Gleich hat er die Blut-Hirn-Schranke überwunden. Das gelingt sonst höchstens Viren, Bakterien, Mikroplastik oder anderen winzig kleinen Partikeln, schon klar. Doch so tief wie der Mann den Zeigefinger in seine Nase rammt und darin herumfuhrwerkt, müsste er demnächst zur Schädeldecke vordringen.
Er ist etwa Mitte 30 und sitzt in einer Berliner S-Bahn zwischen anderen Fahrgästen, was ihn aber nicht weiter stört. Konzentriert ist er einem Fremdkörper auf der Spur, den er sich schließlich angelt und ins Freie befördert. Was er damit anstellt, sehen nur die wenigen Abgestumpften um ihn herum, alle anderen wenden den Blick ab. Schließlich ist das Frühstück noch nicht ganz verdaut.
Ein Einzelfall? Von wegen! Der öffentliche Personennahverkehr der Hauptstadt ist um eine Attraktion reicher: das Popeln. Und da ein aufkommender Trend zwingend einen Anglizismus nach sich zieht, soll im Folgenden von Public Popeling die Rede sein.
Nach Corona: Nutzer von Bus und Bahn popeln wieder
Längst hat sich das durch Berlin fahrende Volk an folkloristische Musikdarbietungen im Stil von „Sous le ciel de Paris“ gewöhnt. An das Improvisationstheater einzelner Mitreisender sowieso, das trotz angemessener Lautstärke häufig nicht zu verstehen ist. Fahrscheinkontrollen sind eine willkommene Abwechslung im eintönigen Transportalltag. Doch die manuelle Bearbeitung von Zahnzwischenräumen, der Gehörgänge oder eben der Nasenlöcher war bislang Autoinsassen an roten Ampeln vorbehalten.
Damit ist nun Schluss. Nicht mit der manuellen Bearbeitung von Körperöffnungen, sondern mit Public Popeling als Privileg des Individualverkehrs. Noch wirken zwar die Vorkehrungen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit während der Corona-Pandemie nach. Damals galt: Gepopelt wird gefälligst zu Hause. Doch mehr und mehr beharren die Nutzer von Bus und Bahn auf ihren nasalen Freiheitsrechten.
Bakterien machen sich auf die Socken zum Gehirn
Dabei sind die Risiken mit dem schleichenden Abgang des Coronavirus keineswegs minimiert. Nicht umsonst haben sich Ärzte für die betroffene Region zwischen Nase und Mund eine Bezeichnung ausgedacht, die jedem Puplic Popler als eindringliche Warnung in den mit Schmalz verstopften Ohren klingen sollte: Danger Triangle.
Richtig gefährlich wird es in diesem Dreieck, wenn beim Herumstochern Nasenhaare aus der Schleimhaut gerissen werden. Die befinden sich nämlich an einem Ende von Blut- und Lymphbahnen, während am anderen Ende das Gehirn liegt. Wird nun eine Haarwurzel herausgerupft, können sich in der Wunde Krankheitserreger erst breit und anschließend auf die Socken in andere Bereiche des Organismus machen. Die Blut-Hirn-Schranke lässt grüßen.
Steigt einem Popler zum Beispiel ein Bakterium namens Chlamydia pneumoniae zu Kopf, droht sogar Demenz. Vereinfacht ausgedrückt. Die medizinische Realität ist wie so oft komplizierter. Wo waren wir stehen geblieben?
Die Nase verformt sich
Ach ja: Danger Triangle: Eine führende deutsche Krankenkasse informiert im Internet darüber, dass Popeling – egal ob public oder private – mitunter dazu beiträgt, dass sich die Nase verformt. Wenn man es übertreibt. Durchlöchert der Zeigefinger die Nasenscheidewand, heißt es da, könne die gesamte Konstruktion im Gesicht absinken.
Erneut bestätigt sich die Redensart, dass man jemandem etwas an der Nasenspitze ansieht. Grüße an den S-Bahn-Popler. Und: Kopf hoch, falls Nase runter!
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