Seit 34 Jahren sitzt ein Säuglingsmörder in Haft - und will nie wieder raus

Für immer Knast

Jürgen Schwenkenbecher
4 Min

BRANDENBURG/HAVEL. Gefängnisse gelten allgemein nicht als Orte besonderer Behaglichkeit. Gitter vor den Zellenfenstern und eine gewisse Einschränkung der Bewegungsfreiheit lassen selten Freude bei den Gefangenen aufkommen.In Einzelfällen aber schon. Der, wenn man so will, dienstälteste Gefangene Brandenburgs sitzt seit 34 Jahren im Gefängnis - und will offenbar nie wieder raus. Seit vielen Jahren schon lehnt er eine denkbare vorzeitige Entlassung aus der Haft in Brandenburg/Havel ab. Der Mann aus Frankfurt (Oder), Jahrgang 1947, ist ein Fetischist, dessen Begierde auf Kinderwagen ausgerichtet ist. Anfang der 70er-Jahre hatte er - wieder einmal - einen Kinderwagen entführt, in dem sich wohl eher zufällig ein Säugling befand, wie Hermann Wachter, der Leiter der Justizvollzugsanstalt, der Berliner Zeitung sagte. Das Baby habe er gewürgt und in die Oder geworfen, wo es ertrank. Im Dezember 1972 verurteilte ihn das Bezirksgericht Frankfurt (Oder) zu lebenslanger Haft. Zuvor war der Mann schon wegen anderer Straftaten, darunter Raub, aufgefallen.Die genauen Gründe, warum der 59 Jahre alte Mann keine Anstalten macht, sein jahrzehntealtes Zwangsquartier lebend zu verlassen, kennt das Justizministerium nicht. Sein Intellekt wird als sehr niedrig bewertet. "Ungewöhnlich ist die Haltung des Mannes aber schon", sagt Justizsprecher Melzer zu dem Fall. "Die meisten Inhaftierten wollen doch irgendwann wieder raus." Eine vorzeitige Haftentlassung sei aber immer an einen Antrag des Gefangenen gebunden - bleibt der Antrag aus, verbüßt er die Strafe so, wie sie ausgesprochen wurde. Und bei lebenslänglich heißt das eben ein Leben lang.Zuletzt hat ein Gutachter den Alt-Gefangenen 2003 eingeschätzt. "Er kam zu dem Schluss, dass eine Haftentlassung einem nicht kalkulierbaren Experiment gleichkäme", sagt Thomas Melzer. "Das hat der Gefangene wohl als letztes Signal angesehen, dass er nie wieder freikommen wird." Jetzt lebe er "sehr zurückgezogen" in seiner Zelle, an Veranstaltungen der Haftanstalt nimmt er nicht teil. Bei einer früheren Begutachtung 1992 hatte er es selbst abgelehnt, frei zu kommen.Nach Auskunft des Justizministeriums kommt es gelegentlich vor, dass Gefangene, die eine zeitlich befristete Haftstrafe absitzen, nicht vorzeitig die Heimreise antreten wollen. Selbst wenn sie es beantragen könnten. "Sie wollen ihre Strafe lieber voll absitzen, die bei einer vorzeitigen Entlassung zur Bewährung ausgesetzt wird", sagt Melzer. "Diese Einschränkung lehnen einige, wenn auch wenige, Verurteilte ab." Über eine vorzeitige Entlassung befinden Strafvollstreckungskammern bei den Landgerichten.Bei "Lebenslänglichen", die nach frühestens 15 Jahren wieder auf freien Fuß kommen können, gibt es die Aussetzung der Strafe zur Bewährung nicht. Stattdessen erhalten die Ex-Gefangenen eine "Führungsaufsicht". Die soll, wie der Justizsprecher erläutert, beraten und bei der Resozialisierung helfen. Derzeit verbüßen in Brandenburg 75 Häftlinge eine lebenslange Freiheitsstrafe, darunter eine Frau. 53 der Inhaftierten sitzen in der JVA Brandenburg/Havel, 16 in Luckau-Duben, sechs in Cottbus-Dissenchen.Rund 100 Euro muss das Land pro Tag und Gefangenen aufbringen. "Darin sind alle Kosten enthalten, also auch für Abschreibungen von Gebäuden und Sicherheitstechnik, für Personal, Verpflegung und so weiter", sagt Melzer. Gefangene müssen sich an den Kosten nicht beteiligen, ihr Lohn ist - sofern sie arbeiten - entsprechend gering. Ein Teil des Geldes wird in der Regel auf ein Entlassungskonto überwiesen, um später den Start in die Freiheit zu erleichtern.Auf das Entlassungskonto des Kinderwagen-Fetischisten ist schon lange kein Geld mehr geflossen. Er hat vor anderthalb Jahren aufgehört zu arbeiten.------------------------------2 300 PlätzeBrandenburg verfügt nach offiziellen Angaben über sieben Justizvollzugsanstalten (JVA) mit rund 2 300 Plätzen. Mehrere der Gefängnisse wurden in den letzten Jahren saniert oder neu gebaut.Das größte Gefängnis befindet sich in der Stadt Brandenburg/Havel. Es wurde Anfang der 30er-Jahre gebaut und verfügt über 661 Plätze. Die Insassen verbüßen Strafen zwischen zwei Jahren und lebenslänglich.Weitere Haftanstalten befinden sich in Cottbus-Dissenchen (616 Plätze), Luckau-Duben (333), Neuruppin-Wulkow (300), Wriezen (220), Frankfurt (Oder) (155) und Königs Wusterhausen (23).

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