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Wir wählen die B 182, um nach Wittenberg zu gelangen. Die Lutherstadt liegt auf dem Weg Richtung Berlin. Vor allem aber liegt sie in Sachsen-Anhalt, wo im September ein neuer Landtag gewählt wird. Das ist unschwer an den Laternen zu erkennen, nachdem wir die Grenze des Bundeslandes passiert haben. Es wirbt mit dem Slogan „#moderndenken“. Den hat sich eine Werbeagentur in München ausgedacht.
In jedem Dorf, und ist es noch so winzig, grüßen die Plakate der Parteien. Nicht aller, die sich um Sitze im Landtag bewerben. Die Kassenlage hat darüber entschieden. Jene Partei, die auf ihren Laternenpostern vorgibt, das Land retten zu wollen, scheint den meisten Zaster investiert zu haben. (Woher nur der Schotter, wenn doch das Land unterzugehen droht, das man vor dem Absaufen bewahren will?) Jedenfalls dominiert die Farbe Blau in den Orten, die wir durchfahren. Gefolgt von der Farbe Rot. Nein, nicht von der SPD. Von der sieht man nur wenig. Noch weniger von den Grünen. Das verblichene Orange einer anderen vormaligen Volkspartei gleicht eher der Werbung für Sonderangebote im Super- oder Baumarkt, ihre Plakate sind unscheinbar.
Die eindeutigen Platzhirsche sind blau und rot. Es heißt, im Lande würden über den August insgesamt 200.000 Plakate hängen, jedes Fünfte hat die FDP bezahlt. Von der aber ist auf dem flachen Lande nichts zu bemerken, kein Wirtschafts- und Steuergedöns, nirgends. In manchem Vorgarten hängt die Trikolore matt am Mast.
Der Köhlerglaube aller Parteien lebt, Wahlplakate seien Wandzeitungen, auf denen Botschaften ans Wahlvolk gebracht werden müssen. Der Sekundenblick aus dem Auto erlaubt allerdings kein Studium von Parolen und Parteiprogrammen. Eigentlich geht es nur darum, Flagge zu zeigen. Was wörtlich zu verstehen ist.
In den 90er-Jahren, als ich im Zentralen Wahlbüro der PDS tätig war und diese bei 2,8 Prozent stand, konnte ich mich mit dem Vorschlag nicht durchsetzen, nur ein großes JA auf weißem Grund zu drucken und dazu das Parteilogo. (Obgleich das auch Druckkosten gespart hätte, denn mehr als zwei Farben wären nicht nötig gewesen.) Stattdessen entschieden wir uns für „Kopf hoch, nicht die Hände!“, ermutigen statt jammern. Warum sollten wir Ostdeutschen kapitulieren? Vor wem oder wovor?
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Überall nur verzagte Ärsche
Die Lutherstadt am Horizont erinnert mich an die Rüstzeiten in den 60er-Jahren, die ich mit der Jungen Gemeinde in Wittenberg verbrachte. Und an diverse aufmunternde Parolen, die dem Reformator zugeschrieben wurden. Etwa jene, dass er noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen würde, selbst wenn die Welt morgen unterginge. (Oder Sachsen-Anhalt?) Nicht minder motivierend – das war gewiss meinem jugendlichen Alter zuzuschreiben – fand ich jenen Spruch, der weniger auf die Peristaltik im Unterleib, sondern mehr auf eine optimistische Lebenseinstellung zielte: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“
„Hol dir dein Land zurück!“, lese ich im Vorüberfahren auf einem blauen Plakat. Von den Wessis, die erst Rückübertragungsansprüche durchsetzten und danach Immobilien und Äcker erwarben? Wohl kaum. Die Partei ist eine Westgeburt, hat kapitalistische Gene und nicht die von Robin Hood. Sie saugt lediglich politischen Honig aus der allgegenwärtigen Tristesse. Überall nur verzagte Ärsche. Lässt mal ein Kabarettist einen fröhlichen Furz, tritt gleich der Staatsanwalt auf den Plan …
Die wunderbar restaurierte Altstadt von Wittenberg ist plakate-, aber nicht hitzefrei. 38 Grad zeigt das Thermometer. Wir retten uns in eine Wasserwolke. Die Stadt hat zu Füßen Melanchthons und Luthers einen Schlauch mit feinen Düsen über den Markt gezogen. Im kühlenden Dunst ist es angenehm. Pfützen sammeln sich auf dem mittelalterlichen Kopfsteinpflaster, in denen sich das Rathaus und die beiden Türme der Stadtkirche spiegeln.
