Der britische Banker und Whistleblower Simon Andriesz ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Andriesz hatte in diesem Jahr Dokumente aufgespürt, die neue Fragen zu den Kontakten zwischen US-Handelsminister Howard Lutnick und dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein aufwarfen.
Das zur Financial-Times-Gruppe gehörende Fachmagazin The Banker berichtete, Andriesz sei durch Suizid gestorben. Seinen Tod bestätigte dem Magazin Andy Agathangelou, Gründer der Transparency Task Force, einer Organisation, bei deren Veranstaltungen Andriesz über seine Erfahrungen als Whistleblower gesprochen hatte. Agathangelou erklärte, Andriesz sei in der vorangegangenen Woche gestorben. In der von The Banker zitierten Erklärung nannte er allerdings keine Todesursache. Eine öffentlich bekannte behördliche Bestätigung der Todesursache lag zunächst nicht vor.
Hinweise darauf, dass Andriesz' Tod mit seinen Enthüllungen über Lutnick, Epstein oder seinen früheren Arbeitgeber zusammenhängt, gibt es offiziell nicht.
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Andriesz fand E-Mails aus dem Jahr 2018
Andriesz hatte mehr als 35 Jahre an den Finanzmärkten gearbeitet und war unter anderem Managing Director bei BGC Partners. Das Unternehmen gehörte zum Firmenumfeld von Cantor Fitzgerald, das lange von Lutnick geführt wurde.
Im Sommer berichtete die BBC ausführlich über Andriesz' Recherchen in den Millionen Seiten umfassenden Epstein-Akten. Der ehemalige Banker wusste aus seiner Zeit bei BGC, dass Führungskräfte bei Cantor Fitzgerald in E-Mails häufig Initialen verwendeten. Statt nur nach „Lutnick“ zu suchen, durchsuchte er nach BBC-Informationen die Unterlagen deshalb auch nach „HWL“ – Howard William Lutnick.
Dem Bericht zufolge stieß Andriesz so auf eine E-Mail-Korrespondenz aus dem Jahr 2018. Darin tauschten sich Epstein und Lutnick über die Aussichten des Digitalwerbe-Unternehmens Adfin aus. Nach der BBC-Recherche hatten sowohl Epstein als auch Lutnicks Unternehmen Cantor Fitzgerald in die Firma investiert. Andriesz übergab seine Funde anschließend Mitgliedern des einflussreichen Aufsichtsausschusses des US-Repräsentantenhauses.
Lutnick erklärte dort nach Angaben der BBC, er habe nach bestem Wissen erst 2026 erfahren, dass auch Epstein Investor bei Adfin gewesen sei. Das US-Handelsministerium erklärte gegenüber der BBC, es gebe keine Belege für ein Fehlverhalten Lutnicks. Lutnick wird nicht vorgeworfen, an Epsteins Sexualstraftaten beteiligt gewesen zu sein.
Lutnick räumte Besuch auf Epsteins Insel ein
Die Dokumente erhielten zusätzliche Brisanz, weil Lutnick seine Beziehung zu Epstein zuvor deutlich enger zeitlich begrenzt hatte. 2025 hatte er öffentlich erklärt, Epstein 2005 kennengelernt und sich anschließend von ihm distanziert zu haben.
Im Februar 2026 räumte Lutnick bei einer Anhörung im US-Senat jedoch ein, 2012 gemeinsam mit seiner Familie auf Epsteins Privatinsel Little St. James gewesen zu sein. Er habe dort während eines Familienurlaubs etwa eine Stunde mit Epstein zu Mittag gegessen. Lutnick betonte zugleich, er habe mit Epstein kaum etwas zu tun gehabt und während des Besuchs nichts Unangemessenes beobachtet. Reuters und AP berichteten damals, dass die neuen Unterlagen frühere Darstellungen über das Ende der Kontakte infrage stellten.
Die von Andriesz gefundenen E-Mails zeigten zudem, dass es noch 2018 direkten geschäftlichen Austausch zwischen Epstein und Lutnick gab. Die BBC schrieb, die Unterlagen deuteten darauf hin, dass Lutnick eine Geschäftsbeziehung mit Epstein zuvor nicht offengelegt hatte.
Whistleblower berichtete von jahrelanger Belastung
Andriesz war bereits lange vor seinen Recherchen in den Epstein-Akten als Whistleblower aktiv. Nach Angaben der BBC hatte er 2016 intern auf mögliche Unregelmäßigkeiten bei BGC hingewiesen. Später sprach er 2020 und 2021 auch mit dem FBI über BGC und Lutnick. Die Bundespolizei leitete den BBC-Recherchen zufolge wegen seiner Vorwürfe zu Lutnicks Geschäftsbeziehungen mit Epstein keine Untersuchung ein. BGC bezeichnete Anschuldigungen von Andriesz als nicht glaubwürdig und „kategorisch falsch“.
Unabhängig davon verhängte die US-Terminmarktaufsicht CFTC 2019 wegen Aufsichts-, Melde- und Dokumentationsverstößen eine Geldstrafe von drei Millionen US-Dollar gegen BGC Financial. Die Behörde stellte unter anderem Mängel bei der Aufzeichnung und Aufbewahrung von Handelskommunikation fest.
Andriesz berichtete zuletzt wiederholt über die persönlichen Folgen seines jahrelangen Konflikts. Gegenüber der BBC sagte er, die Auseinandersetzungen hätten seine Karriere, seine Finanzen und seine Gesundheit schwer belastet. Auch bei einer Veranstaltung der Transparency Task Force nach Ausstrahlung der BBC-Recherche sprach er über Folgen für seine Gesundheit und seine Familie.
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