Anh Tuan Nguyen, Jahrgang 1984, ist gebürtiger Hanoier und aufgewachsen in der Region Dresden. Sein Vater arbeitete Ende der 1980er-Jahre als Gastarbeiter in der DDR, unter anderem beim Reifenwerk Heidenau. Nach dem Mauerfall blieb die Familie, Tuan absolvierte Schule und Studium in Sachsen und wurde Ingenieur für Fahrzeugtechnik.
Heute leitet er in Hanoi den deutschen Ingenieurdienstleister Ocoten Engineering, der deutsche Erstaustatter in der Automobilbranche (OEMs) aus Vietnam heraus mit Konstruktion, Design und Komponentenentwicklung beliefert. Mit dieser Zeitung führte er ein Gespräch über seine Biografie, die Krise der deutschen Autobranche, den Aufstieg der chinesischen Konkurrenz – und den Blick von außen auf ein zunehmend unzufriedenes Deutschland.
Herr Nguyen, Sie sind in Hanoi geboren, aber im Raum Dresden groß geworden. Wie kam es dazu?
Mein Vater hat Ende der 1980er-Jahre in der DDR als Gastarbeiter gearbeitet, bei Robotron. Später im Reifenwerk Heidenau, das es heute noch gibt. Das freut mich als ehemaligen Heidenauer natürlich. Ende 1989 bin ich mit meiner Mutter nach Deutschland gekommen. In der Zeit fiel dann die Mauer.
Und Sie sind geblieben.
Mein Vater war im Wohnheim so ziemlich der Einzige, der dageblieben ist. Die meisten Gastarbeiter sind mit einer Abfindung nach Vietnam zurück, weil damals keiner wusste, wie es weitergeht. Ich bin dann hier zur Schule gegangen – Grundschule und Mittelschule in Heidenau. Meine Eltern waren über 25 Jahre lang in der Gastronomie tätig.
Ich weiß, was deutsche Hersteller in der Projektarbeit erwarten.
Sie wurden dann deutscher Staatsbürger?
Mit 18 habe ich die Einbürgerung beantragt, die Bestätigung durch die deutschen Behörden kam innerhalb von zwei, drei Wochen. Eine doppelte Staatsbürgerschaft gab es damals nicht. Ich habe mich für Deutschland entschieden. Danach das Studium – Fahrzeugtechnik an der HTW Dresden – und 2012 der Berufseinstieg in München, in der passiven Sicherheit, vor allem in der Sitzentwicklung für einen Münchner Hersteller.
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Heute betreiben Sie einen Ingenieurdienstleister in Hanoi. Was ist die Idee dahinter?
Ich hatte schon immer eine Affinität zur Heimat meiner Eltern und war seit 2012 fast jedes Jahr dort. Als Freiberufler habe ich ein Projekt für den vietnamesischen Autohersteller VinFast mitgemacht, wir haben in zwölf Monaten zwei Autos entwickelt – normalerweise rechnet man in Deutschland mit 36 Monaten. Dabei habe ich gesehen, welcher Fundus an Ingenieuren hier entsteht.
Ich weiß, was deutsche Hersteller in der Projektarbeit erwarten. Also habe ich gesagt: Ich ziehe Fachkräfte in Vietnam auf deutschem Niveau hoch und gleiche damit den Fachkräftemangel aus – ohne dass man Menschen mit riesigem bürokratischem Aufwand nach Deutschland holen muss. Zudem steigert sich das Ingenieursniveau in Vietnam.
Zur Person
Seit 2022 wohnt Tuan in Vietnam, wo er seit einem Jahr als Geschäftsführer den Ingenieurdienstleister Ocoten führt.
Funktioniert das?
Meine Jungs sind mittlerweile auf 90 bis 95 Prozent des deutschen Niveaus, was Konstruktion und Design angeht, teilweise schneller. Und wir nutzen die Zeitverschiebung: In Deutschland kann man uns abends per Mail einen Auftrag rüberschieben, wir wachen auf und arbeiten daran, mittags gibt es ein Review-Meeting. Man arbeitet quasi 24 Stunden. Dazu der Kostenfaktor – ein Ingenieur liegt hier im Schnitt zwischen 500 und 1000 Euro im Monat, in China ist es etwa das Doppelte.
