Über der Arktis kippt der Polarwirbel so früh wie nie seit Ende der 1950er-Jahre. Gleichzeitig baut sich im Pazifik der stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen auf. Für Deutschland ist damit zwischen Flensburg und Garmisch alles drin, vom Rekord-Mildwinter bis zum Schneechaos, wie die Daten des Deutschen Wetterdienstes zu früheren El-Niño-Wintern zeigen.
Beide Rekorde gleichzeitig hat noch kein Meteorologe erlebt. Das Wetterportal Meteored spricht deshalb von Prognosen ohne jede Erfahrung.
Polarwirbel-Rekord: Drei Wochen früher als 1968
Der Polarwirbel ist das Band starker Westwinde, das im Winter hoch über dem Nordpol kreist und die Kaltluft dort einsperrt. Normalerweise wird er im November gerade erst kräftig.
Diesmal sehen die Wettermodelle das Gegenteil. Laut dem Fachportal Severe Weather Europe rechnen 96 Prozent der Läufe des europäischen Modells bis zum 11. November mit einer Windumkehr. In rund 30 Kilometern Höhe würde dann Ost- statt Westwind wehen, die Temperaturen dort liegen mehr als 27 Grad über dem Normalwert.
Es wäre die früheste große Stratosphärenerwärmung der Messreihe. Den bisherigen Rekord hält der 28. November 1968.
Kältewelle im November? Noch kein Grund für Schneeketten
Wer jetzt Schneeketten kauft, ist zu früh dran. Der Wirbel ist noch jung und dürfte sich bis Mitte November wieder erholen. Am Boden zeigen sich die Folgen einer Stratosphärenerwärmung ohnehin erst mit Verzögerung, typischerweise nach zehn bis 15 Tagen, oft auch erst Wochen später.
Eine Kältewelle für die kommenden zwei bis drei Wochen lässt sich daraus nicht ableiten. Für den Alltag zählen weiter die kurzfristigen Vorhersagen und die amtlichen Unwetterwarnungen des DWD.
Plus 3,8 Grad: Der Pazifik sprengt alle Rekorde
Der zweite Rekord liegt am anderen Ende der Welt. Im zentralen Pazifik lag die Wassertemperatur Mitte Oktober 3,3 Grad über dem Mittel. Für November bis Januar erwarten die Modelle im Schnitt rund plus 3,8 Grad, der Höhepunkt dürfte um Dezember erreicht sein.
Beim bisherigen Rekord-El-Niño 2015/16 waren es etwa 2,6 Grad. Die US-Klimabehörde NOAA hatte schon im Sommer ein Ereignis vorhergesagt, das alle El Niños seit 1950 übertreffen dürfte. Wie sich der Monster-El-Niño im Pazifik aufgebaut hat, hat die Berliner Zeitung bereits beschrieben.
Genau hier geraten die Langfristmodelle an ihre Grenze. Sie rechnen Ozean und Stratosphäre zwar mit, werden aber an vergangenen Wintern geprüft, und die kannten nur deutlich schwächere El Niños. Eine plötzliche Stratosphärenerwärmung lässt sich zudem nur etwa zehn Tage im Voraus sicher erkennen. Die Modelle kennen beide Rekorde. Die Kombination kennen sie nicht.
Mildwinter oder Schneechaos: Beide Szenarien haben Vorbilder
Auf dem Papier spricht vieles für einen milden Winter. Die Langfristdaten vom Oktober zeigen ihn für Europa, und auch die Windschwingung über den Tropen, die QBO, stützt derzeit eher einen stabilen Polarwirbel. Nach dem letzten Super-El-Niño kam der Winter 2015/16 auf 3,6 Grad im Bundesmittel, einer der mildesten seit 1881.
Doch El Niño kann auch anders. In seinen Wintern wird der Polarwirbel häufiger gestört, und nach starken Störungen steigt in etwa zwei von drei Fällen das Risiko für Kaltluftvorstöße nach Europa. Der El-Niño-Winter 2009/10 brachte wochenlang Schnee und Dauerfrost, in Bad Muskau in der Lausitz fiel das Thermometer auf minus 24,3 Grad.
Wie spät der Effekt kommen kann, zeigte 2021: Nach einer Erwärmung Anfang Januar folgte im Februar ein Schneechaos mit gesperrten Autobahnen im Norden und in der Mitte des Landes.
Schnee an Weihnachten? Diese Termine entscheiden
Eine ehrliche Prognose für die Feiertage gibt es heute nicht. Am wahrscheinlichsten bleibt ein milder, wechselhafter Winter, auch weil der Klimawandel in diese Richtung schiebt. Längere Kältephasen sind in diesem Jahr aber ausdrücklich möglich, wie auch die Berliner Zeitung zum Super-El-Niño und dem Winter in Deutschland berichtet hat.
Mitte November zeigt sich, wie schnell sich der Wirbel erholt. Im Dezember erreicht El Niño seinen Höhepunkt. Für Januar deuten die Langfristdaten auf eine zweite, womöglich stärkere Störung hin, also genau in der Zeit, in der Kaltluft aus der Arktis am Boden am meisten ausrichten kann.
Wie weit die Spanne reicht, zeigen die beiden El-Niño-Winter der jüngeren Vergangenheit: 2015/16 lag das Bundesmittel bei plus 3,6 Grad, 2009/10 bei minus 1,3 Grad.
Vom „Tagesschau“-Sprecher zum Wahlmann: Constantin Schreiber kürt Steinmeiers Nachfolge mit
Russland-Streit um Eishockey-WM: Sportgericht CAS greift den Weltverband an
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]