BERLIN. Der von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geforderte längere Betrieb von Kernkraftwerken würde die Menge von Atommüll in Deutschland massiv erhöhen. Sollten alle in Betrieb befindlichen Meiler acht Jahre länger laufen als nach dem Gesetz zum Atomausstieg geplant, würden dadurch 2 960 Tonnen mehr hoch gefährlicher Atommüll in Form von bestrahlten Brennelementen anfallen. Die Gesamtmenge der durch diesen Abfall anfallenden Radioaktivität würde gegenüber dem Ausstiegsszenario um 28 Prozent steigen. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die dieser Zeitung vorliegt.Zwischenlager füllen sichDie Zahlen sind brisant, weil es derzeit in Deutschland noch keine politische Lösung für die Endlagerung von hoch radioaktivem Müll gibt. Der in den Siebziger- und Achtzigerjahren vorgesehene niedersächsische Standort Gorleben ist nach diversen Skandalen diskreditiert und wegen des massiven Widerstands vor Ort politisch kaum durchzusetzen. Damit ist völlig offen, was mit dem stark strahlenden Müll passieren soll. Derzeit befindet er sich zur vorübergehenden Aufbewahrung in dezentralen Zwischenlagern nahe der Kraftwerke.In der Antwort beziffert das Bundesumweltministerium den bis Ende 2007 angefallenen Müll auf insgesamt 5 832 Tonnen Brennelemente. Bis zur geplanten Abschaltung des letzten Kernkraftwerkes im Jahre 2022 werden danach 4 800 weitere Tonnen anfallen. Dazu kommt noch der in verglasten Behältern angefallene Müll aus den Wiederaufbereitungsanlagen. Bei einer Verlängerung der Laufzeiten um acht Jahre, wie sie von den Fachpolitikern von Union und FDP erwogen werden, kämen dann noch einmal knapp 3 000 Tonnen hinzu.In der Wahlarena der ARD hatte Merkel zuletzt sogar von "zehn bis fünfzehn Jahren" Verlängerung gesprochen. Sollte es dazu kommen, würden nach dem Szenario der Regierung für sieben weitere Jahre nochmals 2 590 Tonnen Atommüll dazukommen. "Das ist zutiefst verantwortungslos. Niemand weiß heute, wo der Atommüll hin soll", sagte der Energieexperte der Grünen, Hans-Josef Fell. Den Standort Gorleben nannte er endgültig gescheitert. Zuletzt waren immer wieder Dokumente aufgetaucht, die zeigen, dass die Kohl-Regierung politischen Druck auf Wissenschaftler ausgeübt hatte, damit diese in ihren Gutachten Zweifel an der Eignung Gorlebens zurückstellen.Der politische Streit über diese Vorgänge hielt auch gestern an. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) warf dem Bundeskanzleramt in einem Brief eine "abenteuerliche und rein politisch motivierte" Vorgehensweise vor. Für ihn sei offensichtlich, dass die Öffentlichkeit seinerzeit durch geschönte Gutachten über die wissenschaftlichen Risiken des Gorleben-Projekts getäuscht worden sei. Der Kohl-Regierung sei es darum gegangen, "Gorleben als Endlagerstandort durchzudrücken", schrieb Gabriel.Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) hatte zuvor bestritten, dass es neue Erkenntnisse über manipulierte Expertisen gebe. Zugleich hatte das Kanzleramt aber auch versprochen, die nun aufgetauchten Akten zu prüfen. Dabei handelt es sich um einen Ordner mit Dokumenten. Dieser befindet sich seit Dienstag im Kanzleramt.------------------------------Erkundung seit 1979In Deutschland - wie weltweit - gibt es kein Endlager für hochradioaktive Abfälle. Das künftige Endlager Schacht Konrad ist ebenso wie Morsleben für schwach- und mittelaktiven Atommüll ausgelegt.Auf seine Eignung als Endlager für hochaktiven Müll wurde ab 1979 der Salzstock in Gorleben erkundet. Wegen Zweifeln an seiner Tauglichkeit verhängte die rot-grüne Regierung 2000 ein Moratorium bis 2010.Neben Steinsalz kommen auch Ton oder kristalline Gesteine wie Granit als "Wirtsgestein" für den Atommüll in Frage. Dabei gibt es keine Rangfolge, es kommt immer auf den konkreten Standort an.------------------------------Foto: Ein Castor-Behälter auf dem Weg ins Zwischenlager Gorleben
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