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© Wolfgang Maria Weber/Imago
Wie viele Ingenieure arbeiten derzeit für Sie?
2024, als wir gestartet sind, waren wir fünf, sechs Mitarbeiter. Dann wurden Projekte verschoben – sodass wir reduzieren mussten.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die strategischen Fehler der deutschen Autoindustrie?
Am Ende ist es eine Spirale. Seit Corona, dem Ukraine-Krieg und der Energieproblematik als Produktionsland sind die Preise enorm gestiegen. Die Löhne steigen, das Produkt wird teurer. Wenn ich heute schaue, startet ein Dreier-BMW vollelektrisch bei 60.000 bis 65.000 Euro, das chinesische Pendant ohne BMW-Label bei vielleicht 40.000 bis 45.000. Dann sagt der Kunde: Ich habe das Geld nicht. Wohin er greift, ist logisch.
Die Strategie chinesischer Hersteller lautet: Export, Export, Export.
Wie sieht es auf dem chinesischen Markt aus?
Die Koreaner sind dieses Jahr nahezu komplett aus China ausgetreten, weil sie nicht mehr konkurrenzfähig sind, die Japaner folgen. Die Deutschen sind die Einzigen, die noch dort sind – verfügen zusammen aber nur noch über rund zehn Prozent Marktanteil. Der Marktanteil an deutschen Elektrofahrzeugen liegt bei unter zwei Prozent. Die chinesischen Hersteller erreichen zusammengerechnet aktuell nur etwa ein Prozent Gewinn. Deren Strategie heißt jetzt: Export, Export, Export.
In Vietnam gilt VinFast als Erfolgsgeschichte. Was steckt dahinter?
Da greifen viele Mechanismen. VinFast verkauft viele Autos an sein eigenes Taxi-Tochterunternehmen. Für Fahrer ist das lukrativ – man macht einen Onlinekurs, eine Prüfung, dann kann man über die App fahren und mehr verdienen, da man sich die Spritkosten spart wegen des kostenlosen Ladens. Über 90 Prozent der Landesladeinfrastruktur hat VinFast aufgebaut.
Vietnam ist vor allem ein Land der Mopeds, oder?
Bei rund 100 Millionen Einwohnern gibt es hier etwa 75 Millionen Mopeds. Fast jeder hat eins oder zwei. Da geht VinFast jetzt mit Elektromopeds voran, auch wegen der schlechten Luft in den Großstädten. Vietnam wird aber beim Auto noch wachsen. Irgendwann kommt der Shift vom Moped zum Auto – mit breiteren Straßen, größeren Städten, mehr Kaufkraft.
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Das wird das Gesicht des Landes verändern.
Definitiv. In Hanoi haben wir für eine Neun-Millionen-Stadt, im Vergleich zu Shanghai oder Bangkok, wenig Hochhäuser. Eine Skyline gibt es noch nicht, aber das kommt.
Wie fangen Sie unternehmerisch auf, wenn die Autokrise anhält?
Ich biete mit Engineering Outsourcing eine Dienstleistung an, kein eigenes Produkt – das ist beim Start weniger kapitalintensiv. Ein physisches Produkt bleibt als Ingenieur natürlich mein Ziel. Langfristig sehe ich Outsourcing als zielführend an.
Sie sprachen die Ausbildung an.
In Asien legen Eltern enormen Wert auf Bildung. Ich hatte da Glück: 200 Euro Studiengebühren pro Semester, die Schule kostenlos. Was Deutschland sozial bietet, ist weltweit ein Standing, das vielen dort gar nicht bewusst ist. Man bekommt in Dresden sehr gute Bildung, dazu BAföG.
Seit Covid merkt man, dass innenpolitisch sehr viel aufgestaut ist.
