In der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister herrscht am Montag vor der Eröffnung konzentrierte Betriebsamkeit. Aus dem Nachbarraum dringen Klopfgeräusche, Handwerker rücken Podeste, der Alarm wird getestet, der Kurator gibt vor laufender Kamera ein Interview. Das Medieninteresse ist enorm: In fünf Tagen wird hier eine Kunstausstellung eröffnet, die es so bisher nicht gab: Zum ersten Mal außerhalb Italiens sind so viele Werke des Renaissance-Malers Antonio Allegri, genannt Correggio (um 1489–1534), an einem Ort versammelt. Die Kunstwelt schaut auf Dresden.
Im ersten Ausstellungsraum, dessen kräftige rote Wandfarbe die Hauttöne der Figuren besonders schön in Szene setzen soll, deutet Kurator Andreas Plackinger auf ein Bild, das gerade erst aufgehängt worden ist: eine schlafende Venus, belauert von einem Satyr, der ihr das Tuch, das sie eben noch bedeckte, wegzieht und sie so – in aller Heimlichkeit – auch vor dem Bildbetrachter völlig entblößt. Ein Satyr ist ein mythologisches Mischwesen aus Mensch und Tier, das in der bildenden Kunst für ungezügelte Sinnlichkeit steht.
Daneben ein zweites Venus-Bild, auf dem sich die Göttin der Liebe, ja, auch des erotischen Verlangens, mit einem Schwan vergnügt. „Hier geht es ein bisschen frivol zu“, sagt Plackinger und lacht. Und doch sei der Raum in der Ausstellung zentral, weil er Correggio – eigentlich ein Maler religiöser Bilder – zugleich als Schöpfer profaner und erotischer Werke erlebbar mache.
Correggio, „Venus und Cupido mit Satyrum“, 1526/1528, Öl auf Leinwand
© GrandPalaisRmn (Musée du Louvre)/Franck Raux
An der gegenüberliegenden Wand hängt ein weiteres besonderes Bild der Schau: „Die Entführung des Ganymed“ aus dem Kunsthistorischen Museum Wien. Das Bild gehört zu einer Serie, die der Herzog von Mantua für Kaiser Karl V. in Auftrag gab. Für besonderes koloristisches Aufsehen sorge das Blau des Himmels, verstärkt durch die Rosatöne der Schärpe um den Leib des Jünglings, erklärt Plackinger fast ehrfürchtig vor dem Gemälde.
Die Leidenschaft, die der Kurator für den heute eher unbekannten Maler hegt, ist spürbar. Dabei war Correggio einer der bedeutendsten Maler seiner Zeit: Künstler wie Rubens, Maratti oder Anton Raphael Mengs hätten sich an diesem Werk orientiert, erzählt Plackinger. Von Goethe über Balzac bis Ibsen: Kaum ein Literat des 18. und 19. Jahrhunderts habe Correggio nicht kommentiert.
„Wir zeigen einen der wichtigsten Künstler der europäischen Kunstgeschichte, den kaum jemand kennt. So eine Konstellation ist sehr selten.“ Ein Grund dafür sei die dünne biografische Überlieferung: Es gebe kein einziges gesichertes Porträt des Künstlers. In der Forschung wird jedoch diskutiert, ob sich Correggio in einem der frühen Altarbilder, das ebenfalls Teil der Dresdner Ausstellung ist, als heiliger Antonius selbst verewigt hat – als versteckte Signatur des Malers, dessen Nachname Allegri so viel wie „heiter“ bedeutet.
Plackinger ist Kurator für italienische Malerei an der Gemäldegalerie Alte Meister, und mit der schon im Vorfeld viel beachteten Correggio-Ausstellung verantwortet er eine bisher in dieser Form nie dagewesene Schau des Künstlers.
