Flugverkehr

Flughafen Laage kämpft um seine Zukunft: Hohe Kosten, Pläne und der Fall Hendrik Holt

Hohe Kosten belasten den Rostock Airport. Chancen bieten Solarenergie, Pilotenausbildung und Bundeswehr. Der Fall Hendrik Holt ist für die Betreiber kein Thema mehr.

9 Min
Der Flughafen Rostock-Laage wurde Ende 2025 von den neuen Betreibern Crisp Partners übernommen.

Der Flughafen Rostock-Laage wurde Ende 2025 von den neuen Betreibern Crisp Partners übernommen.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Vor rund einem Jahr hat Crisp Partners den Flughafen Rostock-Laage von der Zeitfracht-Gruppe übernommen. Damals kündigten die neuen Eigentümer an, den zivilen Flugbetrieb auszubauen und auf den großen ungenutzten Flächen einen Energie-Hub zu entwickeln. Nun zieht Karsten Lauth, Leiter des Energieprojekts und Sprecher des Flughafens, im Gespräch mit der OAZ eine erste Bilanz.

Sie fällt gemischt aus: Das Passagierziel von 55.000 Fluggästen dürfte 2026 erreicht werden – allerdings nur knapp. Neue Ferienverbindungen zeigen, dass Nachfrage vorhanden ist. „Wir haben eine Auslastung unserer Flieger von 90 Prozent, teilweise sogar 100 Prozent. Da waren jetzt einige dabei, die waren komplett ausgebucht“, sagt der Ehemann der offiziellen Flughafenchefin Ira Lauth.

Doch hohe Kerosinpreise, gestiegene Sicherheitsgebühren und die Abhängigkeit von wenigen Airlines machen den Betrieb unsicher. Gleichzeitig sollen Photovoltaik, ein großer Batteriespeicher, die Pilotenausbildung und eine enge Zusammenarbeit mit der Bundeswehr den Standort langfristig absichern.

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Rostock-Laage erreicht Passagierziel nur knapp

Im Februar waren Karsten und Ira Lauth mit ambitionierten Plänen in das erste vollständige Jahr nach der Übernahme gestartet. Antalya sollte durchgehend erreichbar sein, außerdem wurden Flüge nach Wien, Hurghada sowie Heraklion auf Kreta angekündigt. Die Passagierzahl sollte von rund 39.000 im Vorjahr auf 55.000 steigen. Zwischenzeitlich hielten die Lauths sogar 70.000 bis 75.000 Fluggäste für möglich.

Davon ist der Flughafen inzwischen wieder abgerückt. „Das werden wir dieses Jahr so mit Ach und Krach wahrscheinlich hinbekommen, wenn jetzt nicht Corendon über den Winterflugplan noch Verbindungen herausnimmt“, sagt Karsten Lauth zum ursprünglichen Ziel von 55.000 Passagieren.

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Die für den Winter geplante Verbindung nach Hurghada in Ägypten kommt 2026 nicht mehr zustande. „Wir verhandeln immer noch, aber die wird jetzt in diesem Jahr nicht kommen“, erklärt der Flughafensprecher.

Die Flüge nach Heraklion wurden nur in den Herbstferien angeboten. Antalya soll dagegen auch im November und Dezember zweimal wöchentlich von Rostock-Laage aus angeflogen werden. Allerdings könne Corendon sein Programm kurzfristig verändern, wenn sich Verbindungen nicht mehr rechneten.

Hohe Kerosinpreise treffen nördliche Flughäfen besonders

Als größtes Hindernis nennt Lauth die Kosten. Die gestiegenen Kerosinpreise belasteten vor allem Flughäfen im Norden, weil die Flugzeiten zu vielen Urlaubszielen länger seien als von süddeutschen Standorten. Für eine Airline könnten im Vergleich etwa mit Memmingen oder Friedrichshafen mehrere zusätzliche Blockstunden für Hin- und Rückflug entstehen.

Hinzu kämen die Gebühren am Standort. Insbesondere die Sicherheitsgebühren in Mecklenburg-Vorpommern seien deutlich höher als bei einigen Konkurrenten. „Wir wurden von der plötzlichen Erhöhung durch die Landesregierung zu Jahresbeginn von 6,99 auf 15 Euro pro Passagier völlig überrascht“, ärgert sich Karsten Lauth. Schon Unterschiede von wenigen Euro je Passagier summierten sich bei einer Maschine mit 180 Plätzen zu einem Betrag, der über die Wirtschaftlichkeit einer Verbindung entscheiden könne.

Die Passagierhalle des Baltic Airport in Rostock-Laage

Die Passagierhalle des Baltic Airport in Rostock-Laage

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Die gegenwärtigen Bedingungen seien „Gift für die Branche“, sagt Lauth. Auf die Frage, ob die Landesregierung ausreichend Interesse am Fortbestand des Regionalflughafens habe, antwortet er: „Kein Kommentar.“

Haushaltsrechtlich könne er Gebührenerhöhungen zwar nachvollziehen. Wirtschaftspolitisch seien sie jedoch problematisch, wenn Mecklenburg-Vorpommern weiterhin über einen leistungsfähigen Verkehrsflughafen verfügen wolle.

