Alexander Zverev hat geschafft, worauf das deutsche Herrentennis 35 Jahre gewartet hat: Seit Montag führt er die Weltrangliste an, als zweiter Deutscher nach Boris Becker. Die ganz große Euphorie im Land bleibt trotzdem aus.
Becker hat dafür eine Erklärung – und die ist unbequem. Im Gespräch mit dem Spiegel nennt der 58-Jährige mehrere Gründe, warum Zverev in Deutschland kein Publikumsliebling ist.
„Seine Eltern kommen aus Russland, er spricht auf dem Platz russisch mit seiner Box“, sagte Becker. Zudem äußere sich Zverev politisch nicht zum Krieg in der Ukraine. Das könne er persönlich verstehen, „aber es kommt natürlich nicht so gut an“.
Zverev ist die Nummer eins – nach einer Rekordsaison
Sportlich gibt es wenig zu meckern. Zverev hat in diesem Jahr die French Open und die US Open gewonnen. Mit dem Einzug ins Viertelfinale von Wien war der Sprung an die Spitze perfekt, Jannik Sinner fällt verletzt aus. Zwischen Beckers erstem Tag als Nummer eins 1991 und Zverevs Thronbesteigung liegen 12.839 Tage.
Becker über Zverev: Schroff auf Deutsch, charmant auf Englisch
Ein Grund liegt für Becker in Zverevs Auftreten. In Interviews auf Deutsch wirke er oft schroff und abgehackt, gegenüber Journalisten „auch nicht gerade freundlich“. Auf Englisch dagegen sei er sympathisch, witzig und selbstironisch.
Privat habe er Zverev als charmanten Menschen kennengelernt, sagt Becker. Sein Rat: „mehr zulassen“. Denn als Spieler brauche man die Fans im Rücken, gerade im fünften Satz. „Bei Sascha hat man diesen Eindruck nicht immer, dass er das will.“
Boris Becker und Alexander Zverev: eine Fehde mit Vorgeschichte
Pikant ist, wer da Ratschläge verteilt. Becker gehört seit Jahren zu Zverevs schärfsten Kritikern. Schon 2025 bemängelte er dessen Kampfgeist, Zverev keilte damals zurück.
Erst vergangene Woche legte Zverev in Wien nach. Ohne Namen zu nennen, sagte er sinngemäß, es gebe nur eine Person, die ihn ständig kritisiere – und deren Meinung interessiere ihn nicht, zumal ihre früheren Prognosen falsch gewesen seien. Gemeint war Becker, berichtet „Punto de Break“.
Auch auf der Plattform X zeigt sich das zwiespältige Verhältnis. Am 29. Oktober gratulierte Becker unter einem Post der ATP, welcher Zverev als neue Nummer eins verkündete, mit „Congratulations Sascha !!!“. Zwei Tage später, an Halloween, kommentierte er dort eine Statistik mit „Wow“: Demnach gewann Zverev seit Anfang 2025 nur sechs von 28 Duellen gegen Spieler aus den Top 11.
Die Überschrift des Spiegel-Gesprächs fasst Beckers Haltung zusammen: Man müsse jungen Leuten auch mal sagen, was sie nicht gern hören.
Gewaltvorwürfe: Becker sieht Versäumnisse bei der PR
Angesprochen wurde Becker auch auf die Vorwürfe häuslicher Gewalt. „Das wurde vor Gericht gelöst. Ich bin weder ein Richter noch ein Ankläger, aber man hätte es im Nachhinein mit bestimmten PR-Maßnahmen besser erklären können“, sagte er.
Eine Ex-Freundin hatte Zverev Körperverletzung vorgeworfen. Ein Prozess in Berlin wurde im Juni 2024 gegen eine Geldauflage von 200.000 Euro ohne Urteil eingestellt, nach einer außergerichtlichen Einigung. Ein Schuldeingeständnis ist damit nicht verbunden, Zverev gilt als unschuldig.
Davis Cup und ATP Finals: Zverevs Chance auf mehr Sympathie
Becker weiß selbst, wie schnell öffentliche Zuneigung kippen kann. Vom gefeierten Wimbledonsieger mit 17 wurde er später zur Reizfigur, 2022 wurde er in London wegen Insolvenzvergehen verurteilt.
Zverev bekommt bald Gelegenheiten, die Herzen zu gewinnen: bei den ATP Finals in Turin und beim Davis-Cup-Finalturnier in Bologna. Einen Davis-Cup-Titel hat Deutschland seit 1993 nicht mehr geholt. Als Nummer eins, sagt Becker, werde Zverev ohnehin anders wahrgenommen. Ob er das will, liegt an ihm.
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