In Cheine, einem Ortsteil von Salzwedel im Altmarkkreis, sorgt der Fund von Quecksilber auf der Straße Molochsberg für große Besorgnis und scharfe Kritik an den zuständigen Behörden. Das hochgiftige Metall wurde bereits am 24. Februar entdeckt, doch erst Tage später informierten Landes- und Kreisbehörden die Bevölkerung über die potenzielle Gefahr. Die schleppende Kommunikation und das umstrittene Vorgehen der Behörden stehen im Mittelpunkt der Kritik – nicht nur von Anwohnern, sondern auch von Umweltaktivisten. Der Vorfall wirft zudem erneut ein Schlaglicht auf die ungelöste Problematik von Altlasten in der Region, insbesondere auf die umstrittene Giftschlammgrube Brüchau.
Sowohl Landrat Steve Kanitz (SPD) als auch Bürgermeister Olaf Meining (parteilos) mussten sich am Montag bei einer Informationsveranstaltung den Vorwürfen der Anwohner stellen. Diese beklagen, dass in den ersten Tagen nach dem Fund keinerlei offizielle Warnungen oder Verhaltensrichtlinien ausgegeben wurden. Dies habe dazu geführt, dass Passanten und landwirtschaftliche Fahrzeuge die Straße weiterhin nutzten, wodurch das Quecksilber möglicherweise weiter in der Umgebung verbreitet wurde.
Besonders brisant: Die Absperrungen auf dem Molochsberg seien zwischenzeitlich von Unbekannten entfernt worden, sodass der Zugang zeitweise frei war. Infolgedessen wurden die Absperrungen verstärkt und ein Sicherheitsdienst eingesetzt. Kanitz und Meining räumten Versäumnisse ein und versprachen, den Vorfall zur „Chefsache“ zu machen.
Weitere Bereiche belastet
Lithium-Abbau: Wer zahlt den Preis für die grüne Transformation?
Bereits am vergangenen Dienstag, dem 24. Februar, war auf dem Molochsberg eine größere Menge Quecksilber entdeckt worden. Zunächst hatte die Volksstimme berichtet. Doch erst am Samstag kamen CBRN-Spezialkräfte von Feuerwehr und Katastrophenschutz zum Einsatz. Dabei wurde festgestellt, dass weitere Bereiche von Cheine belastet sind – teils direkt vor Wohnhäusern. Eine Gefahr für die Bevölkerung kann somit nicht ausgeschlossen werden.
Am Dienstag veröffentlichte der Landkreis dann Hinweise an die Bevölkerung: Bürger sollen den abgesperrten Bereich demnach meiden und Kinder und Haustiere fernhalten. Kontakt und Nähe zu der Substanz, etwa für Fotos, seien zu vermeiden. Anwohner im direkten Umfeld sollen zudem vorsorglich Fenster und Türen geschlossen halten sowie Lüftungs- und Klimaanlagen abschalten.
Wer Kontakt mit dem Quecksilber hatte, solle die Kleidung wechseln und betroffene Hautstellen mit Wasser und Seife waschen. Bei Symptomen wie Reizhusten, metallischem Geschmack, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall solle man einen Arzt aufsuchen.
Misstrauen gegenüber Neptune Energy
Auch die Rolle von Neptune Energy, die nicht nur Bodenproben analysieren, sondern auch die Reinigung der kontaminierten Bereiche übernehmen soll, sorgt für Kritik. Die Bürgerinitiative „Saubere Umwelt & Energie Altmark“ sieht den Konzern als möglichen Verursacher des Giftskandals und verweist auf dessen umstrittenen Umgang mit der Giftschlammgrube Brüchau. Dort lagern seit Jahrzehnten rund 100.000 Tonnen hochbelasteter Abfälle, darunter quecksilber- und radioaktiv kontaminierte Materialien.
