen auf Erfolg.
Kulturenergie für Sachsen-Anhalt: Das Osten-Festival belebt stillgelegtes Großkraftwerk
Das denkt eine Schornstein-Sozialisierte: Windräder sind zumutbar
Die Osten-Leute haben keine Lust, sich an den politischen Brandmauern abzuarbeiten und sich weiter für irgendwelche Wahlkämpfe instrumentalisieren zu lassen. Deshalb beginnt die diesjährige Ausgabe erst nach den Landtagswahlen. Sie wollen positiv agieren – und nicht gegen etwas antreten. Denn Letzteres bedeutet, dass man sich die Themen diktieren lässt. Ein kommunikatives Gesetz, das, ob vorauseilend oder abwehrend, die Politik der Altparteien bis zur Bundesebene hinauf bestimmt.
Abschlusspicknick am Festivalbad in Wolfen 2024.
© Frank Wenzel
Die Macher und Künstler des Festivals nehmen Kontakt mit Vereinen auf, überreden Leute zum Mitarbeiten, verbringen viel Zeit damit, Vertrauen aufzubauen, in Gesprächsrunden, am Grill oder am Lagerfeuer – oder in dem selbstgebauten Festival-Schwimmbad, das 2024 nicht nur deutlich billiger war als das, das jetzt vor der Volksbühne Streit ausgelöst hat, sondern anders als dieses auch über eine Wasserrutsche verfügte. Ein „Fickt euch!“-Banner, mit dem das Berliner Theater jede Diskussion mit Andersdenkenden abwürgt, wäre für das Festival im Osten völlig undenkbar.
Photovoltaikanlagen im Kohlekraftwerk
Die Kulturleute stoßen nicht nur auf Begeisterung, sondern auch auf tiefen Argwohn, auf Verachtung und Feindseligkeit. Und doch, die Blasenhaut ist gerissen: Vielleicht bei einigen der Nachbarn, die sich freuen, dass etwas in ihrer Gegend stattfindet, an dem sie sich beteiligen können. Bestimmt bei den Festivalbesuchern, die auch aus den umliegenden Städten anreisen, aus Leipzig, Dessau oder Berlin, und die Gegend sowie die Leute kennenlernen. Auf jeden Fall bei den Festivalmachern und den eingeladenen Künstlern. Sie bekommen tiefe Einblicke in die Problem- und Stimmungslagen und lernen die offiziellen und inoffiziellen Hierarchien und Gesetzmäßigkeiten kennen, nach denen Kleinstadtgesellschaften funktionieren.
„Der Uli läuft zur Hochform auf“: Teure Versprechen, null Widerspruch in der Provinz
Charly Hübner: „Es gibt wieder Systeme, die dich wie einen Gegenstand behandeln“
Der Busfahrer lässt uns in der Zschornewitzer Werksiedlung heraus, Haltestelle Klubhaus. Von hier sind es ein paar Schritte bis zum Kraftwerksgelände. Hinter dem Tor öffnet sich eine riesige Weite, darin ein paar Fundamente und Stahlträger der alten Maschinenhallen, die mit ihren 14 Schornsteinen abgerissen wurden. Ausgedehnte Trockengrasflächen nagen Betonflächen an. Ein großer Teil der Brache wird bereits für eine Photovoltaikanlage genutzt.
Im Bus mit Charly Hübner
Beim Spazieren und Besichtigen der beeindruckenden Kraftwerksrudimente mit ihren über hundert Jahre alten Maschinen will Begrich möglichst viele der Ideen, Künstler und Produktionen vorstellen. Dabei entdeckt er selbst noch immer neue Querverbindungen. Es scheint fast, als kuratiere das Werk mit. Es gibt Workshops, Gesprächsformate, Führungen, Kunstwerke, Installationen, Speisen und Getränke.
Am Nachmittag startet das Shuttle mit Charly Hübner als Busfahrer (zumindest mit seiner Stimme) nach Wolfen-Nord, wo im Jugendklub des postsozialistischen Wohngebiets die durchinszenierten Theaterformate laufen: Das Helmi zeigt „Die kleine Farm“ mit inklusiven Darstellern aus den örtlichen Einrichtungen des diakonischen Hilfswerks, She She Pop wollen ein Oratorium auf die Beine stellen, bei dem das hoffentlich sehr heterogene Publikum je nach Herkunft bestimmte Texte mitsingt und auf eine rituelle Weise miteinander in einen Dialog tritt. Der Abend soll am Lagerfeuer ausklingen, und wer nicht nach Hause will, übernachtet im Festival-Camp.
Zukunft von früher: Schaltraum des Kraftwerks Zschornewitz.
© Ulrich Seidler/Berliner Zeitung
Auf den trockenen Wiesen des Kraftwerks sollen Schafe weiden. Die Berliner Künstler- und Architektengruppe Raumlabor hat eine interaktive „Wollbeschäftigung“ konzipiert: Die über hundert Tiere werden geschoren, die Besucher sollen die Wolle waschen, färben, spinnen, filzen, weben und mit einer Art Paternoster, dem Paul-Gerhardt-Express, über eine schiefe Ebene zur Schaltzentrale transportieren. Dort wird ein Pavillon gebaut, mit Teppichen und Wandbehängen aus verarbeitetem Schafsfell. Den Verweis auf das rassistische AfD-Plakat mit dem schwarzen Schaf lassen wir schnell beiseite. Ebenso einen Gruß an die Wollksbühne, die sich vielleicht wieder inspirieren lässt.
Von wegen tote Hose in der Provinz: In Oderberg eröffnen die Rathaus-Spiele eine Botschaft
Ein Kunstprojekt im Vogtland ermöglicht das Gespräch mit einer Kuh
Beziehungsreicher wird es, wenn man bedenkt, dass die Schafhaltung eine neue Zukunft unter aufgeständerten Photovoltaikanlagen haben könnte, wo durchaus was wächst, aber man mit Mähdreschern nicht herankommt. Warum Paul Gerhardt? Der Kirchenmusiker kam just in Gräfenhainichen zur Welt, erlebte den Dreißigjährigen Krieg mit Hunger, Mord, Pest und Tod, verarbeitete das Leid, das seine Familie traf, zu tröstlichen Liedern, predigte in der Berliner Nikolaikirche und starb vor genau 350 Jahren in Lübben. Der Rias-Kammerchor wird ein Konzert zur Eröffnung geben: „In Traurigkeit mein Lachen“. Man könnte tiefer einsteigen, um über den Umgang mit den Zumutungen des Lebens in Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken. Es wird Gelegenheit dafür geben, die Festivaltage sind lang, die Eintrittspreise moderat – wer nicht kann, muss gar nichts zahlen.
Eine andere Assoziation verbindet dieses Schafprojekt mit dem Credo der Schriftstellerin Ece Temelkuran, die als in Berlin lebende Exiltürkin mit ihrem Buch „Nation of Strangers. Unsere Heimat sind wir“ eine nicht sehr hoffnungsvolle Zeitdiagnose aufstellt und einen solidarischen Gedanken dagegenhält: „So, wie die Dinge stehen, werden wir das immer öfter machen müssen: wie Schafe in der Gefahr dicht beisammenstehen, die Stellung halten und ein Heimatgefühl bewahren, das aus der Existenz der jeweils anderen erwächst. Wir werden Mut schöpfen, indem wir einander berühren.“ Eine wollige Übersetzung des „gegenseitigen Interesses“ aus dem Festival-Motto.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]