Während der historischen Hitzewelle in Europa wurden nach Angaben der WHO mehr als 1300 zusätzliche Todesfälle registriert. Mehrere Länder meldeten am Wochenende neue Temperaturrekorde von über 40 Grad. Die extreme Hitze führte zu Waldbränden, beschädigter Infrastruktur, Verkehrschaos und einer Überlastung der Rettungsdienste.
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach von einer dramatischen Entwicklung. Europa sei inzwischen der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde und erhitze sich doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Derzeit lebten rund 150 Millionen Menschen unter extremer Hitze. Schulen seien geschlossen, Stromnetze gerieten an ihre Belastungsgrenzen und Hitzestress entwickle sich zunehmend zu einem „stillen Killer“, schrieb Tedros auf der Plattform X.
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41,7 Grad in Brandenburg – und trotzdem sagt einer: „Früher war es auch heiß“
Frankreich meldet rund 1000 zusätzliche Todesfälle
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Frankreich. Nach vorläufigen Angaben der Gesundheitsbehörde wurden zwischen Dienstag und Donnerstag rund 1000 Sterbefälle mehr als im langjährigen Durchschnitt registriert. Die Behörde wertet dies als vorläufige Übersterblichkeit während der Hitzewelle. Die Zahl dürfte noch steigen, da weitere Daten aus Privathaushalten und Pflegeeinrichtungen noch ausstehen.
Vor Beginn der Hitzewelle starben in Frankreich durchschnittlich zwischen 900 und 1000 Menschen pro Tag. Während der heißesten Tage stieg diese Zahl zeitweise auf mehr als 1400. Rund 85 Prozent der zusätzlichen Sterbefälle entfielen auf Menschen im Alter von 65 Jahren und älter.
Auch andere Länder melden schwere Folgen der Hitze. Aus Spanien wurden bislang mindestens 327 mutmaßliche Hitzetote gemeldet. Die WHO spricht europaweit von mehr als 1300 zusätzlichen Todesfällen im Zusammenhang mit den außergewöhnlich hohen Temperaturen seit dem 21. Juni.
Berlin: Vor dem Sommerbad am Insulaner hat sich eine lange Schlange gebildet.
© Andreas Heimann/dpa
Deutschland, Polen und Tschechien brechen Hitzerekorde
Am Wochenende wurden in mehreren europäischen Ländern neue Temperaturrekorde aufgestellt. Nach vorläufigen Angaben des Deutschen Wetterdienstes erreichte Neißemünde in Brandenburg 41,7 Grad. Damit wurde der bisherige Rekord zum dritten Mal innerhalb weniger Tage übertroffen.
Auch Polen stellte mit 40,5 Grad einen neuen landesweiten Höchstwert auf. In Tschechien wurden 41,9 Grad gemessen. Ungarn registrierte 40,7 Grad, Dänemark verzeichnete bereits am Samstag mit 36,6 Grad den höchsten Wert seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1874.
Brände, Evakuierungen und Schäden an Bahnstrecken
Die Rekordhitze hatte in vielen Ländern weitreichende Folgen. In Ostdeutschland brachen mehrere große Waldbrände aus. Besonders schwierig gestalteten sich die Löscharbeiten in ehemaligen Truppenübungsgebieten und Wäldern, in denen noch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg liegt. Immer wieder kam es zu Explosionen, wodurch Feuerwehrleute ihre Einsätze zeitweise unterbrechen mussten. Allein im rheinland-pfälzischen Traisen mussten rund 650 Menschen ihre Häuser verlassen.
Auch die Verkehrsinfrastruktur geriet unter Druck. In Leipzig wurde der Straßenbahnverkehr wegen hitzebedingter Schäden an Gleisen und Weichen zeitweise vollständig eingestellt. Die Deutsche Bahn riet von nicht notwendigen Reisen ab. In Brandenburg mussten mehr als 600 Fahrgäste aus einem liegen gebliebenen Zug evakuiert werden, nachdem eine Oberleitung beschädigt worden war und die Klimaanlage ausgefallen war.
In Berlin setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um Einheimischen und Touristen am Brandenburger Tor Abkühlung zu verschaffen. Gleichzeitig registrierten die Rettungsdienste Hunderte zusätzliche Einsätze wegen hitzebedingter Erkrankungen.
Mit Wasserwerfern verschafft die Berliner Polizei Besuchern im Park am Gleisdreieck eine Abkühlung während der Rekordhitze.
© Jochen Eckel/imago
Flüsse erwärmen sich – Kraftwerke drosseln Leistung
Die Hitzewelle belastet auch Europas Energieversorgung. In Ungarn musste das Kernkraftwerk Paks seine Leistung erneut reduzieren, weil das Wasser der Donau als Kühlmittel zu warm geworden war.
In Italien führt der niedrige Wasserstand des Po dazu, dass Salzwasser immer weiter flussaufwärts eindringt. Experten warnen vor erheblichen Folgen für Landwirtschaft und Naturschutzgebiete im Delta des längsten italienischen Flusses.
Studie zur Rekordhitze
Wissenschaftler der internationalen Forschungsinitiative World Weather Attribution sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der Rekordhitze und dem Klimawandel. Nach ihrer am Freitag veröffentlichten Schnellanalyse wären die außergewöhnlichen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit ohne die Erderwärmung praktisch unmöglich gewesen.
Demnach treten derartige Extremereignisse heute etwa 200-mal häufiger auf als noch vor wenigen Jahrzehnten. Was früher als Jahrhundert-Hitzewelle galt, komme inzwischen nahezu jedes Jahr vor.
Meteorologen erwarten zwar, dass sich die Lage in Teilen Westeuropas in den kommenden Tagen langsam entspannt. Gleichzeitig verlagert sich die Hitzewelle jedoch weiter nach Mittel- und Südosteuropa. Gesundheitsbehörden warnen deshalb, dass die Zahl der Todesfälle und hitzebedingten Notfälle weiter steigen dürfte.
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