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Stellen Sie sich vor, Sie sind Wissenschaftlerin. Sie wollen die Auswirkungen eines neuen Medikaments auf schwangere Frauen untersuchen. Dafür bilden Sie zwei verschiedene Gruppen. Gruppe A hat ein Medikament erhalten, Gruppe B hat kein Medikament erhalten, wird jedoch starkem sozialen Stress ausgesetzt. Sie wissen aus vielen vorangegangenen Untersuchungen, dass sozialer Stress bei Schwangeren zu vermehrten Frühgeburten und reduziertem Geburtsgewicht der Babys führen kann. Das ist in der Fachwelt seit langem bekannt. Solch sozialer Stress kann durch alles Mögliche entstehen, auch durch politische Gegebenheiten. Erinnern Sie sich noch an den Wahlkampf 2016 von Donald Trump? („Ich werde eine Mauer an unserer südlichen Grenze errichten. Und ich werde Mexiko dafür bezahlen lassen.“). In dieser Zeit der verstärkten Ressentiments traten bei lateinamerikanischen Frauen vermehrt Frühgeburten auf.
Bei Gruppe B (die in unserem Gedankenexperiment starkem sozialen Stress ausgesetzt wird) würden wir also mehr Frühgeburten erwarten. In Gruppe A sollten hingegen ohne den sozialen Stress vergleichsweise weniger Frühgeburten auftreten.
Wenn unsere Erwartung eintritt und es in Gruppe A seltener als in Gruppe B zu Frühgeburten kommt: Wäre dann die Schlussfolgerung zulässig, dass das Medikament in Gruppe A vor Frühgeburten schützte? Wohl kaum. Denn der Frühgeburts-Unterschied in den beiden Gruppen kann bereits durch den unterschiedlichen sozialen Stress erklärt werden. Wissenschaftlich ausgedrückt: Zwischen dem Medikament und der Beobachtung „weniger Frühgeburten“ besteht nur eine Korrelation (ein statistischer Zusammenhang), jedoch nicht notwendigerweise eine Kausalität (ursächlicher Zusammenhang).
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Die Lancet-Studie und ihr Ergebnis
Im August 2024 wurde erstmals eine große, retrospektive Beobachtungsstudie zu Covid-19-Impfungen vor einer Schwangerschaft im Fachmagazin Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht. Das Studiendesign entsprach vereinfacht unserem obigen Gedankenexperiment. Das Medikament war die Corona-Impfung.
Impfung in einem Impfzentrum in London, 2021. Laut der Studie verhinderten Impfungen vor der Schwangerschaft, „schätzungsweise 452 Frühgeburten und 391 Fälle von reduziertem Geburtsgewicht pro 100.000 geimpften Frauen“.
© Belinda Jiao/imago
Untersucht wurden die Gesundheitsdaten aller schwangeren Frauen in England zwischen dem 25. Mai 2021 und dem 28. Oktober 2022. Insgesamt wurden Daten von fast 190.000 Frauen ausgewertet. In den Ergebnissen nicht berücksichtigt wurden Schwangerschaften, bei denen vor der 24. Woche eine Fehl- oder Frühgeburt aufgetreten war, da es für diese Gruppe keine ausreichend gute Datenerfassung gab. Nicht berücksichtigt wurden zudem Frauen, die sich während der Schwangerschaft impfen ließen – sonst hätte dies die Gruppe „ungeimpft“ oder die Gruppe „Impfung vor der Schwangerschaft erhalten“ potenziell verfälscht.
Das Ergebnis der Studie war eine statistische Korrelation. Wer geimpft war, hatte ein besseres „perinatales Outcome“ – sprich: Es kam seltener zu Frühgeburten oder einem reduzierten Geburtsgewicht des Babys. Diese Korrelation bestand auch innerhalb einzelner sozioökonomischer Untergruppen. Daraus schlussfolgern die Autoren: „Unsere Studie demonstriert, dass es plausibel ist, dass der Schutz [der Impfung] sich bis auf das perinatale Outcome erstreckt.“ Konkret behaupteten sie: Eine Impf-Dosis vor einer Schwangerschaft zu erhalten, „verhinderte schätzungsweise 452 Frühgeburten und 391 Fälle von reduziertem Geburtsgewicht pro 100.000 geimpften Frauen“. Diese Ergebnisse würden die Empfehlung stärken, alle gebärfähigen Frauen zu impfen, „insbesondere diejenigen, die planen, innerhalb von 12 Monaten schwanger zu werden“.
