Bald entkommt kein Jugendlicher mehr den Werten des Grundgesetzes: Ab August dieses Jahres wird es erst einmal für alle Siebtklässler, also für die Zwölf- bis 13-Jährigen, das lange angekündigte Pflichtfach "Ethik" geben, und zwar zwei Stunden in der Woche. Dies beschloss gestern der rot-rote Senat auf Vorlage von Schulsenator Klaus Böger (SPD). Der Gesetzentwurf, gegen den vor allem die beiden großen Kirchen heftig protestiert hatten, soll bis Anfang April im Parlament diskutiert und beschlossen werden.Kein werteneutrales FachZwei zentrale Gründe gebe es für die Einführung dieses Werteunterrichts, der künftig in den Klassen sieben bis zehn erteilt wird. Böger: "Wir haben erstens eine Vielfalt von Kulturen und Weltanschauungen in Berlin. Das macht es erforderlich, dass sich alle Schüler gemeinsam in einem Unterricht mit Fragen von Toleranz und friedvollem Miteinander beschäftigen." Der geplante Ethikunterricht sei zwar weltanschaulich und religiös neutral, "aber es ist kein werteneutrales Fach", betonte Böger. Vielmehr gelte es, die Werte des Grundgesetzes zu vermitteln, von der Würde des Menschen, der Gleichberechtigung, den Menschenrechten. Der zweite Grund für den verpflichtenden Unterricht sei die Notwendigkeit, die Jugendlichen dieses Alters in ihrer Identitätsfindung zu unterstützen. Für übertriebene Hoffnungen bestehe allerdings kein Anlass: "Niemand erwartet durch ein zweistündiges Fach eine gravierende Verhaltensänderung", sagte Böger. "So naiv bin ich nicht mehr."Die christlichen Kirchen halten indes an ihrer scharfen Kritik an dem Pflichtfach fest. Sie plädieren, unterstützt von vielen Prominenten wie Richard von Weizsäcker oder Wolfgang Thierse, für eine Wahlmöglichkeit zwischen Religions- oder Ethikunterricht. Allerdings schlagen sie inzwischen auch moderatere Töne an. "Die Alternative ist nicht mehr die Eisdiele", sagte Erzbistumssprecher Stefan Förner mit Blick darauf, dass Schüler in Berlin bisher eine Freistunde hatten, wenn sie am Religionsunterricht nicht teilnehmen wollten. Beide Kirchen forderten erneut, dass christliche Schüler zwischen Religions- und Ethikunterricht auswählen können sollten. "Eine solche Fächergruppe wäre ein gutes Angebot und gelebte Religionsfreiheit", sagte der evangelische Bischof Wolfgang Huber. Der Senat plant stattdessen, dass Religionsunterricht wie bisher an den weiterführenden Schulen erteilt werden kann, aber eben nur zusätzlich zum Pflichtfach Ethik. Der Bischof bezeichnete dies als "Irrweg". Alle Religionen aus dem gleichen Abstand zu betrachten - wie im Ethikuntericht vorgesehen - sei keine wirkliche Toleranz.Die evangelische und die katholische Kirche wollen aber abwarten, bis das Gesetz auf den Weg gebracht ist. Ob sie dagegen klagen, ist noch offen. "Dann prüfen wir alle Möglichkeiten", sagte Huber. Trotz der Differenzen wollen die Protestanten Mitte Februar den seit langem ausstehenden Staatsvertrag mit dem Land Berlin unterzeichnen - in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters und des Bischofs. Das Thema Werteunterricht ist zwar ausgeklammert, in einem zusätzlichen Protokoll aber habe die Kirche Interesse an einer "Kooperation" geäußert, sagte Senator Böger. Die Schulen würden dies in eigener Verantwortung gestalten.------------------------------Wenig InteresseKlassen-Unterschiede: In den Berliner Grundschulen (Klasse eins bis sechs) bleibt alles beim Alten: Die Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bieten in eigener Verantwortung Unterricht an, der freiwillig besucht wird. Wer nicht mitmacht, hat frei. Die Klassen sieben bis zehn bekommen den neuen Ethik-Unterricht als Pflichtfach, in Klasse elf gibt es wieder - falls Nachfrage besteht - freiwillig zu besuchenden Religionsunterricht.Teilnehmer: In den Grundschulen nutzen knapp drei Viertel aller Kinder das Angebot der Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften. Rund 28 Prozent machen stattdessen frei. Ab Klasse sieben allerdings war es bisher genau umgekehrt: Nur noch gut ein Viertel aller Schüler nahmen das Angebot wahr, drei Viertel blieben weg.Verteilung: Im laufenden Schuljahr besuchen gut 58 000 Grundschüler evangelischen, 15 000 katholischen und 4 200 islamischen Religionsunterricht, dazu 37 000 humanistischen Werteunterricht. Ab Klasse sieben sind es noch 28 000 beim evangelischen, 15 000 beim katholischen und nur knapp 100 Schüler beim islamischen Unterricht. Dazu kommen 2 700 Schüler der Humanisten.
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