Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat am Mittwoch vor einem steigenden Infektionsrisiko durch die anhaltend warmen Sommer in Europa gewarnt. Nicht die einzelnen Hitzewellen seien ausschlaggebend, sondern die dauerhaft höheren Temperaturen über immer längere Zeiträume, so die Behörde. Diese Bedingungen ließen zahlreiche Erreger leichter zirkulieren.
Vier Risikobereiche im Blick
Die Behörde nennt vier Bereiche, die in diesem Sommer besonders im Fokus stehen: durch Lebensmittel übertragene Erkrankungen, Vibriosen in Küstengewässern sowie Krankheiten, die durch Mücken oder Zecken übertragen werden.
Bei Lebensmitteln beschleunigten wärmere Temperaturen die Vermehrung von Bakterien. Das ECDC empfiehlt sorgfältige Hygiene, das Waschen von Obst und Gemüse sowie das gründliche Durchgaren von Fleisch.
Warme Ostsee begünstigt Vibrionen
Warme Küstengewässer mit niedrigem Salzgehalt wie die Ostsee oder Flussmündungen bieten laut ECDC günstige Bedingungen für Vibrio-Bakterien, die in warmen Küstengewässern natürlich vorkommen und bei Menschen Wund- und Magen-Darm-Infektionen auslösen können.
Menschen können sich infizieren, wenn mit Erregern belastetes Wasser in Wunden gelangt oder wenn sie rohe oder nicht ausreichend gegarte Meeresfrüchte verzehren.
Die Behörde rät davon ab, mit offenen Schnitten, Schürfwunden oder frischen Piercings baden zu gehen. Die Symptome bei einer Infektion reichen laut ECDC von Durchfall, Übelkeit und Fieber bis zu entzündeten Wunden und Ohrinfektionen.
Neue Risikokarte für europäische Küsten
Das ECDC hat eine überarbeitete Risikokarte veröffentlicht, die anhand von Satellitendaten zu Wassertemperatur und Salzgehalt tägliche Risikoeinschätzungen und eine Fünf-Tage-Prognose für europäische Küsten liefert. Nach der jüngsten Hitzewelle in Mitteleuropa sei das Risiko rasch auf für die Jahreszeit ungewöhnlich hohe Werte gestiegen. Betroffen seien vor allem das Schwarze Meer, die Ostsee und Teile der Nordsee.
Im vergangenen Jahr habe eine wochenlange Hitzeperiode mit rund 30 Grad in Nordschweden, Norwegen und Finnland dazu geführt, dass auch der nördliche Teil der Ostsee zum Risikogebiet wurde.
Drei Berliner Fälle, ein Toter
In Deutschland zeigen neue Zahlen, wie früh die Vibrionen-Saison in diesem Jahr begonnen hat. Nach dem Epidemiologischen Wochenbericht des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) haben sich in der laufenden Saison bereits drei Berlinerinnen und Berliner mit Vibrionen infiziert, einer der Betroffenen starb.
Alle Erkrankten waren älter als 75 Jahre, zwei der Infektionen gehen nach Angaben des Lageso wahrscheinlich auf Kontakt mit Meer- oder Brackwasser in Mecklenburg-Vorpommern zurück.
Bundesweit besteht seit 2020 eine Meldepflicht; die Zahl der gemeldeten Fälle lag laut Lageso zwischen 13 im Jahr 2020 und 95 im Jahr 2024. Als Risikogruppen gelten neben älteren Menschen auch Personen mit geschwächtem Immunsystem sowie mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Leber- oder schweren Herzerkrankungen. Ein frühes Warnsignal ist demnach ein Wundschmerz, der stärker ausfällt, als es die sichtbare Verletzung erwarten lässt.
Anstieg bei West-Nil-Virus
Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa berichtete in der vergangenen Woche von steigenden Fallzahlen des West-Nil-Virus. In Griechenland seien bis zum 22. Juli 21 Fälle bestätigt worden, davon 14 in der Vorwoche. 20 Erkrankte entwickelten schwere Formen mit Auswirkungen auf das Nervensystem, 13 mussten im Krankenhaus behandelt werden.
Italien meldete bis zum 15. Juli 21 Fälle in 17 Gebieten. Infektionen, die sich Betroffene im eigenen Land zugezogen haben, gab es demnach auch in Nordmazedonien, Rumänien und Spanien mit jeweils zwei Fällen.
Kein Impfstoff verfügbar
Das Virus wird durch Stiche infizierter Mücken übertragen. Einen zugelassenen Impfstoff oder eine spezifische Therapie gibt es nach WHO-Angaben nicht. „Wärmere Temperaturen und längere Sommer geben Mücken mehr Zeit und Raum, dieses Virus zu übertragen“, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge. Etwa einer von 150 Infizierten entwickle einen schweren Verlauf.
Die Behörde empfiehlt lange Kleidung, Insektenschutzmittel, Fliegengitter sowie das Entfernen stehender Wasserstellen rund um Wohnhäuser.
Längere Zeckensaison
Laut ECDC sind auch Zecken durch mildere Frühjahrs- und Herbstmonate länger aktiv. Sie können Borreliose, eine bakterielle Infektionskrankheit, die Gelenke, Nerven und Herz schädigen kann, sowie die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine durch Viren ausgelöste Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten, übertragen, gegen die eine Impfung verfügbar ist.
Das ECDC rät zu langer Kleidung bei Aufenthalten im Wald oder im Park und zum Absuchen der Haut nach dem Aufenthalt im Freien.
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