Feuer, Wasser, Erde, Luft. Die vier von Sabine Moritz miteinander vermalten Urelemente der Naturphilosophie verströmen intensiven Ölfarben-Duft. Auf zwei Meter hohen Leinwänden entfalten sie an den kirchenschiffhohen Wänden der Galerie Hetzler in der einstigen Druckereihalle an der Potsdamer Straße eine lebenserschaffende Energie.
Wenn die kleine, zierliche Malerin davorsteht, ist es, als griffen die abstrakten Chiffren in Rot, Gelb, Blau auch nach ihr und zögen sie förmlich hinein in diese Strudel aus Primärfarben, aus denen sich in der klassischen Farbenlehre alle anderen Farben ergeben für das immerwährende Werden, Wachsen, Reifen. Und dann setzte Moritz noch etwas hinzu, das Menschen für gewöhnlich lieber verdrängen – etwas Düsteres: das Vergehen. Asche zu Asche. Staub zu Staub.
Malen, was manchmal unsagbar ist
Sabine Moritz, 56, eingeladen zur Berlin Art Week von der Galerie Hetzler, hat zuvor in ihrem Kölner Atelier all diese ausladenden Formate bezwungen. Sie erobern schon beim Betreten der Halle den Blick, vielschichtig und ausdrucksstark. Und doch entzieht sich diese Malerei jeglicher Kategorisierung.
Die zurückhaltende, eher stille Künstlerin, das spürt man ihr an, hat ein wenig Lampenfieber. Es ist ihre erste Solo-Schau in Berlin. Und diese neuen großen Gemälde hat noch keiner gesehen. Eine Exegese ihrer Arbeiten gibt sie nicht. Das Interpretieren, Befragen, Assoziieren überlässt sie den Betrachtern. Und sie sei, sagt sie, ganz offen. Auf alles gefasst. Und neugierig.
Farben und Formen wie in einer Zentrifuge: „Cheerful Spleen“ II, 2022, Öl auf Papier
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
Sinnsuche ist in ihren Bildern. Ein Malen, das ganz klassisch von der Anschauung der Welt, der Natur, des alltäglichen Daseins kommt, doch weitab vom Abbilden, vom Illustrieren. Sabine Moritz, die ihre Bilder nicht erklären will, widerspricht da nicht: Ihre Kunst bewegt sich über dem Abgrund zwischen Materialismus und Idealismus, zwischen dem, was sein könnte, und dem, was ist. Unsagbar eigentlich. Dieses Dazwischen hat viel mit Erinnerung zu tun.
Mit ihrer Kindheit in der DDR. Geboren im Harz, wuchs sie im thüringischen Jena auf. Die Eltern waren Chemiker. Der Vater kam bei einem Laborunfall in Gatersleben, im Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, ums Leben. Die Mutter zog mit ihr und den älteren Zwillingsbrüdern nach Jena. Als der Teenager Sabine 16 war, kam die nächste Zäsur. Die Mutter reiste mit den drei Kindern aus in den Westen, nach Darmstadt in Südhessen.
Alles Vertraute blieb zurück hinter der „Zonengrenze“: die Freunde, die Schule, der Russisch-Unterricht, die Plattenbau-Wohnung mit dem Antennenwald (fürs Westfernsehen) auf den Dächern im Neubaugebiet Jena-Lobeda. Die Häuser hat Sabine Moritz später als Serie gemalt, farbintensiv wegen der Erinnerung. Letztes Jahr waren die Bilder im Potsdamer Kunsthaus Minsk zu sehen, in der großen Schau (ein Publikumsrenner) über das Wohnen in der DDR-Platte.
Aus der zwölfteiligen Elemente-Serie: „Feuer“ I, 2026, Öl auf Leinwand
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
Die Zeit in Jena erinnerte die spätere Malerin in naiven Zeichnungen. Als erforsche ein Kind die Welt aus der Froschperspektive und taste die Räume nach all den banalen Dingen ab. „Jena war meine Heimat“, sagt sie heute. „Ich liebe diese Stadt. Ich bin krank gewesen vor Heimweh. Ich ging dann jeden Tag in meinen Erinnerungen spazieren, zur Tür, in die Wohnung, zum Ofen, in die Rosa-Luxemburg-Schule mit der Turnhalle.“ Diese vereinfachenden Zeichnungen entstanden auf DIN-A3-Blättern, ganz billigem Papier, das man im Stapel hatte und hinterher wegschmeißen konnte.