Bilder aus dem Prado, Louvre und der National Gallery
Die Ausstellung versammelt 20 der weltweit rund 60 erhaltenen beweglichen Gemälde Correggios – ein Drittel des Werkbestands. Dazu kommen 20 der etwa 100 überlieferten Zeichnungen. „Wir haben alle Correggios aus Spanien bekommen und bis auf zwei nicht reisefähige Werke auch alle aus Frankreich“, sagt Plackinger. Drei Bilder kamen am vergangenen Wochenende aus dem Madrider Museum Prado nach Dresden – begleitet von einer Polizeieskorte. Die Galleria Borghese habe eigens ein Bild aus einer laufenden Ausstellung zwei Wochen früher abgehängt, damit die „Danae“ wenige Stunden vor der Eröffnung noch nach Dresden geliefert werden kann.
Correggio, „Danae“, um 1530/1531, Öl auf Leinwand
© Galleria Borghese/ph. Mauro Coen
Zwei der Venus-Darstellungen – eine aus dem Louvre, eine aus der National Gallery in London – geben Anlass zu einer forschungsgeschichtlichen Debatte: Sind die Bilder als Pendants entstanden? Plackinger vermutet, dass die Londoner Venus früher entstand und der Auftraggeber so begeistert war, dass er eine zweite orderte. In der schlafenden Venus aus dem Louvre zeige sich Correggios geniale Raumbeherrschung in der Tiefe – ein liegender Akt in einem Hochformat, was der Kurator als „künstlerische Tour de Force“, als Meisterleistung bezeichnet. Beide Bilder gelangten später in die Sammlung des englischen Königs Karl I. und wurden dort als himmlische und irdische Venus gedeutet.
Der Zeitgenosse Giorgio Vasari, Autor der berühmten Künstlerbiografien, hatte Correggios Anatomie einst kritisiert – etwa die im Verhältnis zum Körper etwas groß geratenen Köpfe. „Das ist eine harsche Kritik, aber ideologischen Ursprungs“, ordnet Plackinger ein. Vasari sei Florentiner gewesen und habe eine Erzählung von der römisch-florentinischen Überlegenheit vertreten, in die ein norditalienischer Meister wie Correggio nicht gepasst habe. Oder nicht passen sollte.
Eine der besonderen Leihgaben, die erstmals überhaupt den Louvre verlassen hat: Correggios „Mystische Vermählung der heiligen Katharina“, um 1525/1527, Öl auf Holz
© GrandPalaisRmn (Musée du Louvre)/René-Gabriel Ojeda
Vier Jahre am Meisterwerk
Herzstück der Schau ist – aus Dresdner Sicht – die restaurierte „Madonna des heiligen Sebastian“, entstanden um 1524. Steffi Bodechtel, Diplom-Restauratorin an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, leitete das Projekt. Sie steht vor einer Aufnahme des Bildes, das seinen Zustand im März 2024 zeigt: gelbstichig, verzogen, mit deutlichen Fehlstellen entlang der Fugen zwischen den fünf Holzbrettern, auf denen Correggio sein Kunstwerk verewigte. Mit der ewigen Haltbarkeit sollte es allerdings nicht so ganz klappen. Dass diese Variante nicht besonders langlebig ist, zeigt die gut dokumentierte Geschichte des Bildes: „Es ist das Gemälde mit der dicksten Restaurierungsakte, das wir in unserer Sammlung haben“, sagt Bodechtel.
Correggios „Madonna des heiligen Sebastian“" im März 2024, als alle Firnis- und Farbschichten abgetragen waren (Ausschnitt).
© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Laura Princzes/Steffi Bodechtel
Die Provenienzforschung ergab, dass das Werk bereits 1584 – wenige Jahrzehnte nach seiner Entstehung – als defekt protokolliert wurde. Die erste dokumentierte Restaurierung fand 1611 statt, ausgeführt vom Maler Ercole dell'Abate. Ein weiterer „Restaurator“ – diesen Beruf gab es damals noch nicht – war Flaminio Torri, Hofmaler des Herzogs von Modena. Von ihm zeigt die Ausstellung ein eigenes Gemälde aus der Dresdner Sammlung. 1746 kam Correggios „Madonna des heiligen Sebastian“ mit dem Ankauf von 100 Werken aus der Sammlung d'Este nach Dresden.
