Das Repaircafé in Ribnitz-Damgarten hat an diesem Oktobertag eigentlich noch gar nicht offiziell geöffnet, da ist es schon voll. Gertrud Geib aus Damgarten ist mit zwei alten Pentacon-Diaprojektoren aus der DDR in die Volkshochschule gekommen. Die Dias sind nicht mehr zu erkennen, Mechanik und Glühbirnen funktionieren aber noch. „Ich wollte mir mit meinem Sohn alte Dias ansehen, und das geht jetzt nicht mehr“, sagt sie traurig.
Ehrenamtliches Team kann in 60 Prozent der Fälle helfen
Joachim Grieser sitzt davor und untersucht die Geräte. Er ist mit Hartmut Pfüller von Anfang an im Repaircafé in der Mühlenstraße 10 dabei, seit der Gründung vor elf Jahren. Pfüller hat das ehrenamtliche Reparieren für die Bürger in der Bernsteinstadt unweit der Ostsee initiiert.
Nachdem er die beiden Geräte geprüft hat, ist für Joachim Grieser klar: Die Linsen sind von innen verschmutzt. Hartmut Pfüller reicht ihm ein kleines Spezialwerkzeug und sagt leise: „Das habe ich mir extra für solche Reinigungen mal besorgt.“ Am Ende kann Gertrud Geib glücklich nach Hause gehen, dem Diaabend mit dem Sohn steht nichts mehr im Weg.
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Auch Joachim Grieser ist zufrieden. „Schön, wenn das am Ende ein Erfolg ist und die Sache wieder funktioniert“, sagt er. In 60 Prozent der Fälle ist das nach einem Besuch des Reparaturcafés in Ribnitz-Damgarten so.
„Reparieren ist mein Hobby. Zu Hause bin ich nicht ausgelastet. Und das macht Spaß hier: Man trifft sich alle 14 Tage und ist unter Leuten“, sagt der 77-Jährige. Früher in der DDR hat er in Sachsen-Anhalt in der Landwirtschaft gearbeitet. „Ich habe Landmaschinenschlosser gelernt. In der LPG gehörte es zu meinen Aufgaben, alles zu reparieren, was repariert werden musste.“ Er ist froh, dass Reparieren wieder gefragt ist. „Wir leben doch in einer Wegwerfgesellschaft. Aber ob wir uns das auf Dauer leisten können, ist die Frage.“
Die sechs Reparateure, die Hartmut Pfüller um sich versammelt hat, sind ausnahmslos Rentner – und Männer. Marianne Mienert als einzige Frau des Reparaturteams sorgt für die Anmeldung, das Ausfüllen eines Formulars für den Haftungsausschluss sowie für Kaffee und Kuchen.
Reparieren war im Osten eine Überlebensfrage
Burkhard Drechsler, 75, bemüht sich um einen alten Video- und DVD-Recorder, den Jutta und Andreas mitgebracht haben. „Ich habe die Videos alle aufgehoben und will die jetzt unseren Enkeln zeigen“, erzählt Jutta.
Burkhard Drechsler versucht einen Video- und DVD-Recorder zu reparieren, denn Jutta und Andreas wollen darauf ihren Enkeln Filme zeigen.
© Gaby Schuetze/Ostdeutsche Allgemeine
Der frühere Elektronikingenieur macht seit vier Jahren im Repaircafé mit. „Ich habe schon immer gern repariert. In der DDR war das doch eine Überlebensfrage.“ Und offenbar nicht nur dort. „Ich habe von 1984 bis 2011 in Moskau gelebt. Bis 1990 als Serviceleiter für RFT und danach für Siemens“, erinnert sich der gebürtige Greifswalder. „So wie es im Osten üblich war, haben wir uns auch in der Moskauer DDR-Gemeinschaft gegenseitig geholfen. Ich habe die Haushaltsgeräte repariert und dafür von denen, die Beziehungen zur Erdgastrasse hatten, das gute Bier bekommen.“
Die Firmen wollen, dass die Kunden neue Geräte kaufen
Hartmut Pfüller hat schon vor Ribnitz-Damgarten vier Jahre lang im Rostocker Repaircafé mitgemacht und die Idee dann hierhergebracht. „Ich habe von Kindheit an gern repariert und alles auseinandergenommen, was Schrauben hatte. Auch die Nähmaschine meiner Mutter habe ich repariert“, erzählt der Elektroingenieur.
