Sparen kann teuer werden - vor allem, wenn man zu spät damit anfängt. Die jahrelang verschleppte Abwicklung des defizitären Jugendaufbauwerks (JAW), seit mehr als 50 Jahren Träger von Ausbildungszentren und seit den 90er-Jahren auch von Heimen, steht kurz vor der Entscheidung - und wird das Land insgesamt wohl eine dreistellige Millionensumme kosten, wie es in Senatskreisen heißt. Ein nicht geringer Teil davon ist hausgemacht: Denn das JAW, das derzeit noch knapp 900 Mitarbeiter beschäftigt, häuft seit seiner Neukonzeption 1995 Jahr für Jahr Verluste auf - also seit die landeseigene Anstalt öffentlichen Rechts neben der Berufshilfe die zuvor bezirklichen Erziehungsheime übernahm. Bis einschließlich 2005 beträgt das Defizit geschätzte 56 Millionen Euro - der genaue Rechnungsabschluss liegt noch nicht vor.Das Abgeordnetenhaus beschloss im vergangenen Jahr, das JAW bis Ende 2007 dicht zu machen, um die "Gefahr eines unkalkulierbaren Haushaltsrisikos" abzuwenden, wie es die zuständige Verwaltung von Jugendsenator Klaus Böger (SPD) formuliert. Die jetzt noch 13 Heime sollen an freie Träger übertragen werden, die beiden Jugendausbildungszentren in Spandau und Pankow schließen komplett. Derzeit bereitet Böger eine Senatsentscheidung vor, die möglicherweise noch im März fällt. Allen Jugendlichen in den Lehrgängen - die etwa zu Köchen, Malern, Bürokaufleuten und Industriemechanikern ausgebildet werden - wird "eine mindestens gleichwertige Fortsetzungs- oder Anschlussmaßnahme" versprochen.Die Verluste des JAW, die der Landeshaushalt nun übernehmen muss, sind dabei in den vergangenen Jahren noch durch die rot-rote Sparpolitik gewachsen. Denn Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) setzte durch, dass die teure Heimunterbringung mehr und mehr durch ambulante Hilfen zur Erziehung ersetzt wurde. Mit der Folge, dass die JAW-Heime ihre Personal- und Betriebskosten mangels Auslastung erst recht nicht mehr einspielen konnten.Verzögert wurde die Abwicklung auch dadurch, dass das Land zunächst versuchte, die millionenschwere Ausgleichszahlung an die "Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder" (VBL) für entgangene Einnahmen zu umgehen. Dies gelang aber nicht. Die VBL - die Betriebsrente des öffentlichen Dienstes - hat nach eigenen Berechnungen Anspruch auf gut 28 Millionen Euro vom Land, falls die rund 650 Mitarbeiter der JAW-Heime zu freien Trägern wechseln und dadurch als VBL-Einzahler ausfallen. Letzter Großposten auf der Schlussrechnung fürs JAW sind die zusätzlichen Personalkosten für den Stellenpool des Landes, in den etliche Erzieher und Berufsausbilder wechseln werden. Der JAW-Verwaltungsrat rechnet bis 2009 mit gut 23 Millionen Euro.Defizit, VBL- und Personalkosten des JAW würden das Land damit mehr als 100 Millionen Euro kosten - einzig und allein für den Zweck, dass künftig nicht noch weitere Verluste entstehen. "Wichtig ist, dass die Sache jetzt schnell entschieden wird", sagt Ramona Pop, Jugendpolitikerin der oppositionellen Grünen, die seit langem eine Lösung fürs JAW anmahnen. "Der Senat hat schon viel zu lange immer höhere Defizite auflaufen lassen."------------------------------Millionenschwere Verluste von Anfang anJugendaufbauwerk: Die Anstalt öffentlichen Rechts betreibt derzeit noch 13 Erziehungsheime und zwei Ausbildungszentren für Jugendliche. Gegründet wurde das JAW als Ausbildungsträger in den 50er-Jahren, erst 1995 übernahm die Anstalt auch die bezirklichen Heime. Seitdem ist der Betrieb defizitär.Einrichtungen: Zum JAW gehören unter anderem der Heimverbund Sonnenstrahl, die Jugendhilfe Marzahner Mühle, das Jugendhaus Neue Blumenstraße, das Jugendhilfezentrum Neukölln, der Kinderhausverbund Pawel Kortschagin, das Haus Minna Fritsch, der Jugendhilfeverbund Reinickendorf und das Jugendwohnhaus Florian Geyer. Das JAW betreibt zudem zwei Ausbildungszentren: in Spandau am Brunsbütteler Damm (204 Plätze) und Pankow in der Prenzlauer Allee (278 Plätze).Verluste: Bereits in den ersten vier Jahren (bis 1999) summierten sich die Defizite des JAW auf knapp 15 Millionen Euro. Hauptgründe waren sinkende Kostensätze bei der Heimunterbringung (geringere Einnahmen) bei gleichbleibend hohen Kosten fürs Personal. Der Rechnungshof monierte 2001 auch Zusatzkosten durch falsche Anwendung des Tarifvertrages. Bis 2004 entstand ein Defizit von 46 Millionen Euro, für 2005 kommen voraussichtlich noch einmal zehn Millionen Euro hinzu.Grundstücke: Die Übernahme der Heime durch freie Träger bringt keine Einnahmen - vermutlich werden die Grundstücke zweckgebunden zu einem symbolischen Preis übertragen.------------------------------Foto: Die Frankonia-Höfe des JAW in der Prenzlauer Allee 36
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