Asien

Schicksalswahl in Nepal: Generationenkonflikt, China-Einfluss und Europas Interessen

Nach tödlichen Gen-Z-Protesten und dem Sturz von Premier KP Oli wählt Nepal erstmals neu. Die Wahl wird zum Test für Demokratie und geopolitische Balance.

Lea Brüggemann
Lea Brüggemann
3 Min
Protestierende der Gen Z-Bewegung gegen die ehemalige Regierung in Nepal.

Protestierende der Gen Z-Bewegung gegen die ehemalige Regierung in Nepal.

© Sunil Pradhan/imago

Nepal steht vor seiner ersten Parlamentswahl seit dem Sturz der Regierung durch jugendgeführte Proteste im September 2025. Am 5. März sind knapp 19 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, 275 Sitze im Unterhaus neu zu besetzen – darunter rund 800.000 Erstwählerinnen und Erstwähler. Mehr als 3400 Kandidatinnen und Kandidaten treten an, über 1000 davon sind jünger als 40 Jahre. Das berichtet unter anderem die Nachrichtenagentur Al Jazeera unter Berufung auf offizielle Wahlangaben.

Interims-Premierministerin Sushila Karki, eine ehemalige Oberste Richterin, rief die Bevölkerung in einer Fernsehansprache zur Teilnahme auf. Die Wahl finde nach einer „komplexen, sensiblen und herausfordernden“ Zeit statt. „Nur durch Ihre aktive Beteiligung wird unsere Demokratie überleben“, sagte Karki. Präsident Ram Chandra Poudel sprach von einer „historischen Pflicht“.

Nach Angaben von Al Jazeera ist die Sicherheitslage angespannt: Rund 77.000 Polizisten, 134.000 Wahlpolizisten und 80.000 Armeeangehörige sind im Einsatz. 133 Personen wurden wegen „wahlfeindlicher Aktivitäten“ festgenommen, darunter der monarchistische Aktivist Durga Prasai.

Generationenkonflikt als Kernthema

Bei den Protesten im September 2025, ausgelöst durch ein Social-Media-Verbot unter dem damaligen Premier KP Sharma Oli, kamen laut BBC Berichten mindestens 76 Menschen ums Leben. Die Bewegung richtete sich gegen Korruption und eine als abgehoben wahrgenommene politische Klasse. Die etablierten Parteien, Nepali Congress, CPN-UML und die ehemaligen Maoisten, stehen nun unter Legitimationsdruck.

Die Aktivistin Rakshya Bam, 26, sagte Al Jazeera: „Auch wenn eine alte Partei unsere Reformagenda übernimmt, haben wir kein Problem. Aber wir werden genau hinschauen.“ Der Nepali Congress hat mit dem 49-jährigen Gagan Kumar Thapa einen neuen Vorsitzenden gewählt. Parteifunktionär Minendra Rijal räumte Fehler ein: „Wir bitten um eine zweite Chance.“

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Oli hingegen tritt erneut als Spitzenkandidat der CPN-UML an. Neue Kräfte wie die Rastriya Swatantra Party (RSP) sowie Kathmandus Bürgermeister Balen Shah gelten als Gewinner der Protestbewegung.

Geopolitisches Kräftemessen

Nepal versucht traditionell, zwischen Indien und China zu balancieren. Peking verfolgt langfristige Infrastrukturziele im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative, darunter eine geplante Hochgebirgsbahn von Tibet nach Kathmandu. Nach Angaben indischer und nepalesischer Analysten soll China Nepal mit rund vier Millionen US-Dollar bei der Organisation der Wahlen unterstützt haben.

Für die EU ist Nepal ein relevanter Partner: Der bilaterale Warenhandel betrug 2024 rund 376 Millionen Euro, die zugesagten Entwicklungsmittel liegen bei 322 Millionen Euro für 2021 bis 2027. Im Januar 2024 vereinbarte Deutschland 56 Millionen Euro an Kooperationsmitteln. Nepal steht zudem vor dem Aufstieg aus der Kategorie der am wenigsten entwickelten Länder – danach könnte das Land den EU-Handelsstatus GSP+ beantragen, der an Menschenrechts- und Umweltstandards geknüpft ist.

Welche Regierung aus dieser Wahl hervorgeht, könnte beeinflussen, wie Nepal seine traditionelle Balance („Hedging“) zwischen Indien, China, den USA und Europa fortsetzt – und ob sich außenpolitische und wirtschaftliche Schwerpunkte stärker in die eine oder andere Richtung verschieben.

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