Das Zeichnen war so etwas wie Trost und Kompass zugleich. Und der Humus, aus dem ihre späteren Bilder wachsen sollten. Nach dem Abitur war es die Kunst, die ihr Selbstvertrauen gab. Schon in den ersten Studienjahren begann sie, die vor allem den Alten Meister Tizian liebt, sich mit der Gewalt des 20. Jahrhunderts, zwei Weltkriegen, Nationalsozialismus, Holocaust, Stalinismus und Kapitalismus auseinanderzusetzen.
Ihre Formate waren früher immer klein. Als Mutter von drei Kindern in einem Künstlerhaushalt waren der Alltag und die Zeit ab Mitte der Neunzigerjahre für die eigene Kunst eng getaktet durch Aufgaben, Erledigungen, Verpflichtungen und als multitaskende Ehefrau des Weltkünstlers Gerhard Richter. Ihr Mann war 1961 aus Dresden vor dem Dogma des Sozialistischen Realismus in den Westen geflohen. Sie war an der Düsseldorfer Kunstakademie seine letzte Studentin vor der Emeritierung. Er hat sie, diese Bilder sind längst berühmt, so Vermeer-artig still-versunken porträtiert. Lesend, später mit den Babys.
„Das Kind“ III, 2019, Holzkohle, Öl auf Papier
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
Heute sind die beiden Söhne und die Tochter erwachsen. Und der Künstlergatte gibt ihr allen Freiraum, Rat und Motivation. Ansonsten möchte Sabine Moritz über ihre Kunst reden und nicht über ihr Privatleben und ihren weltberühmten Mann. Sie und Gerhard Richter mögen kein Rampenlicht, keine Homestorys. Sie sehen sich als Bildermacher, als Beobachter und als Nachdenker über die Welt und das, was diese im Inneren zusammenhält, aber in diesen Zeiten fast zerreißt.
Die DDR-Erfahrung ihres Mannes war eine weitgehend andere als die ihre, die den Osten im naiven Teenageralter verließ, bevor vier Jahre die Leute angstlos auf die Straße gingen und im Herbst 1989 die Mauer fiel. Ihre Weltsicht habe sich später geschärft, sagt sie. Als sie mit dem Kunststudium begann, haben sich gerade Deutschland West und Ost wieder vereint. Als nach der Euphorie die Spannungen, die ökonomischen und sozialen Verwerfungen im Osten offensichtlich wurden, hat sie nach den Ursachen gesucht und viel gelesen.
Sammlerin von „Vergessenheitsdingen“
Etwa den von Andrei Platonow 1930 verfassten, in der Sowjetunion über 50 Jahre lang verbotenen Roman „Die Baugrube“. Ein kluger, sensibler Kunst-Schriftsteller schrieb kürzlich über die Malerin Sabine Moritz, sie sammle „Unglücks- oder Vergessenheitsdinge“ auf. Um herauszufinden, wofür wir leben und sterben. Um zu erinnern und nicht zu vergessen, was mit all den kleinen, nicht heroischen, alltäglichen Dingen, Gedanken und Geschichten passiert, die vom Sturm der Geschichte weggeweht werden.
„Das Kind“ II, 2017, Holzkohle, Ölpastell auf Papier
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
Weil Kunst die höchste Form von Hoffnung ist, wählte sich Sabine Moritz die klassischen Ur-Elemente der Welt zum Bildthema: Erde, Feuer, Wasser, Luft. Das großformatige Malen zu diesen universalen und für das Leben existenziellen Phänomenen ist für sie wie ein Wechsel von der Kammermusik zum großen Orchester. Eine Beethoven-Sinfonie lässt eine Linie, einen Strich, einen Pinselschlag oder Schwung wie auf einer E-Saite turnen. Ein Moll zieht eine eben noch schwebende Form hinab in eine Grube.
Musik macht das Malen von leicht bis schwer, von verspielt bis melancholisch. So wie Schostakowitsch, dessen Musik sie zuerst als zu wuchtig, ruppig, dramatisch fand und dann, seit Februar 2022, immer kongenialer für die Gedanken und Gefühle bei den Nachrichten und Medienbildern in den vier Kriegsjahren seit dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Was von da an seit über 30 Jahren auf dem Zeichentisch entstand, ist jetzt hoch oben über den großen Elementen-Tafeln, auf der Empore der Galerie-Halle, an der Wand ausgebreitet. Eine Art Langzeit-Tagebuch-Erzählung und ein Bild-Erinnerungsarchiv: kleinformatig auf Papier, Karton, Leinwand gesetzte Motive von Bauten, Fassaden, Plätzen, Räumen, Möbeln, von Kinderspielzeug, Blumen, von (Kriegs-)Schiffen, Helikoptern, die Blumen umfliegen.
