Noch sind die Türen offen. Wer das Russische Haus an der Friedrichstraße in Berlin betritt, trifft auf eine andere Zeit. Eine sowjetisch anmutende Eingangshalle, streng und repräsentativ, erinnert an die Atmosphäre einer russischen staatlichen Universität oder an ein Theaterhaus einer regionalen Hauptstadt irgendwo in Sibirien oder am Ural-Gebirge. Die Schilder verweisen auf zahlreiche Ausstellungen, Ateliers, Büros und Lehrräume, die die Namen großer russischer Städte tragen. Im Foyer ragt eine überlebensgroße Büste Juri Gagarins empor. Der erste Mensch im All blickt freundlich auf die eintretenden Besucher.
An den Wänden hängen noch die Ankündigungen für Kino- und Theatervorführungen. Am Donnerstag soll der russische Familienfilm „Sivka-Burka“ gezeigt werden. Das Programm wirkt, als liefe der Kulturbetrieb einfach weiter. Doch an diesem Ort ist längst nichts mehr selbstverständlich.
Die Bundesregierung schreibt den Leipziger Drohnenvorfall vor einem Monat Russland zu. Als Konsequenz werden nun das Russische Haus in Berlin und das Bonner Konsulat geschlossen. Russland kündigte „spiegelbildliche Maßnahmen“ an. Es wird somit erwartet, dass reziprok das Goethe-Institut in Russland und das Petersburger Konsulat geschlossen werden.
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Abschied vom Kulturort
Ein älterer Ost-Berliner bleibt eine Weile in der Halle stehen. Er sei noch einmal gekommen, sagt er, bevor das Haus geschlossen werde. Mehr will er nicht erklären. Sein Besuch wirkt weniger wie eine politische Stellungnahme als wie ein Abschied von einem Stück Berliner Geschichte. Das Gebäude in der Friedrichstraße wurde 1984 als „Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur“ gegründet.
Am frühen Mittwochnachmittag kommen auffallend viele Menschen an die Friedrichstraße. Einzelne Demonstranten, die sonst täglich vor dem Haus herumlungern, bleiben ausgerechnet heute fern. Dafür kommen immer wieder Passanten und schauen interessiert in die großen Fenster des Hauses. Dahinter sehen sie ein Künstleratelier und auch einen Klassenraum für die Russischkurse des Hauses. Die Aufmerksamkeit ist auch seitens der Journalisten groß. Eine Bloggerin nimmt ein Statement vor dem Haus auf.
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Klassische und kritische Bücher
Die Mitarbeiter halten sich dagegen bedeckt. Auf Fragen reagieren sie zurückhaltend. „Sie verstehen es sicher, derzeit sind keine öffentlichen Äußerungen möglich“, heißt es von einem Mitarbeiter gegenüber dieser Zeitung. Gerade sei einfach zu viel los.
Im Buchladen des Russischen Hauses MNOGOKNIG (auf Deutsch: „viele Bücher“) ist davon wenig zu spüren. Der Laden ist gut besucht. Zwischen Regalen stehen sowjetische Klassiker neben Kochbüchern und zeitgenössischer russischer Literatur. Es gibt Spiele, Kinderbücher und Neuerscheinungen. Die Regale erzählen von einem kulturellen Angebot, das deutlich vielfältiger ist als die politische Debatte, die das Russische Haus inzwischen umgibt. Wer nach russlandkritischen Büchern fragt, bekommt eine überraschend nüchterne Antwort. Die Autobiografie des Kremlkritikers Alexej Nawalny sei zwar vergriffen, man könne sie aber bestellen und noch diese Woche abholen.
Draußen geht Berlin seinen gewohnten Gang. Drinnen stehen noch Gagarin, die sowjetische Eingangshalle, die Theaterplakate und die Bücher. Noch ist das Russische Haus geöffnet. Noch kann man hineingehen, sich umsehen und ein Buch bestellen.
Doch die Zeit läuft ab. Die Mitarbeiter stehen vor ungewissen Fragen. Bald werden die Türen schließen – womöglich für eine lange Zeit.
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