An deren Nordfassade, in acht Metern Höhe, befindet sich ein Sandsteinrelief aus dem Jahr 1290. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen winzige Menschlein säugen. Plastiken dieser Art sollen damals zu Hunderten an Gotteshäusern angebracht worden sein, um deutlich die Grenze zwischen Christen- und Judentum zu markieren, denn die Menschlein sollten Juden darstellen, weshalb die Abbildungen als „Judensau“ bezeichnet wurden. 47 soll es in Deutschland noch davon geben.
Schmähplastik an der Nordfassade der Stadtkirche in Wittenberg. 47 Abbildungen dieser Art, „Judensau“ genannt, soll es in Deutschland noch geben.
© Steffen Schellhorn/Imago
Wer Israel kritisiert, ist nicht unbedingt ein Antisemit
Nun hat sich, nicht zuletzt wegen des deutschen Völkermords an den Juden, die Haltung zu diesem Volk geändert. Die Zahl der Antisemiten hierzulande ist gewiss noch immer groß, aber bestimmt nicht so groß, wie in den Medien behauptet. Wer Israel kritisiert und sich mit den Palästinensern solidarisiert, ist nicht unbedingt ein Antisemit.
Die Weltchristenheit feierte 1983 Luthers 500. Geburtstag. Die DDR, auf deren Gebiet die Kernländer der Reformation lagen, rief ein Luther-und-Marx-Jahr aus, denn letzterer war 100 Jahre zuvor gestorben. Es erschienen unzählige Publikationen, ich selbst bereiste alle Lutherstätten im damals zweigeteilten Deutschland und schrieb darüber in der Jungen Welt. In der Luther-Rezeption wurde sowohl auf Luthers frühe Judenfreundlichkeit verwiesen als auch auf dessen Antijudaismus später. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ hatte er ein Berufsverbot für Rabbiner und die Zerstörung ihrer Wohnhäuser und Synagogen gefordert.
In Wittenberg dachten nicht nur Christen darüber nach, wie man mit der „Judensau“ an der Stadtkirche umgehen sollte. Entfernen, übermalen, ersetzen? Man entschied sich, das Schandmal am Ort zu belassen und mit einem Mahnmal zu ergänzen. Die Bodenplatte wurde am 9. November 1988 – 50 Jahre nach dem Nazi-Pogrom – enthüllt. Als im Umfeld des 500. Jahrestages der Reformation 2017 Kritiker im In- und Ausland neuerlich die Entfernung der „Judensau“ forderten, beantragte die blaue Partei im Stadtrat einen demonstrativen Beschluss pro Plastik. Politisch naiv, wer nichts Arges dabei dachte.
Die Stadt Wittenberg verschafft in der Sommerhitze auf dem Marktplatz etwas Abkühlung.
© Frank Schumann
Die Debatte um die „Judensau“ dauert fort, es gab Klagen bis hoch zum Bundesgerichtshof. Und Beistand etwa aus Israel: 50 Wissenschaftler baten 2022 explizit den Wittenberger Gemeindekirchenrat, das Relief vor Ort zu belassen, „um die kirchliche Vergangenheit nicht zu verleugnen“.
