Rekordernte

Schloss Rattey: Wie trotz eines Verbots Norddeutschlands größtes Weingut entstand

Von einer Gesetzeslücke zum Millionenprojekt: Schloss Rattey in MV meldet 2026 eine Rekordernte. Stefan Schmidt erzählt von der ungewöhnlichen Unternehmensgeschichte.

7 Min
Weingut im deutschen Norden

Weingut im deutschen Norden

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Wer nach einem schmackhaften Wein aus heimischer Produktion sucht, dem kommt nicht unbedingt das Hinterland der Ostsee in den Sinn. Und doch gibt es hier Weine zu entdecken, die immer mehr Kenner erfreuen und auch schon Preise gewonnen haben. Diese Weine wachsen zudem rund um das romantische Schloss Rattey, das einer Erzählung von Theodor Fontane entsprungen sein könnte. Jetzt im Oktober leuchten die Blätter der Weinreben golden in der Herbstsonne. Vor wenigen Tagen ist die Weinernte zu Ende gegangen.

Das Weingut Rattey bei Woldegk unweit der Insel Usedom ist tatsächlich mit 35 Hektar das größte im deutschen Norden und immer noch ein Geheimtipp. In ganz Schleswig-Holstein wachsen derzeit auf 32 Hektar Weinreben, verteilt auf mehr als 20 Betriebe. Und Rattey will noch auf 50 Hektar wachsen.

Rekordernte nahe der Ostsee

230 Tonnen Trauben, rund 190.000 Liter Most und 175.000 Rebstöcke wurden auf Schloss Rattey im Herbst 2026 geerntet – das hätte vor 27 Jahren wohl niemand für möglich gehalten. Damals begann in dem kleinen Dorf ein Experiment, das manchen vermutlich eher wie eine Schnapsidee erschien: Weinanbau in Mecklenburg-Vorpommern.

„Es gab 2026 keinen Spätfrost, und alle Rebstöcke tragen“, fasst Weingutleiter Stefan Schmidt die beiden wichtigsten Gründe für die diesjährige Rekordernte zusammen. Erstmals lieferten sämtliche Reben einen nennenswerten Ertrag. Die jüngsten wurden 2023 gepflanzt. In den beiden vergangenen Jahren hatten Spätfröste die Ernte erheblich geschmälert.

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Nun könnten aus dem Jahrgang 2026 eine Viertelmillion Flaschen Wein entstehen. Für Stefan Schmidt ist diese Ernte ein historischer Erfolg. Der 70-Jährige hat die Entwicklung des Weinbaus in Rattey über Jahrzehnte begleitet und entscheidend mitgestaltet.

Der Weinbau auf Schloss Rattey begann mit einem Trick

Alles fing 1999 an. Der damalige Schlosseigentümer Karsten Förster suchte nach einer Idee, um Gäste in sein Hotel im gerade sanierten Schloss zu locken. Warum nicht einen eigenen Weinberg anlegen?

Doch kommerziell Wein anzubauen, war damals im Norden Deutschlands verboten. Die Europäische Union begrenzte die Rebflächen, um eine Überproduktion von Wein zu verhindern. Wer neue Weinberge anlegen wollte, brauchte Pflanzrechte; MV verfügte darüber nicht.

Das Team von Schloss Rattey stieß jedoch auf eine Gesetzeslücke: Kleingärtner durften je 99 Reben anpflanzen. Und so wurde ein Kleingarten- beziehungsweise Winzerverein mit sieben Weinbauern gegründet, jeder pflanzte 99 Reben am Schlossberg.

Stefan Schmidt bei einer Führung über das Weingut Rattey

Stefan Schmidt bei einer Führung über das Weingut Rattey

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Der Verein wuchs bald auf mehr als 100 Mitglieder. „Die wollten alle Wein produzieren aus ihren 99 Rebstöcken. Das waren 9900 Rebstöcke, das sind zwei Hektar“, erinnert sich Weingutleiter Stefan Schmidt. „Da kann man nicht mehr sagen, das ist ein Kleingartenverein, der so ein bisschen rummatscht.“ Nun ging es um einen kommerziellen Weinbaubetrieb.