„Heute haben viele Geräte gar keine Schrauben mehr, die sind mit Stiften zusammengeschossen, sodass nur Fachwerkstätten da rankönnen“, weiß der gelernte Elektromechaniker. „Und auch nur die bekommen die Ersatzteile. Die Hersteller wollen nicht, dass die Geräte repariert werden. Die Leute sollen sich lieber etwas Neues kaufen.“
Selbstverständlich will das Repaircafé keiner Fachwerkstatt Konkurrenz machen. „Wir nehmen natürlich keine Garantiefälle an und reparieren nur solche Dinge, die eine Werkstatt nicht reparieren will.“
Marianne Mienert ist die einzige Frau des Reparaturteams und sorgt für die Anmeldung, das Ausfüllen eines Formulars für den Haftungsausschluss sowie für Kaffee und Kuchen.
© Gaby Schuetze/Ostdeutsche Allgemeine
So wie Marianne Mienerts Staubsauger, durch den sie den Weg ins Repaircafé fand. „Der hatte einen Kabelbruch. Aber in der Werkstatt sagten sie mir, dass eine Reparatur so teuer sei, dass ich mir auch gleich einen neuen Staubsauger kaufen könnte“, erinnert sie sich. Aber das wollte sie nicht, das ehrenamtliche Reparaturteam konnte ihr helfen.
Die Repaircafé-Bewegung kommt aus Holland
Das erste Repaircafé organisierte die niederländische Journalistin Martine Postma am 18. Oktober 2009 in Amsterdam. Ihre Idee: Menschen mit handwerklichen Fähigkeiten helfen anderen, defekte Alltagsgegenstände wieder instand zu setzen. Kostenlos, gemeinschaftlich und möglichst unter Beteiligung der Besitzer. Damit wollte sie ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen, Ressourcen schonen und handwerkliches Wissen bewahren.
Die Idee verbreitete sich rasch weltweit. In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 2000 aktive Repaircafés, Reparaturtreffs und andere ehrenamtliche Werkstätten. Koordiniert werden sie durch das Netzwerk Reparatur-Initiativen der Münchner Anstiftung. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es mittlerweile mehr als 20 solcher Treffpunkte.
Wer dort repariert, gehört zumeist der älteren Generation an, die noch gelernt hat, Dinge möglichst lange zu nutzen. Es sind ehemalige Facharbeiter, Ingenieure, Elektriker, Mechaniker oder handwerklich geschickte Hobbytüftler. Viele sind inzwischen Rentner. Sie bringen nicht nur Werkzeug und technisches Wissen mit, sondern auch jahrzehntelange Erfahrung.
In der DDR war das Reparieren staatlich gefördert
Was heute als nachhaltig und umweltbewusst gilt, war in der DDR eine Selbstverständlichkeit: Kaputte Dinge wurden repariert und nicht weggeworfen. Waschmaschinen, Radios, Fernseher, Fahrräder und Autos sollten möglichst lange halten. Nicht unbedingt aus ökologischer Überzeugung, sondern weil Ersatz oft schwer zu beschaffen war. Doch aus der Notwendigkeit entwickelte sich eine eigene Kultur des Reparierens, die weit über den bloßen Umgang mit der Mangelwirtschaft hinausging. Wer etwas reparieren konnte, besaß eine gefragte Fähigkeit. Und genoss dafür Anerkennung.
In der DDR warf man nicht einfach einen Staubsauger weg, weil er nicht mehr saugte. Man schraubte ihn auf und suchte nach dem Fehler. Wenn das passende Ersatzteil fehlte, wurde improvisiert. Manchmal half ein Bekannter, ein Nachbar oder ein Kollege. Man tauschte Ersatzteile, Werkzeuge und Erfahrungen. Aus alten Geräten wurden noch brauchbare Bauteile ausgebaut und für spätere Reparaturen aufgehoben. Was sich nicht mehr reparieren ließ, konnte noch als Ersatzteillager dienen.
Jutta lässt einen Backofen für ihre 97 Jahre alte Nachbarin reparieren.
