Zum Gespräch über den Mann mit dem seltsamen Namen Zweifelssohn hätten wir uns an mehreren Orten in Berlin verabreden können. Auch in Wien, München oder Nürnberg, in Weimar oder Saßnitz begegnet man ihm auf seinem Weg von Süden nach Norden, von Westen nach Osten. Und in der Buchhandlung: „Zweifelssohn“ steht auf dem Titel des ersten Romans von Max Czollek – nach mehreren Gedichtbänden und drei Sachbüchern.
Es hat sich so ergeben, dass wir uns in Kreuzberg treffen, Richtung Tempelhofer Feld gehen wollen, in Erinnerung an das KZ Columbia, das es hier einst gab, aber dann lange auf einem der großen Friedhöfe bleiben. Zweifelssohn ist ein Reisender und Gedanken-Flaneur, bei dem Trauma und Trauer hervorschauen, wenn er nur einmal die Augen schließt und sie wieder öffnet.
Max Czollek beginnt einen neuen Lebensabschnitt
Hier gibt es eine Verbindung zum Zweifelssohn-Erfinder Max Czollek, von dem auch Familienmitglieder im Nationalsozialismus umgebracht wurden, der Debatten über deutsche Geschichte und Verantwortung nicht scheut, sie geradezu sucht. Aber Max Czollek stellt sich an einem der letzten Augusttage gut gelaunt und unvergrübelt dem Gespräch. Er beginnt gerade einen neuen Lebensabschnitt. Er schreibt jetzt auch Prosa. Und er ist Vater geworden. Gerade sind die Schwiegereltern zu Besuch und passen auf das Baby auf, er hat Zeit zum Spazieren.
Max Czollek über seine Gesprächsreihe: „Wir arbeiten an einer pluralen Erinnerungskultur“
Über uns brummt es, eine Frau mit Helm bittet darum, ein Stück wegzugehen. Sie sägt an einem Ast, wir müssen aus der Falllinie, verlassen die breiten und geraden Wege, biegen hier ab und da herum. Nach einer Weile zeigt Czollek auf eine Grabstätte, die ihm wichtig ist: Sie gehört Demba Nabé, einem der drei Sänger und Gründungsmitglieder von Seeed, 2018 gestorben. Das erste Album der Band war 2001 erschienen, das war „formativ für meine Kohorte“, wie Czollek sagt. 14 Jahre alt war er da.
Er fängt direkt an, rhythmisch einen Text zu sprechen: „Mit Kopfnicken-Rumsteh’n beeindruckst du keinen mehr/ ’n lockeren Tänzer mögen die Ladys dagegen sehr/ ’n cooler Typ ist heutzutage jederzeit in der Lage/ Zu hotten, ob mit oder ohne Partner ist die Frage.“ Die Zeilen sind aus „Riddim No. 1“ vom ersten Album, Czollek nennt die Titel der nächsten Platten, Seeed hat ihn geprägt. In der Musik habe er eine Freude gefunden und eine Offenheit für Berlin, nach einer sehr schweren Teenagerzeit.
„Zwischen Eisenbahnschienen und Spree“
Sein Vater, der in der DDR als Liedermacher auftrat, habe ihm oft vorgesungen, viel Eigenes, aber auch Arbeiter- und Kampflieder. Er sagt: „Mein Papa war lange sehr krank, das war nicht leicht für ihn, aber dadurch hat er sehr viel Zeit für mich gehabt.“ Michael Czollek starb, als Max zwölf war.
Aufgewachsen ist er in Friedrichshain, Alt-Stralau. Während er das Gebiet genauer beschreibt, gefällt ihm die Formulierung „zwischen Eisenbahnschienen und Spree“ kaum, dass er sie ausgesprochen hat. „Passt ganz gut für meine Poetik, oder?“
Auf jeden Fall passt es zu seinem Buchhelden Zweifelssohn, dem Propheten-Nachkommen mit verstecktem Flügel. Der kann bei deutschen Eisenbahnschienen nicht anders, als an die Züge zu denken, mit denen Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden. Der betritt auch in München die Dachauer Straße nicht, ohne dass ihm das KZ Dachau einfällt.
Max Czollek beim Spaziergang
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Zwischen Eisenbahnschienen und Spree: Max Czollek schrieb seine Doktorarbeit über Antisemitismus im Frühchristentum. Von 2017 bis 2020 gab er die Halbjahreszeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart mit heraus. Er bringt jüdische Themen in seine Gedichte. Und er kuratiert Ausstellungen und Gesprächsreihen etwa im Haus der Kulturen der Welt oder dem Maxim-Gorki-Theater, fast direkt an der Spree gelegen.