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Darunter waren die vier großen Altartafeln Correggios, die eigene Paragrafen im Kaufvertrag erhielten. Mehrmals wurde die „Madonna des heiligen Sebastian“ unter ungünstigen Bedingungen transportiert, mit Kutschen auf holprigen Wegen, verpackt in einfachen Kisten. Im Siebenjährigen Krieg wurde das Bild auf die Festung Königstein ausgelagert, im Zweiten Weltkrieg nach Moskau. Bodechtel hat rund 5000 Transportkilometer errechnet – kein Wunder also, dass das Bild in entsprechendem Zustand war und nun in Dresden ganz oben auf der Restaurierungsliste stand.
Die Tafel besteht aus fünf Pappelholzbrettern. Klimatische Schwankungen ließen sie verformen, die Fugen öffneten sich, Farbschichten brachen ab. Über die Jahrhunderte hatten sich bei Ausbesserungsarbeiten bis zu 15 Firnisschichten angesammelt, rund ein Drittel des Bildes war übermalt. „Wir haben die Hälfte der fast vier Jahre dauernden Restaurierung allein daran gesessen, all diese Schichten abzutragen“, sagt Bodechtel. Die letzten Schichten mussten unter dem Mikroskop quadratzentimeterweise entfernt werden.
Correggio, „Madonna des heiligen Sebastian“, um 1524, Öl auf Pappelholz (Ausschnitt; nach der Restaurierung)
© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Laura Princzess/Steffi Bodechtel/Jacob Franke
Eine Sisyphusarbeit, noch dazu an einem so großen Werk, das 2,60 Meter mal 1,60 Meter misst. Mithilfe einer gepolsterten Stütze konnten sich die drei Restauratorinnen am Rand des Gemäldes anlehnen und nach vorn beugen, die Arme aufgestützt auf eine weitere Vorrichtung. Während dieser auch körperlich anstrengenden Arbeit konnten die Besucher der Gemäldegalerie den drei Expertinnen in der eigens dafür eingerichteten Schauwerkstatt über die Schultern blicken.
Bei der Ergänzung der Fehlstellen half ein historischer Kupferstich aus dem Dresdner Kupferstichkabinett, der das Bild in weit besserem Zustand zeigt, erzählt Bodechtel. Ein großes Glück: Er wurde digital in die Fehlstellen der Fotografie eingearbeitet, um die verlorenen Formen zu rekonstruieren. Die Retuschen erfolgten mit reversiblen, modernen Materialien und in feinen Pünktchen – so bleiben sie, zumindest für Fachleute, erkennbar. „Wir wollen nicht so weit gehen, dass wir vortäuschen, das Bild habe nichts erlebt“, sagt Bodechtel. „Seine Geschichte soll ablesbar bleiben.“
Blick in das Schau-Atelier: Fast zwei Jahre dauerte es, die Firnisschichten abzutragen. Eine aufwendige Teamarbeit.
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Klemens Renner
Emotionen aus Farben
Drei Räume widmet die Ausstellung allein der Restaurierung und der maltechnischen Erforschung. Ein zwanzigminütiger Dokumentarfilm zeigt die Arbeitsschritte – zusammengeschnitten aus unzähligen Stunden Videomaterial, das in den vergangenen vier Jahren aufgenommen wurde. Eine Medienstation macht das Bild digital in allen Details sichtbar – bis hin zu Querschnitten unter dem Mikroskop. In einer Vitrine drapiert Steffi Bodechtel an diesem Montag 14 Pigmente, die Correggio nachweislich verwendete, darunter Auripigment – das Königsgelb –, Malachit und Azurit. Zu sehen sind auch historische Schweinsblasen aus dem Bestand der Restaurierungshochschule – in ihnen wurde die angeriebene Farbe aufbewahrt, bevor es Tuben gab.