Es wird hier eine Kausalität behauptet, obwohl die Daten nur eine Korrelation zeigen. Dabei wird eine potenziell relevante Datenverzerrung des Studienergebnisses (engl.: „data bias“) übersehen: Der Frühgeburtsunterschied könnte auch durch eine unterschiedliche Stressbelastung der untersuchten Gruppen entstehen.
Der „unvaccinated data bias“: Als ob nichts gewesen wäre
Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass dieser Verzerrungseffekt (unvaccinated data bias) relevant ist: Es ist bereits untersucht, dass das Phänomen der impfbezogenen Stigmatisierung in der Corona-Zeit hoch ausgeprägt war, besonders in den Ländern Malaysia, China, Australien, England, den USA, Deutschland und Südafrika. Zu diesem Ergebnis kam unlängst eine Studie in der Fachzeitschrift Nature: Ausgrenzende Haltungen gegenüber Ungeimpften waren in ihrer Intensität sogar stärker ausgeprägt als ausgrenzende Einstellungen gegenüber Migranten aus dem Mittleren Osten – einer Gruppe, die bekanntermaßen mit starken diskriminierenden Einstellungen gegen sie zu kämpfen hat.
Ausschilderung zu einem Impfzentrum in England
© Dreamstime/imago
Die Erwartung, sich impfen zu lassen, bezog sich in England durch zielgerichtete Kampagnen explizit auch auf ungeimpfte Schwangere. Viele werdende Mütter sahen sich ohne Impfung dem (unerwiesenen) öffentlichen Vorwurf ausgesetzt, ihren Familien und der Gesellschaft zu schaden. Ungeimpfte wurden mit Worten wie Verweigerer („refuser“) oder Gegner („anti-vaxxer“) belegt. Zudem fand, ähnlich wie in Deutschland mittels 2G-Regeln, eine Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben statt.
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Für das Thema Frühgeburt und perinatales Outcome ist dies relevant: Stigmatisierung kann bei Betroffenen zu Stress und Angst führen. Soziale Ablehnung geht sogar mit einem Anstieg diverser Entzündungswerte einher. Psychosozialer Stress in der Schwangerschaft ist „ein nachgewiesener Risikofaktor in der Ätiologie der Frühgeburt“, so die deutsche wissenschaftliche Leitlinie. Es stellt sich daher die Frage, warum die Autoren der Lancet-Studie die Belastungen durch Impf-Ausgrenzung nicht berücksichtigt haben. In der gesundheitswissenschaftlichen Fachliteratur gibt es Publikationen, die explizit zur Berücksichtigung der psychosozialen Situation von Schwangeren während der Corona-Zeit aufrufen.
Man könnte in diesem Zusammenhang durchaus einwenden, dass andere Belastungen während der Pandemie generell so hoch waren, dass der zusätzliche Stress durch Impfstigmatisierung irrelevant gewesen sein könnte. Angesichts obiger Nature-Ergebnisse zur Intensität der Impfstigmatisierung scheint dies andererseits wenig plausibel. Zudem betreffen die weiteren psychischen Belastungen (z.B. Angst um das Ungeborene, Angst vor Infektion, Isolation durch Lockdowns, ökonomische Unsicherheiten, Anspannung durch gesellschaftliche Polarisation, erhöhte häusliche Gewalt, Unsicherheit bezüglich der Vorgaben, ob der Partner bei der Geburt anwesend sein darf) sowohl geimpfte als auch ungeimpfte Frauen. Es handelt sich daher kaum um systematische Verzerrungen zwischen den untersuchten Gruppen, die das Potenzial hätten, den unvaccinated data bias gänzlich aufzuwiegen. Einige Variablen (z.B. die ökonomische Unsicherheit angesichts diskutierter Berufsverbote für Ungeimpfte) dürften ihn eher noch verstärken.