Die Lösung kam aus dem traditionsreichen Weinbauland Rheinland-Pfalz. Vermittelt wurde die ungewöhnliche ostwestdeutsche Zusammenarbeit durch einen von dort stammenden Staatssekretär im Schweriner Landwirtschaftsministerium: Till Backhaus (SPD). „Der hat das möglich gemacht, dass Rheinland-Pfalz auf fünf Hektar verzichtete und MV im Stargarder Land den Mecklenburger Landwein herstellen durfte.“

Weinanbau in der DDR nicht besonders gewollt

Allerdings musste das zukünftige Weingut nachweisen, dass der Weinanbau in Mecklenburg eine jahrhundertealte Tradition hat. Doch wer wusste das besser als Stefan Schmidt, der von Dr. Förster zum Hüter der Weinberge und Kellermeister von Rattey ernannt wurde? Denn Stefan Schmidt hat von 1974 bis 1978 in Plowdiw in Bulgarien Oenologie studiert und in Neubrandenburg ab 1984 die dortige Rethra-Kellerei aufgebaut. Er wusste: Schon im Mittelalter hatten Mönche auf der Burg Stargard Wein angebaut.

Und er wusste auch das: „Die DDR hat den Weinanbau stiefmütterlich behandelt.“ Aber es gab in jedem DDR-Bezirk eine Kellerei. Sie stellten alkoholische und weinhaltige Getränke, Liköre sowie Mischgetränke her. Für die Weine wurden Importe aus den sozialistischen Bruderländern verwendet.

2004 wurde das Stargarder Land schließlich als Landweingebiet anerkannt. Doch die fünf Hektar blieben zunächst die Obergrenze. Erst als die EU 2016 das System der Pflanzrechte reformierte und neue Anpflanzungen erleichterte, wurde die Expansion von Schloss Rattey möglich.

Warum MV wieder Weinland wurde

Stefan Schmidt setzte früh auf Sorten, die mit dem norddeutschen Klima zurechtkommen. Denn die ersten Versuche in Rattey waren keineswegs eindeutig erfolgreich.

Von den ursprünglich sieben Sorten behielt Schmidt zunächst nur Phoenix und Regent. Die anderen Rebstöcke wurden wieder herausgerissen. Heute wachsen in Rattey 16 verschiedene Rebsorten, darunter Solaris, Muscaris, Donauriesling, Cabernet Cortis und Sauvignon gris.

In der Kellerei des Weingutes Schloss Rattey reifen die Weine in Fässern. „Ein großes Eichenfass ist so viel wert wie ein Kleinwagen“, sagt der Weingutleiter Stefan Schmidt.

In der Kellerei des Weingutes Schloss Rattey reifen die Weine in Fässern. „Ein großes Eichenfass ist so viel wert wie ein Kleinwagen“, sagt der Weingutleiter Stefan Schmidt.

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Ein großer Teil gehört zu den sogenannten Piwi-Sorten. Sie sind widerstandsfähiger gegen Pilzkrankheiten und benötigen deshalb deutlich weniger Pflanzenschutzmittel.

Die Strategie zahlte sich aus. „So richtig haben wir 2016 losgelegt, als wir die ersten Medaillen bekamen“, erzählt Stefan Schmidt. Inzwischen erhalten die Weine regelmäßig gute Bewertungen bei internationalen Wettbewerben und in Fachmagazinen.

Schloss Rattey stand 2019 vor dem Aus

Doch trotz der Erfolge blieb die wirtschaftliche Situation in Rattey schwierig. 2019 wurde das Schloss versteigert. Für 1,25 Millionen Euro übernahm es Horant Elgeti von der Inselmühle Usedom. Elgeti erkannte offenbar das wirtschaftliche Potenzial des norddeutschen Weinbaus. „Dann haben wir überlegt, wie man das hier vom Kopf auf die Füße stellt“, blickt Schmidt zurück.