Die besondere Wirkung von Correggios Bildern erklärt Bodechtel mit seiner konsequenten Malweise auf braunen Untergründen. Der warme Ton schwinge im ganzen Bild mit und schaffe atmosphärische Tiefe. Kaum ein anderer Maler habe so weiche Übergänge geschaffen. Besonders eindrücklich zeige sich das, ergänzt Plackinger, in der „Heiligen Nacht“, die in der Ausstellung in einem eigenen Raum vor tiefblauer Wand präsentiert wird. Das Christuskind selbst sei kaum zu sehen, von ihm gehe aber das Licht aus, in dem alle umstehenden Figuren zu sehen sind – „ein Bild über die Reaktionen auf das Christuskind mehr als über das Kind selbst“.
Correggio, „Die Heilige Nacht“, um 1528/1530, Öl auf Pappelholz
© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Elke Estel/Hans-Peter Klut
Vom Restaurierungsprojekt zur Retrospektive
Ursprung der Ausstellung war die Frage, welches italienische Bild der Dresdner Sammlung als nächstes zu restaurieren sei, erzählt Kurator Plackinger. Die Wahl fiel auf eben jene „Madonna des heiligen Sebastian“ – das dringlichste Werk. Erst später entstand die Idee, das restaurierte Meisterwerk in eine große Retrospektive einzubetten. Dresden besitzt vier der weltweit größten erhaltenen Correggio-Gemälde. Ein Kunstschatz, wie er betont.
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„Es ist nicht so, dass wir einfach eine Ausstellung machen. Correggio ist die DNA der Dresdner Gemäldegalerie“, sagt Plackinger. Die „Heilige Nacht“ galt damals als das bedeutendste Bild der Sammlung – Reisende kamen nicht wegen Raffaels „Sixtinischer Madonna“, sondern wegen Correggio nach Dresden. „Wir wollen diesen Künstler wieder sichtbarer machen.“ Zu Correggios Lebzeiten habe man ihn in einer Reihe mit Tizian, Raffael und Leonardo da Vinci genannt.
Correggios Fresken in den Kirchen von Parma lassen sich indes nicht transportieren. Die Galerie behilft sich mit hochauflösenden Drohnenaufnahmen, die auf eine kuppelförmige Projektionsfläche gebracht werden. Im vorgelagerten Raum sind Originalzeichnungen zu sehen, mit denen Correggio die Fresken vorbereitete – darunter ein Entwurf für die Himmelfahrt Mariens aus dem Dresdner Kupferstichkabinett, einer von weltweit nur drei erhaltenen Entwürfen zu dieser Figur.
Correggio, Drohnenaufnahme: Kuppelfresko Maria Himmelfahrt, Kathedrale Santa Maria Assunta, Parma, 1530-1534
© Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Jacob Franke
Auch Druckgrafiken des italienischen Kunstakademiedirektors Paolo Toschi werden gezeigt, der ab 1839 vierzig Jahre lang mit seinen Schülern daran arbeitete, sämtliche Fresken Correggios in Parma druckgrafisch zu reproduzieren – ein Projekt, das 1861 sogar auf der Weltausstellung in London vertreten war.
Kurator Andreas Plackinger betont zum Schluss, wie bedeutsam die neue Schau in Dresden ist: Es ist die erste Correggio-Retrospektive außerhalb Italiens weltweit. „Wir können einen der begehrtesten Künstler in einer Dichte sehen, wie das wahrscheinlich in den nächsten 50 bis 60 Jahren so nicht mehr stattfinden wird.“ Er empfiehlt den Besuch mit Muße und zu zweit: „Correggio hat Bilder geschaffen, die zum Darüber-Sprechen anregen sollen.“ Und einen zweiten Blick lohnten die Werke ohnehin – „weil die Bilder so komplex, kleinteilig und voller Überraschungen sind.“
Correggio. Berührend menschlich. Ausstellung in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Winckelmann-Forum, 19. September 2026 bis 10. Januar 2027
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