Flugbetrieb allein kann den Airport nicht tragen

Der Terminal in Rostock-Laage wurde einst für bis zu eine Million Passagiere jährlich gebaut. Im Rekordjahr 2017 nutzten rund 370.000 Fluggäste den „Baltic Airport“ – damals spielte der Zubringerverkehr für Kreuzfahrtschiffe in Warnemünde eine wichtige Rolle.

Von solchen Zahlen ist Rostock-Laage heute weit entfernt. Nach Angaben Lauths wären etwa 150.000 Passagiere im Jahr notwendig, damit sich der Flughafen allein aus dem Flugbetrieb finanzieren könnte. Bei der gegenwärtigen Größenordnung müssten jährlich etwa 400.000 bis 500.000 Euro zusätzlich aufgebracht werden.

Nach der Übernahme hatten die Betreiber erklärt, der Airport habe 2025 eine schwarze Null erreicht. Die Grundlage dafür habe Zeitfracht geschaffen, betonten Karsten und Ira Lauth damals. Entscheidend seien zudem die rund 30 Beschäftigten am Standort gewesen.

Besonders abhängig ist der Flughafen von Corendon. Die Airline trägt derzeit den größten Teil des Ferienflugverkehrs. „Man braucht einen großen Carrier, der zumindest zwei, drei Flüge die Woche macht“, sagt Lauth. Ohne einen solchen Partner lasse sich die notwendige Infrastruktur für den Passagierverkehr kaum dauerhaft vorhalten.

Energie wird zum wichtigsten zweiten Standbein

Dass der Flugbetrieb allein nicht ausreichen würde, war den neuen Eigentümern nach eigener Aussage von Beginn an bewusst. Crisp Partners habe sich vor allem wegen des Potenzials für erneuerbare Energien auf das Projekt eingelassen. Rund um den Airport gibt es große Freiflächen und bislang ungenutzte Parkplätze.

Dort sollen Photovoltaikanlagen und ein großer Batteriespeicher entstehen. Der Speicher bildet nach Lauths Worten den zentralen Baustein der geplanten Energiesparte.

Das Flugfeld in Laage – hier im Winter 2026 – gehört dem Bund, der zivile Teil des Flughafens hat einen Mitnutzungsvertrag und teilt sich Start- und Landebahn sowie den Tower mit der Bundeswehr.

Das Flugfeld in Laage – hier im Winter 2026 – gehört dem Bund, der zivile Teil des Flughafens hat einen Mitnutzungsvertrag und teilt sich Start- und Landebahn sowie den Tower mit der Bundeswehr.

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Bereits im Winter 2027/2028 soll der Terminal mithilfe von Wärmepumpen beheizt werden, die mit Strom aus den eigenen  Solaranlagen betrieben werden. Mit dem selbst produzierten Strom will der Flughafen nicht nur seine hohen Energiekosten senken. Überschüssige Energie soll gespeichert, vermarktet oder möglichen neuen Ansiedlungen zur Verfügung gestellt werden.

„Die Schwarz-Gruppe, die das große Rechenzentrum in Rostock-Dummerstorf errichten will, hat schon Interesse angemeldet“, berichtet der Sprecher. „Der Standort hat insgesamt viel Potenzial.“ Wenn sich neue Geschäftsfelder nicht unmittelbar im Flugbetrieb entwickeln ließen, könnten die verfügbaren Flächen anderweitig genutzt werden.

Bundeswehr ist Partner und bestimmender Nachbar

Eine Besonderheit von Rostock-Laage ist die gemeinsame Nutzung der Start- und Landebahn mit dem Fliegerhorst der Bundeswehr. Die gesamte flugbetriebliche Anlage gehört dem Bund. Der zivile Flughafen nutzt sie auf Grundlage eines Mitbenutzungsvertrages.

Dieses Modell spart hohe Kosten, weil die Bundeswehr wesentliche Teile der Infrastruktur unterhält. „Ohne die gemeinsame Nutzung wäre ein Regionalflughafen dieser Größenordnung kaum finanzierbar“, sagt Karsten Lauth. So werde auch der Tower gemeinsam besetzt. „Von der Bundeswehr tagsüber, von uns in den Randzeiten.“

Ein Eurofighterpilot im Fliegerhorst Laage beim Tag der Bundeswehr im Juni 2026

Ein Eurofighterpilot im Fliegerhorst Laage beim Tag der Bundeswehr im Juni 2026

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Gleichzeitig entstehen Abhängigkeiten. Bei Manövern oder Bauarbeiten kann der zivile Flugverkehr eingeschränkt werden. Gerade in der vergangenen Woche musste der Flugbetrieb über den Konkurrenzflughafen Lübeck abgewickelt werden, weil die Bundeswehr an der Start- und Landebahn Instandhaltungsarbeiten ausführte. Die Passagiere wurden mit Bussen nach Lübeck gebracht und von dort abgeholt.