Die Initiative kritisierte bereits in der Vergangenheit, dass Neptune Energy plane, die Abfälle vor Ort einzukapseln, anstatt sie vollständig zu entfernen. Christfried Lenz, Sprecher der Initiative, nannte dies eine „Verschiebung des Problems in die Zukunft“. Die Entscheidung über die Einkapselung steht noch aus, da das Landesbergamt die bergbaurechtlichen Voraussetzungen für eine Genehmigung prüft.
Sachsen forciert Tunnel durch das Erzgebirge, Probleme auf tschechischer Seite
Die gesundheitlichen Risiken durch Quecksilber sind erheblich: Das Nervengift kann bereits bei niedrigen Temperaturen verdampfen und über die Atemwege oder die Haut aufgenommen werden. Symptome wie metallischer Geschmack, Übelkeit und Erbrechen können auftreten.
Anwohner zeigten sich besorgt um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder. Der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Ramón Rulff, kündigte an, Urinproben auf Quecksilber zu untersuchen und auch Haustiere, wie beispielsweise einen Hund, der bereits im Dezember Vergiftungserscheinungen zeigte, zu testen.
In Cheine kamen CBRN-Spezialkräfte von Feuerwehr und Katastrophenschutz zum Einsatz. (Symbolbild)
© Björn Trotzki/IMAGO
Altlastenproblematik in der Altmark
DDR-Geschichte: Wie Ostdeutschland eine eigene Internet-Domain bekam
Die Herkunft des Quecksilbers bleibt weiterhin unklar. Einige Anwohner vermuten einen Zusammenhang mit dem Rückbau alter Gasleitungen, die quecksilberhaltige Materialien enthalten könnten. Doch auch die Beobachtungen von Radladern, die die Straße passierten, haben erhebliche Zweifel an den Transportwegen und Sicherheitsmaßnahmen der Subunternehmer von Neptune Energy geweckt.
Die Firma steht zudem nicht zum ersten Mal in der Kritik: Bereits 2025 hatte die Bürgerinitiative „Saubere Umwelt“ scharf gegen die Pläne von Neptune Energy protestiert, die hochbelasteten Abfälle vor Ort einzukapseln und abzudecken. Laut Neptune sei eine vollständige Entfernung der Giftstoffe aus technischen Gründen nicht möglich, doch die Initiative warnte vor den langfristigen Risiken einer solchen Lösung. Die endgültige Entscheidung des Landesbergamtes über den Umgang mit der Deponie steht bis heute aus.
Untersuchungen des Landesbergamtes und der Landesanstalt für Altlastenfreistellung sollen jedenfalls Klarheit über die Herkunft des Quecksilbers bringen. Umweltverbände wie der BUND Sachsen-Anhalt fordern nicht nur eine sofortige Sanierung des Standortes, sondern auch eine umfassende Untersuchung der Vorfälle und deren möglichen Zusammenhang mit der Erdgasförderung.
Auch Landrat und Bürgermeister nicht informiert
Erfurter Zalando-Schließung: Debatte im Landtag – War das „asozial“?
Kanitz und Meining versprachen, weitere Proben aus tieferen Bodenschichten entnehmen zu lassen, um die Ausbreitung des Gifts zu bewerten. Bis dahin bleibt der Weg gesperrt, und die Anwohner müssen auf unbestimmte Zeit auf alternative Zufahrtswege ausweichen.
Nach eigenen Angaben ließ der Kreis den ersten Quecksilberfund noch am 24. Februar absaugen – unterstützt vom Umweltamt und der Firma Neptune Energy. Die Firma ließ am Freitag mitteilen, dass in dem betroffenen Bereich in den vergangenen Monaten keine Arbeiten stattgefunden haben. Der Weg wurde demnach nicht genutzt.
Auch Landrat Steve Kanitz und Bürgermeister Olaf Meining wussten nach eigener Aussage bis zum Wochenende nichts von dem Vorfall. „Wir klären auf, warum wir beide nicht informiert worden sind“, sagte Meining am Montag. „Das ist sicher so nicht in Ordnung.“ Dennoch sei ja „nicht nichts passiert“.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]