Ukraine-Krieg

Papst ruft Putin aus Krankenhaus an: Kreml reagiert auf Forderung nach Waffenruhe

Drei Tage nach seiner Krebsoperation setzt sich Leo XIV. für die Menschen im besetzten Oleschky ein. Putin sagt Hilfe zu, macht aber die Ukraine für die Notlage verantwortlich.

5 Min
Papst Leo XIV. feiert am 16. Oktober eine Messe im römischen Gemelli-Krankenhaus.

Papst Leo XIV. feiert am 16. Oktober eine Messe im römischen Gemelli-Krankenhaus.

© Vatican Media/imago

Papst Leo XIV. hat nur drei Tage nach seiner Operation wegen Lungenkrebs vom Krankenhaus aus mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert und eine Waffenruhe für die von Russland besetzte ukrainische Stadt Oleschky gefordert. Das 71-jährige Kirchenoberhaupt setzte sich am Freitag persönlich dafür ein, die Versorgung der dort eingeschlossenen Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu ermöglichen.

Wie der Vatikan mitteilte, brachte Leo XIV. seine „tiefe Besorgnis über die ernste humanitäre Lage“ in der Stadt in der Region Cherson zum Ausdruck. Er habe einen Waffenstillstand gefordert, „um die Ankunft von Nahrungsmittel- und medizinischer Hilfe sowie die freiwillige und sichere Evakuierung der Zivilbevölkerung zu ermöglichen“.

Putin unterstützt Hilfsinitiative – sagt aber keine Waffenruhe zu

Auch der Kreml bestätigte das Gespräch. Nach russischen Angaben unterstützte Putin die Absicht des Vatikans, sichere Bedingungen für die Bevölkerung zu schaffen und lebenswichtige Hilfslieferungen zu organisieren. Beide Seiten hätten vereinbart, dabei zusammenzuarbeiten.

Eine Zustimmung zu der vom Papst geforderten Waffenruhe gab der Kreml allerdings nicht bekannt. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, beschränkte sich die russische Erklärung auf die Unterstützung der humanitären Initiative.

Putin macht die Ukraine für die Notlage in Oleschky verantwortlich

Der russische Präsident nutzte das Telefonat auch für Vorwürfe gegen die ukrainische Regierung. Nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax erklärte der Kreml, Putin habe dem Papst ausführlich dargelegt, warum aus russischer Sicht die ukrainische Führung für die schwierige humanitäre Lage in Oleschky verantwortlich sei.

Russland wirft den ukrainischen Streitkräften vor, Hilfslieferungen in die Stadt zu verhindern. Die russischen Behörden räumten bereits zuvor erhebliche Engpässe bei Lebensmitteln und Medikamenten ein, erklärten jedoch, das Militär arbeite an einer Verbesserung der Versorgung.

Die ukrainische Regierung erhebt dagegen schwere Vorwürfe gegen Russland. Nach ihren Angaben verhindern russische Streitkräfte die Versorgung und Evakuierung der verbliebenen Zivilisten.

Auch die Europäische Union macht Russland als Besatzungsmacht verantwortlich. In einer Erklärung vom 2. Oktober bezeichnete EU-Kommissarin Hadja Lahbib die Zustände in Oleschky als entsetzlich. Zivilisten seien ohne ausreichenden Zugang zu Lebensmitteln, Medikamenten, sauberem Wasser und medizinischer Versorgung eingeschlossen. Russland müsse gemäß dem humanitären Völkerrecht den Schutz der Bevölkerung und humanitäre Hilfe gewährleisten.

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Oleschky: Noch 1700 Menschen in der besetzten Stadt

Oleschky liegt am linken Ufer des Dnjepr gegenüber der ukrainisch kontrollierten Stadt Cherson. Russische Truppen besetzten den Ort bereits im Februar 2022. Seitdem verläuft die Front entlang des Flusses, wodurch die Versorgung und eine Flucht aus der Stadt erheblich erschwert werden.

Vor Beginn des russischen Angriffskrieges lebten in Oleschky rund 24.000 Menschen. Nach Angaben von Danielle Bell, der Leiterin der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine, befinden sich noch etwa 1700 Zivilisten in der Stadt, darunter 47 Kinder.

Oleschky: Bewohner hungern, Fluchtwege sind vermint

Die humanitäre Not in Oleschky hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschärft. Wie die Washington Post unter Berufung auf geflohene Bewohner berichtet, erreichten seit Ende Mai keine regulären Lebensmittellieferungen mehr die Stadt. Familien überlebten demnach zeitweise mit einer gemeinsamen Tasse Reis oder Buchweizen am Tag. Auch Medikamente sind kaum noch verfügbar.

Bereits Ende September hatte diese Zeitung über die Hungersnot in Oleschky berichtet. Bewohner schilderten damals, dass sie Suppen aus Wildkräutern kochten. Nach Angaben der ukrainischen Ortsverwaltung sollen einzelne Familien aus Verzweiflung sogar Hunde gegessen haben. Diese Berichte lassen sich wegen der russischen Besatzung nicht unabhängig überprüfen.

Auch die Flucht aus der Stadt ist lebensgefährlich. Verminte Straßen und Drohnenangriffe erschweren Evakuierungen. In einer Erklärung bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa verwies die EU auf Zeugenaussagen, wonach russische Streitkräfte Bewohner an der Ausreise gehindert hätten.

Ende September versuchten ukrainische Streitkräfte deshalb, die eingeschlossenen Menschen mit Transportdrohnen zu versorgen. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Cherson gegenüber Reuters wurden rund vier Tonnen Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter an etwa 100 Stellen in Oleschky abgeworfen. Die Lieferungen konnten die Versorgungskrise jedoch nicht beenden.

Papst Leo XIV. erholt sich von seiner Krebsoperation

Das Telefonat ist auch wegen des Gesundheitszustands des Papstes bemerkenswert. Leo XIV. war am Dienstag in der römischen Gemelli-Klinik operiert worden. Die Ärzte entfernten den unteren Lappen seines rechten Lungenflügels. Eine Gewebeuntersuchung bestätigte die Diagnose eines Lungenadenokarzinoms.

Nach Angaben von Vatican News verläuft die Genesung bislang gut. Blutuntersuchungen und eine Röntgenaufnahme bestätigten am Freitag eine weitere Verbesserung des Allgemeinzustands. Leo XIV. könne alltägliche Tätigkeiten wieder selbstständig ausführen.

Am Freitag feierte der Papst außerdem mit Krankenhauspersonal eine Messe. Bei der Gelegenheit bedankte er sich bei den Ärzten und Pflegekräften für ihre Arbeit. Der Vatikan veröffentlichte erste Aufnahmen des Kirchenoberhaupts seit der Operation.

Das Gespräch mit Putin war nach Angaben des Vatikans der zweite bekannte direkte telefonische Kontakt zwischen beiden seit Leos Amtsantritt. Zuletzt hatten sie am 4. Juni 2025 miteinander gesprochen.

Nach dem Telefonat bekräftigte der Papst die Bereitschaft des Heiligen Stuhls, sich weiterhin für Dialog und Frieden einzusetzen. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erklärte gegenüber Reuters, Leo habe den russischen Präsidenten aus eigener Initiative angerufen, um sich für die Menschen in der eingeschlossenen Stadt einzusetzen.

Putin wünschte dem Papst nach Kreml-Angaben eine rasche Genesung. Ob die angekündigte Zusammenarbeit tatsächlich zu Hilfslieferungen, Evakuierungen oder einer zeitlich begrenzten Waffenruhe führt, wurde zunächst nicht mitgeteilt.

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