„Ich komme ja nicht aus der Literaturwissenschaft“, sagt Czollek, der am Otto-Suhr-Institut Politik studiert hat, „meiner Lyrik merkt man sicher die Musik an. Mich interessiert die Liedzeile.“ Das hänge mit einer eher ostdeutschen Tradition zusammen, vermutet er, in der es wichtig war, in Gedichten etwas zu erzählen, eine Beziehung zu den Verhältnissen zu formulieren.
Beim Stichwort Tradition kommen wir kurz auf seinen Großvater Walter Czollek, der als Jude und Kommunist die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald überlebte, der später in der DDR den Verlag für internationale Literatur leitete, Volk und Welt. Er starb lange vor Max Czolleks Geburt. Nicht nur seinetwegen war Literatur etwas Selbstverständliches bei ihm zu Hause. „Mama ist eine große Leserin, sie ist ja Journalistin“, sagt er. Und: „Tucholsky ist ein Säulenheiliger bei uns.“
Maxim Biller warf Max Czollek vor, kein richtiger Jude zu sein
Mit seinem Buch „Desintegriert euch!“ schrieb Max Czollek gegen eine vereinnahmende Multikulturalität an und provozierte mit der Aufforderung zu selbstbewusster Verschiedenheit. Schon zu jener Zeit, 2018, wollte er Menschen, die AfD wählen, nicht damit entschuldigen, dass sie „abgehängt“ oder „frustriert“ seien. Er wandte sich gegen die Forderung nach einer deutschen Leitkultur. Und er beschrieb sich selbst als einen, „der auszog, kein Jude zu werden. Sondern ein Politikwissenschaftler, ein Schriftsteller und Intellektueller“ und doch als einen, „der schließlich auch Jude wurde“. Mit diesem Buch erreichte er wesentlich mehr Aufmerksamkeit als mit den drei Gedichtbänden zuvor. Er wurde zu einer öffentlichen Person.
Drei Jahre später warf der jüdische Schriftsteller Maxim Biller ihm in einem Artikel in der Zeit vor, kein echter Jude zu sein. Nach dem orthodoxen Religionsrecht ist die Abstammung von einer jüdischen Mutter entscheidend, er aber berufe sich auf den Vater und Großvater.
Max Czollek kommt bei unserem Treffen selbst darauf. Vielleicht hat er keine Lust, darauf zu warten, bis es angesprochen wird. Das Thema zog sich damals eine Weile durch die Medien. Biller und Czollek sind heute weiterhin wichtige jüdische Stimmen in den intellektuellen Debatten – ausgesprochen haben sie sich nie. „Ich habe selber lange Zeit das Register der Wut bespielt, weil es mir irgendwie fresh und interessant und witzig vorkam“, sagt er jetzt ein wenig abgeklärt. „Aber jetzt, wo die Wut allgegenwärtig ist, muss ich überlegen, wie ich auch an die eigene Trauer rankomme.“
Das Buch
Buchpremiere 12. September 2026, 20.15 Uhr, Internationales Literaturfestival Berlin, Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24
Für Max Czollek macht sich das Judentum nicht am Verhältnis zur Synagoge und der Religionsausübung fest. Über 50 Prozent der jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland seien nicht Teil der Gemeinden und damit nicht vertreten von einer religiösen Interessenvertretung wie dem Zentralrat. Angriffslustig sagt nun er: „Also dass das überhaupt eine Diskussion wert ist, ob es eine Vielfalt von Jüdischkeit gibt, finde ich immer wieder erstaunlich angesichts einer Gruppe, die sich ja sprichwörtlich durch ihre Streitkultur auszeichnet.“
Annette Leo: „Die Politik von Israels Regierung darf man blöd finden“
Wir reden über Zuschreibungen. Aktivist genannt zu werden, gefällt ihm nicht. „Warum nicht einfach: Berliner Autor?“, fragt er. In manchen Artikeln wird er ein ostdeutscher Schriftsteller genannt. Ist er dafür nicht viel zu spät geboren? „Das ist eine typische Wessi-Frage“, sagt er. Wir müssen beide lachen.
Er verweist auf das Buch von Paula Fürstenberg, das gerade erschienen ist, „Niewiedervereinigung“, er hat ein Nachwort dafür geschrieben. Da gehe es um die Postwendekinder, Fürstenberg ist auch 1987 geboren. Seine Generation eine die Enttäuschung, dass die Erzählung von der DDR als einem antifaschistischen Staat sich als unglaubwürdig erwies. „Diese Übernahme durch die Rechten in den Kleinstädten und ländlichen Gebieten kann man nicht als Strukturverfall und Prekarisierung abtun, da scheint etwas auch in der DDR nicht aufgearbeitet worden zu sein.“
Vielleicht hänge das mit dem Wegbrechen intellektueller Kontinuitäten zusammen, sagt er, während wir zwischen malerisch verwahrlosten Gräbern herumstreifen, an Bienenkästen vorbei. In den 90er-Jahren starb nicht nur der Vater von Max Czollek. Da starben Tamara Danz, Gerhard Gundermann, Heiner Müller.
