Der Fall der Mauer am 9. November 1989 war der bewegendste politische Moment in der jüngeren Geschichte Deutschlands. Die DDR öffnete ihre Grenze. Die Menschen konnten raus. Etwas Unerwartetes, nicht mehr Denkbares, ja von vielen auch nicht mehr Erhofftes, war geschehen. In diesen Stunden in der Nacht vom 9. zum 10. November löste sich die verhärtete, verspannte deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte in einem großen gemeinsamen Gefühl auf.Doch noch bevor der Morgen graute, wurde aus dem Gefühl Politik. Walter Momper, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, brachte es in einer Sondersendung der Abendschau auf den Satz, gerichtet an die Bürger der DDR: "Bitte kommen Sie mit der S-Bahn!" Er hatte recht, er fürchtete ein Verkehrschaos. Doch diese kleine, lokalpolitische Sequenz ist eine große Metapher für das, was vor den Deutschen lag: Die Übersetzung des großen Gefühls in Politik.Ist es uns gelungen? Ist die Wiedervereinigung der Staaten zu einer Wiedervereinigung der Menschen geworden? Wie brüchig die Gemeinsamkeit ist, merkt man an der neuerlichen Aufarbeitungswelle, die 20 Jahre nach dem Fall der Mauer durch die Medien rollt. Wolfgang Thierse, einst Vorsitzender der Ostsozialdemokraten, fordert eine faire Beurteilung der DDR, Franz Müntefering, SPD-Chef, stellt fest, die meisten DDR-Bürger hätten "keinen Dreck am Stecken" gehabt. Landespolitiker aus dem Osten sagen, man müsse differenzieren zwischen den Menschen und dem System. Andere stellen die Frage, ob die DDR wirklich als "Unrechtsstaat" bezeichnet werden dürfe.Es ist eine seltsam sterile Diskussion. Vielleicht, weil es die immer selben sind, die sich beteiligen. Vielleicht, weil die Argumente schon so oft und konsequenzlos ausgetauscht wurden. Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat. Es gab die Mauer und den Schießbefehl. Und selbstverständlich war darin ein anständiges Leben möglich. Nie hat jemand das System mit den Menschen gleichgesetzt, immer galt die Einzelfallprüfung.Es scheint, als werde auch in dieser neuerlichen Runde der Aufarbeitung hinter einer Mauer geredet, die niemand niederzureißen wagt. Man appelliert , fordert, klagt an. Vielleicht hat Franz Müntefering das gespürt, als er in einem Interview den etwas verschwurbelten Hinweis auf das Grundgesetz und den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gab und damit an ein Tabu rührte. Kaum ein aktiver Politiker der etablierten West-Parteien hat in den letzten Jahren drauf hingewiesen, dass an der Art, wie 1990 die DDR in das System der Bundesrepublik eingepresst wurde, etwas schief gelaufen sein könnte.Tatsächlich wird das Verhältnis der Deutschen zueinander bis heute davon bestimmt, wie wir zusammengekommen sind: rasend schnell, ohnmächtig und bewusstlos. Daraus erwächst das Überlegenheitsgefühl der Westdeutschen, ihr Desinteresse an der Lebenswirklichkeit in der DDR und den neuen Ländern, der Trotz der Ostdeutschen, die Art der Debatte über Stasi, Doping, Aufbau Ost.Sollte also Franz Müntefering wirklich gemeint haben, dass die Deutschen darüber reden sollten, ob sie sich eine neue, gemeinsame Verfassung geben wollen, so wäre das auf dem Weg zur inneren Einheit ein revolutionärer Schritt. Es wäre eine geradezu monströs schöne Geste in Richtung all derer, die sich im Laufe der vergangenen Jahre aus Resignation aus dem öffentlichen politischen Raum zurückgezogen haben. Zum Beispiel Jens Reich, ein naturwissenschaftlicher Intellektueller, wichtiger Kopf der Wendezeit, Kandidat von Bündnis 90 für das Amt des Bundespräsidenten. Oder Christa Wolf, die große Schriftstellerin, Rednerin auf der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, die wahrscheinlich am Westen noch mehr verzweifelt ist, als sie es an der DDR war. Oder Bärbel Bohley, der mit ihrem bedingungslosen moralischen Gewissen das Verständnis für einen Rechtsstaat nicht gelang, weil sie seine Regeln nicht mitgestalten konnte.Unterstellen wir also Franz Müntefering, dass er nicht nur wohlfeile Thesen vertritt in einem Jahr, das dafür einen lockenden Rahmen bietet. Unterstellen wir also, er glaubt wirklich, es müsse etwas in Ordnung gebracht werden im deutsch-deutschen Verhältnis, und nicht nur zwischen seiner SPD und der Linkspartei, mit der er dereinst mal koalieren will.Am Ende dieses Einheitsjahres wird es nicht wichtig sein, ob Deutschland eine neue Verfassung bekommt oder nicht. Die jetzige wird aus gutem Grund gehütet. Und ohne Not sollte daran nicht gerührt werden. Aber offen, frei, ohne Besitzstandsdenken über die innere Verfassung von Ost und West zu sprechen, wäre ein großer, wichtiger Schritt. Und dabei darf auch ein wenig von dem Gefühl wieder aufleben, das die erste Nacht des Mauerfalls so unvergleichlich macht. Wenn Müntefering mit seiner Sozialdemokratie dies angestoßen hat, sollte man ihn später nicht für eine versickernde Verfassungsdebatte schelten.------------------------------Sollte Müntefering wirklich meinen, das Land brauche eine neue, gemeinsame Verfassung, wäre dies eine Revolution im deutsch-deutschen Verhältnis.
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