Untersuchung einer schwangeren Frau durch eine Hebamme während der Corona-Pandemie.
© Caroline Seidel/dpa
Sowohl die Autoren als auch die Gutachter im Peer-Review-Verfahren der Lancet-Studie haben diese psychosoziale Dimension entweder übersehen oder als nicht relevant genug eingeschätzt, um sie überhaupt zu erwähnen. Das ist erstaunlich – fällt somit doch die Publikation hinter bereits bestehende Erkenntnisse zu psychosomatischen Effekten auf Frühgeburten sowie hinter die Nature-Erkenntnisse zur Impfstigmatisierung zurück.
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Leben in Parallelwelten
Andererseits ist dieses Übersehen auch nicht erstaunlich – denn die vielfältigen psychosozialen Belastungen kamen in der öffentlichen Corona-Debatte kaum vor. So besteht auch bei vielen Wissenschaftlern womöglich eine Blindheit gegenüber der Lebensrealität ihrer ungeimpften Mitmenschen und dem Leid, das viele ungeimpfte Patientinnen erfahren haben. Wer dieses Leid nicht erlebt hat, kann es leichter übersehen. Die Autoren schreiben in ihrer Studie, dass „residuelle Störvariablen“ (restliche Verzerrungseffekte) theoretisch denkbar sind aufgrund von Faktoren, die „wir nicht a priori identifiziert haben“. A priori – also in den vorangegangenen theoretischen Überlegungen – war der Impfdruck als relevanter Stressor offenbar kein Gedanke.
Was bedeutet das Übersehen der Impfstigmatisierung für Betroffene, für die Fachwelt und für uns als Gesellschaft?
Erstens: Die Qualität des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns wird beeinträchtigt. Ohne Berücksichtigung der psychosozialen, spezifischen Belastungen Ungeimpfter könnte die Covid-Impfung fälschlich als protektiv gegen Frühgeburten (und andere Stress-Auswirkungen) interpretiert werden. Zweitens: Wir verengen kollektiv unsere Wahrnehmung. Ohne ein umfassendes Mitdenken und Mitdiskutieren psychosozialer Faktoren fallen wir zurück in ein biologistisches Denken. Drittens: Das Erleben Betroffener wird entwertet. Es besteht die Gefahr, dass ein Teil der Fachwelt die tatsächlichen Belastungen der Corona-Zeit für viele ungeimpfte Frauen weiterhin übersieht – somit (unabsichtlich) ihr Erleben „invalidiert“ (die Gültigkeit abspricht) – anstatt die Belastungen adäquat zu thematisieren und gesellschaftlich zu problematisieren.
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Was sagen die Wissenschaftler?
Ich kontaktierte die Studienautoren und teilte ihnen meine Bedenken hinsichtlich des Studiendesigns mit. Eine der Studienautoren antwortete, meine Argumentation sei eine „interessante Perspektive“. Auf der Plattform X räumte sie ein: „Wir können nicht ausschließen, dass die hypothetische psychologische Folge der Diskriminierung (…) ein Stück weit den Unterschied zwischen den beobachteten Gruppen erklären könnte.“
Sie nennt zudem zwei Gründe, weshalb bisher die Impfstigmatisierung in der Lancet-Studie ausgeblendet wurde: „Ich bin mir keiner beobachteten Diskriminierungsfolgen in England zu dieser Zeit bewusst.“ Auf der anderen Seite gäbe es „sehr robuste schädliche Auswirkungen durch Covid-19 auf Schwangerschaften“. Somit könnte der bekannte Schutz vor schwerer Covid-19-Erkrankung durch die Impfung „unser Studienergebnis allein erklären“.
