Die Schaufenster in der Schönebecker Innenstadt präsentieren schon seit Längerem nur leere Räume; zwölf Geschäfte stehen in der rund 300 Meter langen Einkaufsstraße im Zentrum der Stadt leer. Weitere Geschäfte haben Schließungen angekündigt. Drei Kilometer weiter östlich, am Rand des Stadtteils Felgeleben, erstreckt sich eine Ackerfläche – und genau hier soll Schönebecks Zukunft wachsen: 240 neue Wohneinheiten auf 13,4 Hektar, mitten in einer Stadt, die seit Jahrzehnten schrumpft.
Wo heute noch Mais und Weizen wachsen, sollen in wenigen Jahren Einfamilien-, Doppel-, Reihen- und Mehrfamilienhäuser das Feld zieren. Das geplante Sachsenland Quartier zwischen Sachsenlandstraße, Kärntener Straße, Kleingärten und Ostfriedhof ist laut Projektgesellschaft überwiegend auf private Häuslebauer zugeschnitten. Den Aufstellungsbeschluss fasste der Stadtrat im Mai 2024, im Frühsommer 2025 lagen die Pläne erstmals öffentlich aus. Wann die ersten Käufer zum Notar gehen können, ist offen.
Die Leipziger Firma Timourou, die im Auftrag der Stadt das Wohnflächenpotenzial untersucht hat, sieht im Sachsenland das größte Potenzial, was neue Wohnflächen angeht. Im Bauausschuss votierten die Stadträte einstimmig für den Entwurf. Erschlossen wird das Gebiet über zwei Straßen von Norden. Entlang der Sachsenlandstraße sollen längere Mehrfamilien- und Reihenhäuser als Lärmschutzriegel zum Gewerbegebiet wirken.
Schrumpfende Stadt, wachsendes Baugebiet
Der Schritt steht in deutlichem Widerspruch zur demografischen Realität. Kurz vor der Wende lebten in Schönebeck noch rund 45.000 Menschen, ein Jahrzehnt später nur noch knapp 36.000. Das Stadtentwicklungskonzept von 2002 prognostizierte für 2015 einen weiteren Rückgang auf gut 30.000 Einwohner. Junge Schönebecker zogen in wirtschaftlich stärkere Regionen, die Geburtenzahlen brachen ein, die Suburbanisierung der 1990er entzog der Stadt zusätzlich Einwohner und Steuern.
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Auch der Wohnungsmarkt ist von Leerstand geprägt: Anfang der 2000er-Jahre stand jede achte Wohnung leer, 2008 lag die Quote bei rund 18 Prozent. Seither wurden weit über tausend Wohnungen abgerissen. Die Wohnungsbaugenossenschaft Schönebeck (WBG) baut weiter zurück. „Abrissarbeiten helfen der WBG, denn jede leere Wohnung kostet uns pro Jahr rund 1.400 Euro“, sagt WBG-Vorstand Matthias Goldschmidt gegenüber der Volksstimme.
Innenstadt mit zwölf leeren Geschäften
Den zwölf leeren Läden in der Salzer Straße steht eine knapp doppelt so große Zahl geöffneter Geschäfte gegenüber – Handyläden, Imbisse, Optiker, Bäckerei, Friseur, Nagelstudio. Stadtsprecher Frank Nahrstedt verweist darauf, dass die Stadt selbst keine Immobilien besitze, die Wirtschaftsförderung aber Kontakt zu den Eigentümern halte. Als Hauptursachen nennt er die Online-Konkurrenz, kleine Ladenflächen und die Nähe zu Magdeburg, mit dessen Einkaufsangebot Schönebeck kaum mithalten könne.
Eine konkrete Strategie zur Belebung des Zentrums nennt die Verwaltung nicht. Dabei hat der Deutsche Städtetag bereits 2021 in seinem Papier „Zukunft der Innenstadt“ betont: Attraktive Zentren brauchen mehr als Einkaufen – nämlich eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Kultur, Gastronomie und Grünflächen, die Aufenthaltsqualität jenseits des Konsums schafft.
Investition am Stadtrand statt im Kern
Genau hier liegt die Schwachstelle der Schönebecker Strategie. Während im Zentrum Brachflächen und leere Schaufenster das Bild prägen, entstehen am Stadtrand neue Einfamilien- und Reihenhäuser. Im Sachsenland Quartier sind Grünflächen, Spielplätze und ein Schwammstadt-Konzept zur Regenwasserführung geplant, eine Anbindung an den Ostfriedhof inklusive. Ob auch Mietwohnungen entstehen, hängt davon ab, wer die Grundstücke kauft.
Die entscheidende Frage bleibt: Trägt eine Stadt mit historisch hohem Leerstand, schrumpfender Bevölkerung und Abwanderung Richtung Magdeburg langfristig ein Neubaugebiet dieser Größe? Während die WBG Wohnungen vom Netz nimmt, sollen am Stadtrand neue ans Netz gehen. Eine vergleichbar detaillierte Strategie zur Aufwertung der Innenstadt – etwa durch Kultur, Gastronomie oder die Revitalisierung der besonders geschwächten Altstadt und Kolonistenstraßen – sucht man bislang vergeblich.
Vielleicht liegt Schönebecks größtes Potenzial gar nicht auf dem Acker bei Felgeleben, sondern dort, wo heute die Schaufenster zugeklebt sind.
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