Man muss kein Fußballfan sein, um bei Jürgen Klopps erster Pressekonferenz als Bundestrainer mit Wehmut an die Defizite unserer politischen Führung zu denken. Klare Worte, klare Haltung, klare Kante – wie sehr wünscht man sich das in Krisenzeiten vom politischen Cheftrainer der Nation, dem Bundeskanzler.
Stattdessen: grau in grau. Sämtliche politischen Spieler in der Liga der demokratischen Mitte wirken wie lebenslänglich verbeamtet. Selbst wenn sie frei reden könnten – viele können es, teils exzellent –, sie werden nichts sagen. Oder nur gestanzte Sprechformeln von sich geben. Der Apparat, in dem nur das Urteil der Parteigremien zählt, hat sie alle glatt geschliffen, ihren inhaltlichen Luftwiderstand auf nahe Null gesenkt.
Schon ein harmloser Satz wie dieser käme den meisten nicht über die Lippen: „Die Nationalmannschaft kann uns Deutsche verbinden wie kaum etwas anderes.“
Deutschland schafft sich ab
Uns Deutsche! Haben wir nicht gelernt, dass unser „wir“ aus allen Menschen besteht, die gerade hier leben? Und dann das Wort „Nationalmannschaft“. Sieben Jahre lang, von 2015 bis 2022, schien es überwunden; der Name „Die Mannschaft“ für das deutsche Team war offiziell etabliert. Was charakteristisch ist: Die Umbenennung erfolgte genau im Fortschrittsjahr 2015, zeitgleich mit der Öffnung der Grenzen und der kommunizierten Erkenntnis, dass Deutschland der ganzen Welt und allen Menschen gehört.
Die Jahre 2013 bis 2015, die Halbzeit der Kanzlerschaft von Angela Merkel, markierten den Höhepunkt dieser Selbstüberwindung. Mit seinem Buchtitel „Deutschland schafft sich ab“ hatte Thilo Sarrazin, damals noch SPD-Mitglied, dem aufgehenden Zeitgeist schon 2010 einen Namen gegeben.
Drei Jahre später, als die Spitzenpolitiker der Union am Wahlabend ihren triumphalen Sieg feierten, damals noch 41,5 Prozent, setzte die Bundeskanzlerin ein Zeichen. Als der Generalsekretär ihrer Partei voller Begeisterung ein schwarz-rot-goldenes Winkelement schwenkte, trat sie herzu, nahm es ihm entschlossen aus der Hand, schüttelte verärgert den Kopf und reichte das Fähnchen von der Bühne hinab.
13 Jahre ist das her. Seitdem hat sich die CDU halbiert, und das Land ist tief gespalten. Für die einen ist die damalige Phase deutschen Fortschritts Gott sei Dank vorüber, die anderen weinen ihr nach. Die Polarisierung wirkt wie eine Zentrifuge. Die meinungsstarken Vertreter der sich ausschließenden Positionen nähern sich den Rändern; in der Mitte bleiben die geistig Verbeamteten, fahlgesichtig, blutarm, ideenlos.
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In neuer Gestalt, aber mit vergleichbaren Fronten erlebt der politische Kulturkampf des 20. Jahrhunderts ein spätes Comeback: rechts und national auf der einen Seite, links, grün und internationalistisch auf der anderen, beide in diversen Spielarten, beide mit Untertönen von Neid, Ressentiment und Antimodernismus. Die Substanz der politischen Mitte, die in der Bundesrepublik nach 1945 in der bewussten Abkehr der Konservativen und der Sozialdemokraten von ihren jeweiligen Rändern gründete, scheint aufgezehrt.
Was man nicht übersehen darf: Der Erfolg und die Stärkung dieser politischen Mitte waren durch das damalige Wirtschaftswunder ökonomisch unterfüttert. Ein nicht zu unterschätzender Faktor beim Aufschwung der westlichen Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg lag im rasanten Wachstum der Produktivität.
Seit der Globalisierung ist dieses Wachstum weltweit immer noch beachtlich, allerdings verteilt sich der generierte Mehrwert auf eine ungleich größere Zahl von Menschen. Hinzu kommt die Demographie, die sich völlig anders entwickelt als in den beiden Jahrhunderten zuvor.
Nur die Besten
Zugleich ist nicht absehbar, ob die Künstliche Intelligenz zu einer ähnlichen Wohlstandsmehrung in der Breite führt wie das Produktivitätswachstum in der Industriegesellschaft 1.0. Möglich ist, dass wir über Jahrzehnte hinweg permanenten Krisen entgegengehen und der eng geschnallte Gürtel zur Lebenswirklichkeit einer großen Mehrheit wird. Nun ist aber die Karl Marxsche Analyse des Kapitalismus auch im 21. Jahrhundert nicht widerlegt. Bertolt Brecht hat sie 1928 handfest formuliert: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“
Was, wenn es dauerhaft weniger zu fressen gibt?
In schweren Zeiten sind Individualismus, Hedonismus und Laissez-faire gemeinhin nicht angesagt. Da wird Führungsstärke verlangt, Entscheidungsfreude und auch Selbstlosigkeit. Letztere geht mit Härte einher, gegen sich selbst und gegen andere. Auch in dem Punkt unterschieden sich Jürgen Klopps Aussagen vor der Pressekonferenz von den Wortschablonen der Politiker. Jeder bekommt seine Chance, aber nur die Harten kommen in den Garten. Von Work-Life-Balance und Quoten für Fußkranke ohne Balltalent war nicht die Rede. Man nimmt dem Mann ab, dass er zumindest emotional das gleiche Pensum läuft wie seine Spieler.
Noch etwas fiel auf: Klopps klare Distanznahme zu den Medien. „An dem Tag, an dem ihr das nicht mehr wollt, sagt ihr's – und ich bin weg – ohne Abfindung. Wenn ihr morgen sagt, ich bin scheiße – dann bin ich weg. Und wenn der DFB sagt, so machen wir nicht weiter – bin ich weg.“
Innere Unabhängigkeit
Nun ist es taktisch unklug, am ersten Arbeitstag mit der Kündigung zu drohen. Klopps eigentliches Statement war: Ihr werdet mich nicht vor euch hertreiben. Der Herr im Haus bin ich. Wann hat man das zuletzt von einem Politiker, einer Politikerin gehört?
Kern und Basis einer solchen Haltung ist die innere Unabhängigkeit. Fast alle Kanzler der Bundesrepublik haben unpopuläre Entscheidungen gefällt, sei es aus Sicht des Publikums, sei es aus Sicht der Medien. Auch Angela Merkel. Ihren Nachfolgern fehlt entweder die Fähigkeit oder der Mut. Olaf Scholz hat nicht geführt, Friedrich Merz tut es auch nicht. Beide lassen sich treiben.
Weil das so ist, wirkte Klopps Auftritt wie ein geöffnetes Fenster, durch das Sauerstoff strömt. Das Land hungert nach Führung, die entscheidet und Verantwortung trägt. Die klar kommuniziert: Wir wollen die Besten, und die Besten müssen bereit sein, ihr Bestes zu geben. Und wir schaffen Zusammenhalt. Der besteht meist weniger aus Empathie und gegenseitiger Liebe als aus gemeinsamem Leiden für einen gemeinsamen Zweck.
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