© Gaby Schuetze/Ostdeutsche Allgemeine
Das Reparieren gehörte zum Alltag und war zugleich eine soziale Praxis. Wer einen Fernseher wieder zum Laufen brachte, konnte auf die Dankbarkeit seiner Nachbarn zählen. Handwerkliches Können verschaffte Ansehen, unabhängig von Beruf, Einkommen oder gesellschaftlicher Stellung. In Betrieben, Garagen und Kellern wurde geschraubt, gelötet und getüftelt. Nicht selten entstanden dabei Lösungen, die es in keinem Lehrbuch gab.
Reparieren war im Osten mehr als eine Notlösung
Die Historikerin Reinhild Kreis hat diese besondere Kultur untersucht. In ihrem 2023 veröffentlichten Aufsatz „Sozialistische Selbsthilfe“ beschreibt sie, wie sehr Reparaturfähigkeiten in der DDR geschätzt wurden. Sie galten als ostdeutsche Tugend und wurden staatlich gefördert. Dabei war die Mangelwirtschaft nur eine Seite der Geschichte. Das Reparieren konnte auch Freude bereiten, Erfindergeist herausfordern und zum Freizeitvergnügen im Kollektiv werden.
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Aus der Mangelwirtschaft entwickelten sich Fähigkeiten, die in einer Überflussgesellschaft zunehmend verloren gingen: Geduld, technisches Verständnis, Improvisationsvermögen und die Bereitschaft, sich mit einem Problem so lange zu beschäftigen, bis eine Lösung gefunden ist.
Nachbarschaftshilfe hatte gerade im ländlichen Raum eine lange Tradition und war auch in Westdeutschland weitverbreitet, gewann aber in der DDR durch die Dringlichkeit des Austauschs von Wissen, Materialien und Werkzeugen eine zusätzliche Bedeutung.
In Westdeutschland wurde selbstverständlich ebenfalls repariert. Doch während dort mit wachsendem Wohlstand immer mehr Gegenstände durch neue ersetzt wurden, blieb das Reparieren im Osten bis 1989 eine alltägliche Notwendigkeit. Es hatte deshalb einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert.
Nach der Wende plötzlich nichts mehr wert
Mit der Wiedervereinigung änderte sich das grundlegend. Plötzlich waren die Geschäfte voll, westliche Produkte erschwinglich und neue Geräte oft attraktiver als die alten. Was jahrzehntelang gehegt, gepflegt und immer wieder instand gesetzt worden war, landete auf dem Müll.
Damit verloren auch die Menschen, die solche Dinge reparieren konnten, einen Teil ihrer bisherigen Bedeutung. Vielen Ostdeutschen fehlte nach der Wiedervereinigung das Gefühl, als Reparateur und Helfer gebraucht zu werden. In der neuen Gesellschaft zählte zunehmend, wer sich etwas Neues kaufen konnte – weniger, wer etwas Altes wieder funktionsfähig machte.
Gertrud Geib kann ihre zwei DDR-Projektoren von Pentacon funktionsfähig wieder mitnehmen und sich mit ihrem Sohn alte Dias ansehen.
© Gaby Schuetze für Ostdeutsche Allgemeine
Es ist eine Erfahrung, die sich in vielen Bereichen der ostdeutschen Transformationsgeschichte wiederfindet: Was zuvor als Kompetenz galt, wurde plötzlich als rückständig betrachtet. Auch die Reparaturkultur erschien nun vielfach als Relikt einer überwundenen Mangelgesellschaft.
Späte Anerkennung über den Umweg Amsterdam
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Fähigkeiten, die in der DDR aus wirtschaftlichem Mangel entstanden und nach der Wiedervereinigung vielfach als überholt galten, heute unter den Vorzeichen von Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wiederentdeckt werden.
Die älteren DDR-Reparierer erleben damit eine späte Anerkennung. Ihr Wissen, das jahrzehntelang kaum noch gefragt war, bekommt einen neuen Wert. Und während früher der Mangel an Waren zum Reparieren zwang, ist es heute zunehmend die Erkenntnis, dass eine Gesellschaft nicht unbegrenzt Ressourcen verbrauchen kann.
Vielleicht ist das ein besonders schönes Fazit für die Repaircafés im Osten: Menschen, denen nach 1990 häufig vermittelt wurde, vieles von dem, was sie gelernt hatten, sei nichts mehr wert, können heute dort zeigen, wie wertvoll ihre Erfahrungen tatsächlich sind. Und sie hoffentlich an möglichst viele Jüngere weitergeben.
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