Ukraine-Krieg

Hunger im besetzten Oleschky: Bewohner essen Unkraut – Familien sollen Hunde geschlachtet haben

Seit Ende Mai erreichen keine regulären Lebensmittellieferungen mehr die russisch besetzte Frontstadt am Dnipro. Rund 2000 Menschen sollen dort noch ausharren, eine sichere Evakuierung gibt es nicht.

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Bewohner von Cherson vor einem beschädigten Gebäude. Die Stadt liegt am Dnipro unweit der russisch besetzten Gebiete am gegenüberliegenden Ufer.

Bewohner von Cherson vor einem beschädigten Gebäude. Die Stadt liegt am Dnipro unweit der russisch besetzten Gebiete am gegenüberliegenden Ufer.

© Celestino Arce Lavin/imago

In der russisch besetzten ukrainischen Stadt Oleschky spitzt sich die humanitäre Not weiter zu. Bewohner berichten, dass Lebensmittel weitgehend aufgebraucht seien und Menschen inzwischen Suppen aus Gras, Portulak und anderem Wildkraut kochten. Manche äßen nur noch einmal am Tag. Aktuelle Berichte des Guardian und von Ukrainska Pravda zeichnen ein Bild einer nahezu vollständig von Versorgung und Fluchtwegen abgeschnittenen Stadt.

Oleschky liegt am östlichen Ufer des Dnipro, nur rund neun Kilometer Luftlinie von der ukrainisch kontrollierten Stadt Cherson entfernt. Russland hält den Ort seit Februar 2022 besetzt. Vor Beginn der großangelegten russischen Invasion lebten dort rund 24.000 Menschen. Ukrainische Stellen gehen inzwischen von etwa 2000 verbliebenen Bewohnern aus. Für die gesamte Gemeinde einschließlich umliegender Orte werden rund 6000 Menschen genannt.

Die Notlage ist nicht erst seit wenigen Tagen bekannt. Nach Angaben der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine waren seit dem 26. Mai keine Lebensmittel mehr nach Oleschky geliefert worden. Der letzte regulär betriebene Lebensmittelladen habe bereits im Januar schließen müssen. Strom und Gas fehlen weitgehend, medizinische Hilfe ist nur eingeschränkt verfügbar.

Bewohner berichten von nur noch einer Mahlzeit am Tag

Nach Recherchen von Ukrainska Pravda gelangten Ende Mai zuletzt zwei kommerzielle Lieferfahrzeuge in die Stadt. Spätere Versuche scheiterten demnach an Minen und Angriffen. Im Sommer lebten viele Menschen noch von Gemüse aus eigenen Gärten. Inzwischen seien auch diese Vorräte weitgehend erschöpft. 

Bewohner schildern, dass sie Suppen aus Zucchini, Wildkräutern und wenigen verbliebenen Zutaten kochen müssen, um zu überleben. Eine Frau schrieb dem Guardian, sie habe inzwischen „absolut nichts mehr zu essen“. Andere berichteten von nur noch einer Mahlzeit täglich. Ukrainska Pravda zufolge entstand nahe dem Krankenhaus ein improvisierter Markt, auf dem Grundnahrungsmittel zu extrem hohen Preisen verkauft werden.

Tetiana Hasanenko, Leiterin der ukrainischen Militärverwaltung von Oleschky, sagte Ukrainska Pravda sogar, ihr seien inzwischen einzelne Fälle bestätigt worden, in denen Familien Hunde gegessen hätten. Diese und andere besonders drastische Berichte aus der besetzten Stadt lassen sich wegen der Frontlage nicht unabhängig überprüfen. 

Dass die Versorgungslage insgesamt lebensbedrohlich ist, bestätigen jedoch internationale Organisationen. Der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O’Flaherty, erklärte am 25. September, Zivilisten einschließlich Kindern seien ohne ausreichende Lebensmittel, Medikamente, medizinische Hilfe, fließendes Wasser und Strom eingeschlossen. Es bestehe ein hohes Risiko für ihr Leben.

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Ein Demonstrant vor dem Kiewer Rathaus fordert einen humanitären Korridor für Oleschky. Die Versorgungslage in der russisch besetzten Stadt am Dnipro hat sich zuletzt weiter verschärft.

Ein Demonstrant vor dem Kiewer Rathaus fordert einen humanitären Korridor für Oleschky. Die Versorgungslage in der russisch besetzten Stadt am Dnipro hat sich zuletzt weiter verschärft.

© Sergei Supinsky/AFP

Minen und Drohnen machen Flucht lebensgefährlich

Besonders schwierig ist die Lage, weil Oleschky unmittelbar an der Front liegt. Human Rights Watch dokumentierte bereits im Juli die Gefahr durch Drohnen und Landminen. Die Organisation konnte nicht feststellen, welche Kriegspartei für einzelne Angriffe oder bestimmte Minenfelder verantwortlich ist. Sowohl russische als auch ukrainische Streitkräfte haben in der Region Drohnen und Minen eingesetzt.

Einige Bewohner versuchen nach ukrainischen Medienberichten dennoch, zu Fuß oder mit dem Fahrrad das rund 20 Kilometer entfernte Radensk zu erreichen, um Lebensmittel zu kaufen. Andere sollen die Stadt über verminte Felder verlassen haben. Ukrainischer Menschenrechtsbeauftragter Dmytro Lubinez erklärte Mitte September, sein Büro habe 358 Menschen identifiziert, die dringend evakuiert werden müssten.

Eine organisierte Evakuierung ist bislang nicht zustande gekommen. Lubinez zufolge hatte die Ukraine mit Russland bereits Abläufe und eine Liste von Bewohnern abgestimmt. Bis zum 22. September habe Moskau jedoch nicht bestätigt, dass es für eine humanitäre Mission bereit sei. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bestätigte gegenüber Ukrainska Pravda, mit beiden Seiten in Kontakt zu stehen und eine Evakuierung unterstützen zu wollen, sobald diese sicher möglich sei.

Russland und Ukraine machen sich gegenseitig verantwortlich

Über die Verantwortung für die Versorgungskrise liegen gegensätzliche Darstellungen vor. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha warf Russland bei der UN-Generalversammlung vor, die Evakuierung zu verhindern und das Leben der Bewohner bewusst unmöglich zu machen.

Der Kreml erkennt die kritische Lage inzwischen ebenfalls an, weist die Verantwortung aber zurück. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am 21. September, ukrainische Drohnenangriffe behinderten die Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten. Russische Truppen arbeiteten daran, die Situation zu verbessern.

Am 1. September wurde zudem ein Lebensmittelkonvoi auf dem Weg nach Oleschky angegriffen. Moskau beschuldigte die Ukraine, Kiew wiederum russische Truppen. Eine unabhängige Klärung liegt bislang nicht vor.

Als Besatzungsmacht ist Russland nach dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe sicherzustellen und humanitäre Hilfe zu ermöglichen. O’Flaherty fordert deshalb eine lokale Waffenruhe, ungehinderten Zugang für Hilfsorganisationen und eine sichere Evakuierung der Bewohner.

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