Über der Arktis erwärmt sich die Luft in 30 Kilometern Höhe so schnell, dass der Polarwirbel schon am 5. November kippen könnte – so früh wie noch nie seit Beginn der Messreihe 1959. Meteorologe Fabian Ruhnau von Kachelmannwetter spricht von einem außergewöhnlichen Signal, während der Deutsche Wetterdienst am Boden vorerst ruhiges Herbstwetter erwartet. Eine ähnliche Störung ging 2018 der Kältewelle „Beast from the East“ voraus, ob sich das wiederholt, zeigt sich frühestens in einigen Wochen.
Von Sylt bis zur Zugspitze spürt davon noch niemand etwas. Bis zum Wochenende gehen die Höchstwerte auf rund 14 Grad zurück, in klaren Nächten gibt es Bodenfrost.
Polarwirbel vor dem Kippen: Am 5. November könnten die Winde drehen
Im Winter kreisen kräftige Westwinde um den Nordpol und sperren die arktische Kaltluft ein. Gemessen werden sie am 60. Breitengrad, ungefähr auf der Höhe von Oslo.
Genau diese Winde brechen in den Berechnungen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) gerade ein. Der hochaufgelöste Lauf zeigt um den 5. November eine Umkehr auf Ostwind. Fachleute sprechen dann von einer großen plötzlichen Stratosphärenerwärmung.
Ein solches Ereignis stand im Februar 2018 am Anfang der Kältewelle, die in Großbritannien als „Beast from the East“ bekannt wurde. Der britische Wetterdienst Met Office führt sie als Paradebeispiel dafür, wie eine Störung in der Höhe bis zum Boden durchschlagen kann.
Wer in den aktuellen Frostnächten unterwegs ist, sollte auf Brücken und in Senken mit Glätte rechnen. Warnungen für einzelne Landkreise zeigt der DWD auf seiner Warnkarte.
Nur 18 von 50 Läufen: So wackelig ist die Rekord-Prognose
Ausgemacht ist der Zusammenbruch nicht. Im ECMWF-Ensemble vom 26. Oktober sehen 18 von 50 Rechenläufen eine Windumkehr bis zum 9. November. Ein früherer Durchgang kam noch auf 60 Prozent, jetzt sind es 36.
Die KI-gestützte Modellvariante hält sich fast ganz heraus: Nur drei ihrer 50 Läufe rechnen mit dem Kollaps.
Ruhnau sieht in den Daten trotzdem „etwas sehr Außergewöhnliches“, wie er in einem YouTube-Video sagt. Er hält sogar einen Split für möglich, also die Teilung des Wirbels in zwei Kerne.
Rekord vom 28. November: Diesmal könnte er um 23 Tage fallen
Die bislang frühesten großen Stratosphärenerwärmungen fielen beide auf einen 28. November, 1968 und im vergangenen Jahr. Eine Umkehr am 5. November würde diese Marke um 23 Tage unterbieten.
Üblich sind solche Ereignisse im Januar oder Februar, wenn der Wirbel voll ausgebildet ist. Anfang November ist er eigentlich noch im Aufbau und gilt als schwer zu stören.
Kommt das nächste „Beast from the East“? Ein Hoch über Skandinavien entscheidet
Auch in Deutschland kam die Kälte 2018 an. Ende Februar brachte Luft aus Nordost und Ost laut DWD-Monatsbilanz vielerorts zweistellige Minusgrade, rund zwei Wochen nach der Störung in der Höhe.
Der Polarwirbel setzt die Kälte frei, den Weg nach Deutschland bestimmt er nicht.
Meteorologe Dominik Jung beschreibt gegenüber t-online drei Möglichkeiten. Die Kaltluft kann nach Nordamerika oder Asien ausweichen, oder die Störung bleibt auf die Höhe beschränkt.
Eine Wiederholung von 2018 bringt erst die dritte Variante: Die Westströmung über dem Atlantik bricht zusammen, ein Hoch setzt sich über Skandinavien oder Grönland fest. Dann kann Kaltluft aus Osten einfließen, mit Frost und Schnee bis ins Flachland.
Ein Unterschied bleibt: 2018 traf die Störung einen voll ausgebildeten Winter im Februar. Jetzt kommt sie Anfang November, wenn Nord- und Ostsee noch warm sind und einfließende Kaltluft von unten aufheizen.
Wird der Winter 2026/27 kalt? Die Saisonmodelle rechnen mit mildem Verlauf
Die Langfristmodelle bleiben trotz Polarwirbel bei ihrer Linie. Der ECMWF-Saisonlauf zeigt für Europa einen nassen Winter mit Wind aus West bis Südwest, obwohl er die Stratosphäre mitberechnet.
Auch Jung rechnet eher mit einem milden Winter. Frost und Schnee bis in tiefe Lagen schließt er nicht aus, eine länger geschlossene Schneedecke hält er aber für unwahrscheinlich. Oft erhole sich der Wirbel nach einer frühen Störung wieder.
Ruhnau geht noch weiter und warnt ausdrücklich vor Schlagzeilen über einen Eiswinter. Wie das Wetter in den nächsten Tagen wird, steht im aktuellen Wetterbericht.
Ob der Rekord fällt, entscheiden die nächsten Modellläufe. Ihr Zeitfenster reicht derzeit bis zum 9. November.
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