Der „zweite Luther“ (taz) Friedrich Schorlemmer – in der DDR am Wittenberger Evangelischen Predigerseminar tätig, an dem einst auch mein Vater studierte – erklärte als ehemaliger Stadtkirchenpfarrer, dass Kopfschütteln, Wut, Entsetzen, Scham über das Relief nur zu berechtigt seien. Doch Geschichte lasse sich nicht einfach entsorgen. „Wieso diese Schmähplastik, diese gräuliche Judenverspottung an der Stadtkirche Wittenberg, nicht endlich abhaken, zu Staub zermalmen? Nein. Weil auch schwierige Geschichte erinnerungsbedürftig bleibt.“
Von der Dusche auf dem Markt flüchten wir über die Straße in den Cranach-Hof. Unter einer ausladenden Kastanie lassen wir uns nieder, der Blick geht hinüber zu einem ockerfarbenen Bauwerk, über dessen Eingängen „Druckerstube“ und „Malsaal“ stehen. Emailleschilder weisen die einstigen Eigentümer aus: „Lucas Cranach d. Ältere (1472–1553), Maler und Unternehmer, 1537–1544 Bürgermeister“ und „Lucas Cranach d. Jüngere (1515–1586), Maler und Porträtist, 1545 Bürgermeister“.
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Ein überraschender Anruf
Als ich im Schatten des uralten Baumes, dessen Blätter in der Krone bereits merklich unter der Hitze gelitten haben, das kalte Wasser zum Munde führe, klingelt das Telefon. Es ist ein auswärtiger Fernsehkanal, dessen Tätigkeit hierzulande eingeschränkt ist.
Mehrere deutsche Medien, darunter auch die „Tagesschau“, hätten gemeldet, sagt die Anruferin, dass in deutschen Antiquariaten massenweise Bücher aufgekauft würden, die Bestellungen kämen vorzugsweise aus Kanada. Man vermute dahinter KI-Firmen. Die Washington Post habe berichtet, dass Künstliche Intelligenz die im Netz verfügbaren digitalisierten Bücher nahezu komplett erfasst habe. Jetzt seien analoge Inhalte dran. Es gebe ein geheimes „Project Panama“, das die Washington Post als „destructive“, also zerstörerisch, bezeichnete, weil die Seiten zum Digitalisieren herausgetrennt und die Bücher anschließend geschreddert würden. Ob ich dazu was sagen könne?
Oh, antworte ich, ich säße zufällig vor dem Haus, wo vor 500 Jahren Luther-Bibeln und andere aufklärende Werke gedruckt wurden. Natürlich habe ich eine Meinung zu derlei Kulturfrevel. Und wundere mich mal wieder, wie aufmerksam in Moskau die deutsche Tagespresse studiert wird. Trotz alledem.
Nach dem Clip schlendern wir weiter zur Schlosskirche. Luther schlug dort am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die hölzerne Pforte. Sie verbrannte während des Siebenjährigen Krieges. Auf dem Wiener Kongress 1815 kam Wittenberg zu Preußen und zu seiner Bronze-Tür mit den Thesen, gegossen übrigens in Berlin. Kaiser Wilhelm II. setzte seinen Fuß nach erfolgtem Umbau der Kirche über die Schwelle. Auch in der Gegenwart besuchen gekrönte Häupter und Staatsobere Luthers Grab im Innern; der erste Monarch allerdings war Zar Peter der Große. Der Russe beugte schon 1712 hier sein Knie.
Nun, was hat das alles mit dem heutigen Wahlkampf zu tun, mit dem aufgeregten Getöse und der Furcht, eine Partei könnte mehr als 40 Prozent und damit die Alleinherrschaft im Lande bekommen? Nichts. Mit so viel Geschichte unter den Füßen relativiert sich jede Furcht. Kopf hoch, nicht die Hände, gilt auch für Kaninchen, die wie gebannt vor der blauen Schlange hocken.
Das Auto, heiß wie ein Backofen, bringt uns aus der Innenstadt. Wir rollen durch die Berliner Straße. Ein Hausgiebel zeigt ein Taubenpaar und chinesische Schriftzeichen. Was steht da, frage ich meine Taube auf dem Beifahrersitz, schau mal bei Google nach. „Ohne sie wären wir heute nicht da, wo wir sind“, sagt sie kopfschüttelnd. „Wer ist ‚sie‘? Die Tauben?“
Wohl mehr unsere Vorfahren, die Geschlechter, die uns voraus waren. Die haben Apfelbäumchen gepflanzt. Und fröhlich gefurzt. Mein Gott, warum sind wir nur immer derart verzagt und ängstlich? Im Rückspiegel verschwindet Wittenbergs Silhouette. Und vor uns beginnt das Plakate-Spalier auf der B 2.
Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.
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