Diese Argumente der Autorin sind aus zwei Gründen nicht tragfähig. Erstens: Dass es Diskriminierung gab und dies schädliche Auswirkungen auf Schwangerschaften haben kann, ist oben bereits dargestellt. Zweitens: Auch wenn Covid-19 schädliche Auswirkungen auf Schwangerschaften hat, ändert das nichts daran, dass der Stressfaktor als weiterer relevanter Erklärungsfaktor in der Studie fehlt und unberücksichtigt bleibt.
Aus meiner Sicht sind folgende Interpretationen der Lancet-Studie derzeit plausibel.
Erstens: Ein negativer Effekt der sozialen Ausgrenzung auf das perinatale Outcome ab der 24. Schwangerschaftswoche ist möglich. Zweitens: Ein positiver Effekt der Covid-Impfungen auf das perinatale Outcome ab der 24. Schwangerschaftswoche ist möglich. Drittens: Dass die Impfung das perinatale Outcome ab der 24. Schwangerschaftswoche signifikant negativ beeinflusst, ist unwahrscheinlich. Genau wie die Studienautoren sehe ich diesbezüglich in der Lancet-Studie keinen Anhaltspunkt für Sicherheitsbedenken. Viertens: Weiterführende Studien sind nötig, um mögliche Effekte der Impfung von möglichen Effekten der sozialen Ausgrenzung differenzieren zu können.
Sich hingegen aus mehreren möglichen Erklärungen selektiv nur eine auszusuchen, ist für qualitativ hochwertige Forschung nicht akzeptabel. Man stelle sich andersherum vor, die Lancet-Studie hätte nur die vorbekannte Impfausgrenzung als Ursache für vermehrte Frühgeburten genannt, da dies zur Studienlage zu Stressauswirkungen auf Frühgeburten passe, und weitere Erklärungen wie einen möglichen Impfeffekt gänzlich weggelassen – für eine Veröffentlichung in einer Lancet-Zeitschrift wäre solch eine Studie wohl kaum akzeptiert worden.
Dass die Autorin auf meinen Hinweis eingegangen ist, zeugt von wissenschaftlicher Integrität und Offenheit. Ich würde es begrüßen, wenn die Studienautoren sich im Sinne guter wissenschaftlicher Fehlerkultur zu einer Korrektur der behaupteten Kausalität sowie einem Hinweis auf den möglichen Einfluss des unvaccinated data bias entschließen können.
Denn natürlich ist es auch seitens der Wissenschaftler menschlich, „blinde Flecken“ zu haben. Genau deshalb ist der offene, demokratische und wissenschaftliche Austausch verschiedener Perspektiven so bedeutsam. Es scheint, dass dieser Austausch in Bezug auf verschiedene Corona-Lebensrealitäten bislang nicht gut funktioniert hat. Mit diesem Beitrag möchte ich daher neben dem kritischen Blick auf die Lancet-Publikation in erster Linie einen Anstoß für eine breitere gesellschaftliche Verständigung geben.
Das heißt: Unabhängig davon, wie sich die Studienautoren entscheiden, steht nun eine gesellschaftliche Aufgabe vor uns. „Um Stigmatisierung zu erkennen und dagegen etwas zu tun, braucht es nicht nur Verstand und Wissen, sondern auch Gefühl und eine eigene Sensibilität.“ – so steht es in einer Broschüre des Schweizer „Aktionsbündnis Psychische Gesundheit“. Ich hoffe, mit diesem Text zu einer erhöhten Sensibilität beizutragen.
Die Autorin arbeitet als Frauenärztin in einer Klinik mit geburtshilflicher Abteilung. Hier schreibt sie unter dem Pseudonym Romy Mireo, damit die gesellschaftspolitische Debatte nicht ihren Arbeitsalltag in der Patientinnenversorgung beeinflussen kann. Die Autorin bedankt sich bei allen, die sie bei diesem Text mit konstruktiver Kritik und teils wichtigen Hinweisen auf eigene blinde Flecken wohlwollend unterstützt haben.
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