Krieg

„Kriegsverbrechen“: Russen vernichten bei Angriff Getreide für Afrika

Bei einem Angriff auf den Donau-Hafen in Ismajil wurden 40.000 Tonnen Getreide vernichtet. Nun gibt es Probleme mit den Lieferungen. Ukrainische Lkw-Fahrer berichten von ihrer Situation.

Team News AFP/BLZ
5 Min
Arbeiter verladen Getreide in einem Getreidehafen im ukrainischen Ismajil. Moskau hat den Hafen der Donau-Stadt vergangene Nacht angegriffen.

Arbeiter verladen Getreide in einem Getreidehafen im ukrainischen Ismajil. Moskau hat den Hafen der Donau-Stadt vergangene Nacht angegriffen.

© Andrew Kravchenko/dpa

Ein russischer Angriff auf den ukrainischen Donau-Hafen in Ismajil direkt an der Grenze zu Rumänien hat eine empörte Reaktion des Nachbarstaates ausgelöst. Der rumänische Präsident Klaus Johannis verurteilte die „anhaltenden Angriffe auf die ukrainische zivile Infrastruktur an der Donau“ in der Nähe Rumäniens am Mittwoch in Online-Netzwerken als „Kriegsverbrechen“. Die Türkei rief Russland derweil dazu auf, jede Eskalation im Konflikt mit der Ukraine um das Schwarze Meer zu vermeiden.

Ukrainischen Angaben zufolge beschädigten oder zerstörten russische Drohnen in der Nacht einen Getreideaufzug, Getreidesilos und Lagerhäuser in der südlichen Region Odessa, in der auch Ismajil liegt. Dabei seien 40.000 Tonnen Getreide vernichtet worden, erklärte der ukrainische Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakow in Online-Netzwerken. Die Lieferungen seien für Afrika, China und Israel bestimmt gewesen.

Es seien Ermittlungen eingeleitet worden, erklärte die Generalstaatsanwaltschaft im Bezirk Ismajil. Eine Woche zuvor war auf die Donau-Stadt Reni ein Angriff verübt worden. 

Russische Angriffe zerstören Nahrungsmittel für Bedürftige in der Welt 

Der rumänische Präsident Johannis bezeichnete die Angriffe auf Hafenanlagen und Industrie-Infrastruktur an der Donau als „inakzeptabel“. Sie beeinträchtigten „die Fähigkeit der Ukraine, Nahrungsmittel an Bedürftige in der Welt zu befördern“.

In einem Telefonat mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin betonte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Angaben seines Büros die Bedeutung des von der Türkei und der UNO ausgehandelten Getreideabkommens zwischen Russland und der Ukraine. Es sei „eine Brücke für den Frieden“. Es sollten „keine Schritte unternommen werden, mit denen die Spannungen im Russland-Ukraine-Krieg eskalieren“ könnten, erklärte die türkische Präsidentschaft.

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Putin seinerseits schlug seinem türkischen Kollegen nach Angaben des Kremls dagegen vor, Ankara solle Russland beim Export seines Getreides in von Nahrungsmittelknappheit betroffene afrikanische Länder helfen. „Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Türkei und anderen interessierten Staaten in dieser Frage wurde zum Ausdruck gebracht“, hieß es in einer Erklärung des Kremls.

Hunderte Lastwagen mit Getreide verharren vor ukrainischen Donau-Häfen 

Währenddessen bleibt es für hunderte Lastwagen, die Getreide transportieren sollen, an den Donau-Häfen ungewiss, wie es nun weitergeht. Schon drei Tage wartet Anton Moisejew im Fahrerhaus seines mit Getreide beladenen Lastwagens. Seitdem Russland Exporte aus ukrainischen Schwarzmeer-Häfen de facto unmöglich gemacht hat, sind in der Südukraine hunderte Lastwagen mit Weizen unterwegs. Die Spediteure versuchen, ihre Ausfuhren über die kleinen ukrainischen Donau-Häfen Ismajil und Reni abzuwickeln, aber die Häfen sind überfordert. Zudem sind sie jetzt auch noch Ziel russischer Angriffe.

Am 17. Juli hatte Moskau das Abkommen zur Getreideausfuhr aus der Ukraine über das Schwarze Meer gestoppt und danach ukrainische Schwarzmeer-Häfen angegriffen. „Darum kommen jetzt alle hierher. Praktisch aus der ganzen Ukraine“, sagt Fernfahrer Serhij Grezyk aus der Gegend von Winnyzja. Den früher kaum beachteten Häfen Reni und Ismajil kommt plötzlich eine Schlüsselrolle für die weltweite Nahrungsmittelversorgung zu - sie sind aber nicht dafür ausgestattet, die großen Mengen an Getreide abzuwickeln.

Reni und Ismajil seien nicht mit großen Schwarzmeer-Häfen wie Odessa zu vergleichen, sie „werden nicht damit fertig“, sagt der 41-jährige Moisejew, der Weizen aus der zentralukrainischen Region Kirowohrad transportiert. „Es gibt so viel Getreide, aber wir werden es nicht los.“

Die russischen Drohnenangriffe auf Reni und Ismajil haben die Lage weiter verschlechtert. Den Lkw-Fahrern ist nicht klar, ob Reni überhaupt noch offen ist. Die Armeesprecherin Natalija Humenjuk sagte der Nachrichtenagentur AFP, der Schaden in Reni sei beträchtlich, der Angriffe habe den Hafenbetrieb aber nicht komplett zum Erliegen gebracht.

Die Fernfahrer halten sich vorerst alle an Ismajil. In Reni „haben sie uns gesagt, dass sie uns nicht abfertigen werden“, sagt der 36-jährige Grezyk. „Seit Reni bombardiert wurde, ist es viel schlimmer geworden“, berichtete auch Moisejew. Eigentlich hätten die Häfen die Abwicklung seit dem vergangenen Jahr verbessert. „Mit einem Schlag ist alles vorbei, wir sitzen hier und warten wieder.“

Vor den ukrainischen Häfen bilden sich lange Schlangen mit Lkws

In Ismajil, das kurz vor der Mündung der Donau ins Schwarze Meer nahe der Grenze zu Rumänien liegt, liegen mindestens vier Frachter im Hafen oder zumindest in der Nähe, aber die Kräne im Hafen stehen still. Die wartenden Fernfahrer sagen, das liege am Regen, da Ismajil keine Überdachung habe, um Getreide trocken zu verladen.

Die einspurige Straße von Odessa nach Ismajil verläuft durch Felder mit Mais und Sonnenblumen und durch Weinberge. Sie kreuzt auch kurz die Grenze in die Republik Moldau. Entlang der Straße zieht sich eine lange Schlange von Lkws mit ukrainischen Kennzeichen, die alle auf die Abfertigung in Ismajil warten. Einige tragen Firmennamen aus Deutschland, Polen, Frankreich und Tschechien.

Igor Skrypnyk sitzt schon seit acht Tagen fest. „Unser Schiff ist noch gar nicht im Hafen. Warum auch immer“, sagt der 47-jährige Fernfahrer. Vielleicht müssten auch die Schiffe warten. „Manche Fahrer kündigen schon, sie wollen hier nicht mehr bleiben.“

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