Denn Weinbau ist kapitalintensiv: Moderne Technik, die Verarbeitung der Trauben und die Pflege der Weinberge verursachen hohe Kosten. Kleine Betriebe können diese Investitionen oft nur schwer erwirtschaften. „Man muss eine bestimmte Größe haben, sonst lohnt sich zum Beispiel die Anschaffung eines Vollernters für 600.000 Euro nicht.“ Dieser schüttelt die Beeren maschinell von den Reben.

Auf 35 Hektar werden auf dem größten Weingut im deutschen Norden inzwischen Rebstöcke angebaut, die längste Zeile ist 1,2 Kilometer lang.

Auf 35 Hektar werden auf dem größten Weingut im deutschen Norden inzwischen Rebstöcke angebaut, die längste Zeile ist 1,2 Kilometer lang.

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Ab 2020 wurden deshalb Jahr für Jahr neue Weinberge angelegt. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Anbaufläche auf 35 Hektar.

Bis sich solche Investitionen rechnen, braucht es allerdings Geduld. „Wenn Sie einen Weinberg anlegen wollen, müssen Sie im ersten Jahr den Boden vorbereiten. Im zweiten Jahr pflanzen Sie. Im vierten Jahr ernten Sie zum ersten Mal. Und im fünften Jahr ist der Wein verkaufsfertig. Die Zeit müssen Sie durchhalten.“

Rekordernte 2026: 230 Tonnen Trauben aus Mecklenburg

In diesem Jahr zahlt sich die langfristige Investition erstmals vollständig aus. Die Erntemenge hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdreifacht.

Bei der Pflege der Weinberge setzt Schmidt auf Rationalisierung. Um Arbeitskräfte einzusparen, entwickelte er ein System, bei dem die Rebtriebe zwischen Hagelnetzen wachsen. So müssen sie nicht mehr einzeln angebunden werden.

Das Weingut Rattey, das mittlerweile mit der Inselmühle und der früheren Brennerei Männerhobby – heute Manufaktur Mönchhagen – zur Domäne Ostsee gehört, setzt vor allem auf regionale Vermarktung. Hofläden gibt es auf Schloss Rattey, in Usedom und in Mönchhagen.

Die moderne Kelterei auf dem Weingut Schloss Rattey, hier bei einer Führung mit Chef Stefan Schmidt

Die moderne Kelterei auf dem Weingut Schloss Rattey, hier bei einer Führung mit Chef Stefan Schmidt

© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Verkaufsstellen für alle Produkte gibt es bereits in Rostock, Greifswald und Neubrandenburg. Weitere Standorte sind in Wismar und Schwerin geplant. Auch online können die Weine bestellt werden.

Neben Weiß-, Rot- und Roséweinen produziert Schloss Rattey inzwischen Sekt aus aufwendiger Flaschengärung, Perlwein, Weinbrand, Liköre, Essig und Traubensaft. Auch Whisky reift seit 2023 in Eichenfässern – bis 2030.

Schloss Rattey will auf fast 50 Hektar wachsen

Die Rebfläche soll in den kommenden Jahren auf nahezu 50 Hektar wachsen. Damit würde Schloss Rattey seine Stellung als größtes Weingut Norddeutschlands weiter ausbauen. In ganz MV waren im Oktober 2026 rund 43 Hektar mit Reben bepflanzt. Der überwiegende Teil davon entfällt auf Rattey.

Im Hofladen werden alle auf dem Weingut von Schloss Rattey gekelterten Weine verkauft.

Im Hofladen werden alle auf dem Weingut von Schloss Rattey gekelterten Weine verkauft.

© Benjamin Pritzkuleit/Ostdeutsche Allgemeine

Mit 70 Jahren möchte Stefan Schmidt die Leitung zum Jahresende abgeben. Ganz aufhören will er aber nicht. „Ich werde natürlich noch unterstützen und weitermachen“, verspricht er.

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