In Ostdeutschland ist die Unzufriedenheit mit der Politik weit verbreitet. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich habe keine Parteinähe, ich wähle als Ingenieur eher naturwissenschaftliche Personen. Aber ich ziehe gern den Vergleich aus der Ingenieursdenke: Deutschland ist ein System, wie der Körper. Wenn man sich schlecht ernährt, keinen Sport treibt, zu viel trinkt, gibt es Signale. Ignoriert man die, baut sich im System irgendwann Druck auf. Durch die Preisspirale und die Inflation kommt Unmut auf. Seit Covid merkt man, dass innenpolitisch sehr viel aufgestaut ist.
Man hat also womöglich die Hausaufgaben verpasst – Bürokratie, Energiekosten, Migration.
Jede Migration ist im Kern wirtschaftlich. Die Leute verlassen ihre Heimat, weil sie woanders ein besseres Leben erwarten. Die Frage ist, welche Motivation der Zugereiste mitbringt. Früher war das schlicht: Man will arbeiten.
Die vietnamesischen Gastarbeiter kamen mit 18 in die DDR, haben tagelang geheult vor Heimweh – und sind heute gestandene Leute mit mehreren Geschäften, denen es gut geht, in zweiter und dritter Generation. Ich finde es schwierig, dass sich in den Medien die negativen Beispiele so stark über die positiven legen. Ich würde gern eine Statistik sehen: Wie viele gut integrierte Menschen stehen den Problemfällen gegenüber? Das würde zeigen, wo wir wirklich stehen.
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© Tom Lauruschkat/Imago
Sie haben in den 1990er-Jahren selbst Anfeindungen erlebt.
Ich war einer der ersten Vietnamesen im Raum Dresden, in der Schule meist der einzige. Da gab es viele Anfeindungen, die Quote an Neonazis mit Springerstiefeln war deutlich höher. Ab etwa 2005 wurde es besser, ich hatte nicht mehr das Gefühl, wie ein Fremder angeschaut zu werden. Aber in den letzten drei Jahren, wenn ich in Deutschland war, habe ich diese Blicke wieder gespürt – im Zug, irgendwo. Diese Entwicklung ist begründet, aber traurig und negativ geworden.
Wie schauen Ihre Eltern auf das heutige Deutschland?
Über Politik reden wir eigentlich nicht.
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Wie blicken Sie auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und Sachsen?
Die Werksschließungen im Automobilbereich zeigen doch: Vielleicht ist das eine alte Industrie – und wir gehen komplett ins Zeitalter der Digitalisierung. Da ist Dresden Topvorreiter – Infineon, AMD, Bosch. Das müsste bundesweit viel mehr Beachtung finden und ausgebaut werden, auch um Arbeitskräfte zu sichern. Denn wenn man sieht, wie viele Werke und Zulieferer schließen, haben wir bald gar keinen Fachkräftemangel mehr.
Ich sehe nicht, dass in 20 Jahren noch so viele junge Vietnamesen für eine Ausbildung nach Deutschland gehen.
Leipzig will zu einer Art Vietnam-Hub für ausländische Fachkräfte werden, Dresden nähert sich Taiwan an. Halten Sie das für sinnvoll?
Ich sehe in der Fachkräftezuwanderung absolut einen Wirkmechanismus, den man nutzen kann. Ich kenne Deutsch-Vietnamesen, die dem Thema Fachkräfteausbildung für Deutschland sehr entschlossen nachgehen in Vietnam – die Kandidaten kommen in Wohnheime, bekommen neben Deutsch vor allem auch Kultur vermittelt, wie man mit Situationen umgeht, bevor sie ihre Ausbildung in Deutschland antreten. Dass Leipzig auf Vietnam und Dresden auf Taiwan setzt, ist logisch.
Aber?
Die Frage ist, ob das Angebot die hohe Nachfrage deckt und ein solches Instrument sich langfristig bewährt. Vietnam ist ein aufstrebendes Land. Die Jugend hier hat in den Städten ein gutes Leben, die Wirtschaft läuft, digitalisiert sich rasend schnell.
Wenn es den jungen Leuten hier gut geht, gibt es für sie weniger Grund, ins Ausland zu gehen. Ich sehe nicht, dass in 20 Jahren noch so viele junge Vietnamesen für eine Ausbildung nach Deutschland gehen. Deshalb sehe ich langfristig eher das Outsourcen als zielführend an.
Vielen Dank für das Gespräch.
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