Für Anfang der 2030er-Jahre erwartet Karsten Lauth eine größere Sanierung der Start- und Landebahn. Der Airport verhandle deshalb mit der Bundeswehr darüber, wie in dieser Zeit zumindest ein eingeschränkter Zivilbetrieb möglich bleiben könnte. Eine vollständige Übernahme des Flughafens durch die Bundeswehr sei dagegen weiterhin kein Thema.

Auf operativer Ebene funktioniere die Zusammenarbeit gut, betont Lauth. Das gelte nicht nur für die Towerbesetzung, sondern auch für Feuerwehr, Winterdienst und die Abfertigung einzelner militärischer Flüge. Schwieriger seien langfristige strategische Entscheidungen.

Lufthansa will Pilotenausbildung fortsetzen

Ein weiterer wichtiger Partner ist Lufthansa Aviation Training. Angehende Piloten absolvieren in Rostock-Laage den praktischen Teil ihrer Ausbildung und trainieren unter anderem Instrumentenanflüge und Funkverfahren.

Die Betreiber führen derzeit Gespräche über eine langfristige Bindung. Der Standort sei wegen des verfügbaren Luftraums und der Nähe zur Ostsee besonders gut für die Pilotenausbildung geeignet. Auch die Bundeswehr bildet in Laage ihre Eurofighter-Piloten aus.

Für den zivilen Flughafen sind solche dauerhaften Mieter mindestens ebenso wichtig wie einzelne Ferienverbindungen. „Wenn die Lufthansa das hier nicht machen würde, wäre es auch noch einmal deutlich schwieriger“, sagt Lauth.

Welche Rolle spielte Hendrik Holt?

Für Aufsehen sorgte im Sommer die Verbindung zu Hendrik Holt. Der wegen Betrugs verurteilte Unternehmer hatte offenbar den Kontakt zwischen dem Flughafenprojekt und Crisp Partners hergestellt.

Nach Karsten Lauths Darstellung hatte sich Zeitfracht 2024 entschieden, den Airport weiterzuverkaufen, nachdem sich der ursprüngliche Plan für einen Logistikstandort mit DPD nicht verwirklichen ließ. Das Projekt sei schließlich über Holts Berliner Netzwerk an Crisp Partners herangetragen worden. „Hendrik Holt war ja im offenen Vollzug, das heißt, er hat tagsüber ganz normal gearbeitet“, sagt Karsten Lauth.

Er bestreitet vehement, dass Holt den Kauf gesteuert oder finanziert habe. „Bezahlt haben das die Crisp Partners aus eigenen Mitteln und sonst niemand“, sagt er. Holt sei Kontaktvermittler gewesen, aber weder Geldgeber noch offizieller Geschäftspartner.

Der wegen Betrugs verurteilte Hendrik Holt floh im August 2026 aus dem offenen Vollzug in Berlin. In Dubai wurde er gefasst und sitzt seitdem in Auslieferungshaft.

Der wegen Betrugs verurteilte Hendrik Holt floh im August 2026 aus dem offenen Vollzug in Berlin. In Dubai wurde er gefasst und sitzt seitdem in Auslieferungshaft.

© Friso Gentsch

Die Betreiber hätten relevanten Partnern wie der Lufthansa die Vorgänge und Finanzierungswege offengelegt. Für den laufenden Flughafenbetrieb sei der Fall deshalb kein Thema mehr. „Die Standortbedingungen, das sind unsere Sorgen“, betont der Flughafensprecher.

Mit Zeitfracht gibt es nach seinen Angaben noch eine Auseinandersetzung über den endgültigen Kaufpreis. Hintergrund sei unter anderem eine nach Darstellung der Käufer zuvor nicht offengelegte Grunderwerbsteuerforderung von 1,4 Millionen Euro aus dem früheren Erwerb des Flughafens. Die Lauths rechnen bald mit einer Einigung.

Auslieferung Hendrik Holts aus Dubai kann dauern

Hendrik Holt wurde nach seiner Flucht aus dem offenen Berliner Vollzug in Dubai festgenommen. Die deutschen Behörden bereiten seine Rückführung vor. Der Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft Osnabrück erklärt dazu auf Nachfrage der OAZ: „Wir bereiten die Unterlagen für die Auslieferung vor. Das ist kompliziert und kann dauern.“

Eine neue Anklage allein wegen seiner Flucht muss Holt nicht erwarten. „Flucht ist in Deutschland keine Straftat, dafür wird Hendrik Holt nicht angeklagt“, stellt der Sprecher klar.

Für Rostock-Laage sind unterdessen andere Fragen entscheidend: Bleibt Corendon dem Standort erhalten? Können Bundeswehr und ziviler Flughafen ihre langfristige Zusammenarbeit sichern? Und gelingt es, den Energie-Hub wie geplant aufzubauen? „Ob es auch zukünftig zivilen Flugbetrieb am Flughafen Rostock-Laage geben wird, hängt einzig und allein von den Standortbedingungen ab“, sagt Lauth.

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