„Es ist fast so, als hätte sich mit der DDR auch so eine Art intellektueller Lebenskraft erschöpft“, sagt er. „Wir unternehmen nun den Versuch, einer Geschichte hinterherzuerzählen, die nicht zu Ende erzählt wurde. Von der wir nur Wünsche und Verzweiflung weitergereicht bekommen haben. Das macht uns zu einer ostdeutschen Generation.“
Die Reporterin und der Autor haben mehr als zwanzig Jahre zwischen sich. Also kreist das Gespräch um die Generationenfrage. Die 90er-Jahre waren von Gewalt geprägt, betont er. Doch es war für viele auch eine Zeit von Arbeitslosigkeit und Abstiegsangst.
Czollek widerspricht nicht. Sein Zweifelssohn stoße sich doch selbst an der Kulissenhaftigkeit in diesem Lande. So, wie wir gerade viele große Grabstellen gesehen haben, die solide gemauert erscheinen sollten, aber nur dünne Wände hatten, so würden in Politik und Gesellschaft ständig Kulissen aufgestellt. „Deutschland stellt sich als Erinnerungsweltmeister dar“, sagt Max Czollek, „aber wenn wir alle die Lehren aus der Geschichte gelernt hätten, wäre die AfD heute nicht die stärkste Kraft bei Umfragen.“
Mit dem Roman begann er nach Beginn des Kriegs gegen die Ukraine
An dem Roman hat er lange gearbeitet. Erste Prosastücke entstanden nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022. „Das hat mich wahnsinnig erschüttert. Ich war wochenlang kaum in der Lage, in einer Diskussionsrunde zu sitzen oder bei einer Lesung, ohne in Tränen auszubrechen.“ Warum es ihn so angefasst habe, sei ihm erst nicht klar gewesen. Dann habe er geahnt, dass es mit einer tief sitzenden familiären Erzählung zu tun habe, dass die Frage, ob Gesellschaften aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hätten, eng mit der Frage zusammenhänge, ob seine Verwandten umsonst vernichtet worden seien. „Ich brauchte einen Ort, an dem ich das verhandeln konnte. Und ich wusste, dass ich das nicht in der Lyrik machen kann. Ich brauchte eine Figur für die Verkörperung dieser Trauer und dieser Erschütterung und dieses Gefühls der Niederlage.“
Wie der Feuilletonist Heinz Knobloch mit seinen Büchern Berlin veränderte
Diese Figur ist nun in jedem der 50 Kapitel zugegen, meistens unterwegs, manchmal nur in Dialogszenen. Man kann sich verlieren in den Fragen, um die Zweifelssohn kreist. Man kann auch manchmal genervt sein davon, warum er so durch die Zeiten rutscht, nicht ins Handeln kommt. Man kann auf neue, eigene Fragen kommen. „Literatur dient der Gegenwartsbewältigung“, sagt Max Czollek.
Das klingt optimistisch, nachdem wir so viel über Vergangenheit gesprochen haben. „Wir lesen nicht, weil Literatur so schön ist. Wir lesen, weil wir verwirrt sind und ängstlich und meinetwegen auch glücklich sind, weil wir Menschen suchen, die eine Sprache dafür finden, diesen Gefühlen Ausdruck zu geben.“ Er wird bald zum ersten Mal öffentlich den Roman vorstellen, am 12. September beim Internationalen Literaturfestival Berlin im Haus der Berliner Festspiele. Neugierig ist er, was sein Buch mit dem Publikum macht und das Publikum mit dem Buch.
Zweifelssohn geht im 40. Kapitel zu seiner alten Schule, dem Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin. Da kommt ihm die Erinnerung an Heinz Knobloch und sein Buch „Misstraut den Grünanlagen“. In Berlin sind Freiflächen nur zu oft Produkte des Zweiten Weltkriegs: Dort wurden Häuser weggebombt oder Synagogen niedergebrannt. Als Zweifelssohn die Wiese neben seiner Schule sah, war dies „einer der Momente gewesen, die sein Vertrauen in die Oberflächen erschütterten“. An dieser Stelle hatten die Nazis einen jüdischen Friedhof geschleift. Auch Max Czollek ist dort zur Schule gegangen, 13 Jahre lang.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]