2012 zeichnete sie zwei Bomber und nach 2015 die monochrome „Sowjetische Serie“, basierend auf dem 1948 erschienenen Buch „A Russian Journal“, das die gemeinsame Reise des Schriftstellers John Steinbeck und des Fotografen Robert Capa durch die Sowjetunion belegt. Das war 1947, zu Beginn des Kalten Krieges.
„Labor 17“, 2016, Farbstift, Ölpastell, Kohle auf Papier, wie eine fiktive Erinnerung an den Arbeitsplatz des tödlich verunglückten Vaters, der in er DDR Chemiker war
© Galerie Hetzler Berlin/ Sabine Moritz
Unten, auf den großen Tafeln in der Halle, wuchert eine souveräne, intuitive Abstraktion. Über Monate hat sie daran gemalt, immer hin und her, von Bild zu Bild, wie ein Schachspieler mit zwölf Gegnern. Zwölf Sinnbilder für Feuer, Wasser, Erde und Luft sind entstanden. Alles, was sich da in Farbe und Form verstrudelt und brennt, kommt aus Gedanken und Gefühlen der Malerin. Erlebt in der Realität oder in den Medien, auf Fotos, dann übersetzt ins Vokabular der Malerei.
„Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet …“, meinte im Alter der Maler Paul Cézanne. Sabine Moritz kann mit dieser lakonischen Sentenz viel anfangen. Sie bringt einen zum Grübeln über den rasenden Fortschritt, der hat seinen Preis: Gewinn wird bezahlt mit Verlust. Neues mit Vertrautem. Erkenntnis mit Desillusion.
Die drei Tafeln zum Element Feuer lassen einen nicht bloß an den brennenden Dornbusch aus der Bibel denken, sondern auch an uralte Mythen, die da besagen, dass die Menschen einst die Gabe besaßen, in die Zukunft zu sehen. Aber dann brachte Prometheus ihnen das Feuer auf die Erde (die Götter straften ihn bekanntlich schrecklich dafür) – und sie verlernten den Blick für das Künftige. Und so leben sie seither unbedacht, weil sie nicht wissen, was kommt …
„Bomber Blau“, 2012, Holzkohle, Öl, Pastellkreide, aus der „Sowjetischen Serie“, zum Thema Krieg, historisch wie gegenwärtig
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
In den nächsten Tafeln zu Erde, Wasser und Luft löst die Malerin die Formen auf in dampfartige Wirbel. Das gibt ihnen Schwere und lässt alles verschwinden in Strudeln. Auf einigen überzieht ein nervös-expressives, doch feines Gespinst aus Wachstumsformen in allen Farben dieser irdischen Welt die Leinwand, opak und zugleich fragil, widerständig und zugleich gefährdet. Wie Gewächse der Natur, übersetzt in fließende Linien, Farbe, Licht, Formenspiel. Welch ein Anklang an Matisse und den Orphismus Delaunays zugleich.
Tiere eingebunden in Rot, Blau, Gelb
Und im vierteiligen „Fragment einer Idylle“, 2026, Sabine Moritz’ erstem „Quadriptychon“, entdeckt man inmitten der französischen „Fauves“ um Matisse verwandten abstrakten Kompositionen auf einmal sogar weibliche Figuren, auch Vögel und anderes Getier. Alles zärtlich eingebunden in Rot, Blau, Gelb, fast wie einst bei Franz Marc. Die Gestaltzeichen, Frauen und Tiere, lässt die Malerin aus dem dynamischen Dschungel der spontanen Farbflecke und Pinselstriche kraftvoll hervortreten wie aus einem alchemistischen Versuch. Andere Konturen lösen sich auf, alles oszilliert zwischen Farbe und Form.
Memento mori: „Teach us to number our days“ II, 2026, Öl auf Leinwand
© Galerie Hetzler Berlin/Sabine Moritz
Zum Schluss mündet alles im expressiven Stillleben „Teach us to number our days“, II, das vom ewigen, unweigerlichen Werden und Vergehen alles Irdischen, und vom tröstlichen Wieder-Werden erzählt, wie in einem niederländischen Vanitas-Motiv des 17. Jahrhunderts. Da schälen sich aus dem melancholischen Farb-Form-Gemenge drei einander innig zugeneigte Schädel heraus. Sabine Moritz’ so nachdenkliches wie humorvolles „Memento mori“.
Sabine Moritz: Rot Gelb Blau Staub. Galerie Max Hetzler, Potsdamer Str. 77-87, Mercator-Höfe, Di–Sa 11–18 Uhr. Eröffnung am 11. September, 18 Uhr. Bis 31. Oktober 2026
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