Textilien

Sorbische Trachten: Das Haus, in dem Kirsten Ann Böhme ein Handwerk bewahrt

Seit einem Jahrhundert prägt das Trachtenhaus Jatzwauk in Hoyerswerda die sorbische Identität. Mutige Frauen haben das einstige Spezialgeschäft in die Zukunft getragen.

Grit Ladowsky
8 Min
Kirsten Ann Böhme mit einer klassischen Lochstickerei

Kirsten Ann Böhme mit einer klassischen Lochstickerei

© Jakob Levy

Dies ist eine Geschichte über Schönheit und Schöpferkraft, über Mut, Vertrauen und Verantwortung, über männliches Wollen und weibliches Wissen, über Tradition und Transformation und das Eingebundensein in ein Geflecht, das größer ist als man selbst und tief in den Zeiten wurzelt. Man nennt es Familie.

Wie er es von der Mutter gelernt hatte

Diese Geschichte beginnt am 5. März 1926; ihr wirklicher Anfang reicht jedoch viel weiter zurück. An jenem Tag begab sich der 29-jährige Johann Jatzwauk, Kaufmann und Trachtenschneidermeister, zur Stadtverwaltung Hoyerswerda.

Im Schwung der Goldenen Zwanzigerjahre setzte er die ersten Steine für das Fundament seiner wirtschaftlichen Existenz und meldete sein Gewerbe an: ein „Wendisches Spezialgeschäft mit Weiß-, Woll- und Kurzwaren“. Er handelte mit Seidenstoffen und Wolltüchern aus dem Vogtland, mit Seidenfransen und Tressen aus dem Erzgebirge, mit Dresdner Plissee und Oberlausitzer Borten, mit Leinen und Blaudruckstoffen. Er stickte prächtige Loch- und Tüllspitzen.

Und er nähte: sorbische Trachten, wie er es von der Mutter gelernt hatte – Festtagstrachten, Kirchgangstrachten, Alltagstrachten, detailgenau und in höchster Qualität. In diese Euphorie des Neubeginns brachen jäh die Weltwirtschaftskrise samt Inflation und Depression. Jatzwauk ging auf die 40 zu, hatte Frau und zwei Kinder. Trotz alledem wagte er in jenen Zeiten das Risiko: Waghalsig kaufte er für Familie, Werkstatt und Geschäft das Haus in der Senftenberger Straße 19. Sein Name steht noch heute an der Fassade über der Tür.

Anna und Johann Jatzwauk beim Sticken

Anna und Johann Jatzwauk beim Sticken

© privat

Schon bald war das „Spezialgeschäft für Volkstrachten“ eine Institution in dem sorbisch geprägten Städtchen. Johann Jatzwauk, der 1912 als 15-Jähriger im Gesellschaftshaus Hoyerswerda die Gründung der „Domowina“, des Dachverbandes sorbischer Vereine, miterlebt hatte, erschuf ein Zentrum sorbischer Identität, einen Ort lebendigen Brauchtums und gelebter Tradition.

Selbst als 1937 die „Domowina“ und die sorbische Sprache verboten wurden, änderte sich daran wenig. Vor allem, weil die Menschen aus den umliegenden Dörfern sich widersetzten, kaum Gefolgschaft leisteten und so auch das Überleben des Jatzwauk’schen Gewerbes sicherten. Der Schneidermeister selbst zeigte sich gleichfalls als widerständiger Geist: 1938 verrichtete er ein letztes Mal sein Amt als Hochzeitsbitter, organisierte mit seiner Frau Helene eine sorbische Hochzeit und führte mehr als hundert Menschen in prächtiger Tracht quer durch die Stadt.

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Von großen Städten und feinen Kleidern

Der Ausbruch des Krieges zerstörte schließlich all seine Zukunftspläne. Sein Sohn Karl wurde eingezogen und blieb im Krieg vermisst. Ein Lichtblick war die Geburt des Enkels Werner 1941.

Ende April 1945 mussten letztendlich auch die Jatzwauks ihr Heim verlassen; sie flüchteten westwärts, kurz hinter den Stadtrand. Nur eine Nacht trennte den Einmarsch der russischen Panzer von Johann Jatzwauks Rückkehr: Der Marktplatz lag schon in Schutt und Asche, Flammen loderten aus seinem Haus – Brandstiftung, so vermutet man. Bis auf die Grundmauern brannte es ab, zusammen mit dem ganzen Trachtenschatz und allen Stoffen, Spitzen und Borten. Nur das Hinterhaus überstand die Katastrophe – und das Schweinchen, das die Familie dort gehalten hatte. Alles andere war und blieb verloren. Und doch keimte Hoffnung im Notquartier auf dem Hoyerswerdaer Markt, als Vater Johann seine Tochter Anna fragte: Bauen wir wieder auf?

Eigentlich sehnte sich Anna hinaus aus dem provinziellen sorbischen Leben, sie träumte von großen Städten und feinen Kleidern. Sie war 26, als sie beschloss, zu bleiben und ihre Eltern beim Neuanfang zu unterstützen. Mit Fleiß und unerschütterlicher Beharrlichkeit verhalfen sie gemeinsam dem wiederaufgebauten Trachtenhaus zu neuer Vitalität als Treffpunkt sorbischer Identität. Inmitten der Restriktionen der Stalinzeit erlebte die „Werkstatt für sorbische Volkstrachten“ eine bescheidene Blütezeit, gekrönt vom DEFA-Film „Wenn Jan und Lenka Hochzeit machen“.

Johann Jatzwauk stellte die Ausstattung und verewigte sich selbst: In seiner Funktion als Hochzeitsbitter führte er durch die Zeremonie einer großen sorbischen Vermählung. 1963 starb Johann Jatzwauk, keine 70 Jahre alt. Sein Wissen um die sorbische Tracht in all ihrer Vielfalt wohnte da schon in Büchern und in Annas Kopf.

Der Bänderschrank in der Werkstatt

Der Bänderschrank in der Werkstatt

© Jakob Levy

Um den Handwerksbetrieb weiterführen zu dürfen, legte Jatzwauks Tochter ihre Meisterprüfung als Damenmaßschneiderin ab. Sie nähte Trachten für Folkloregruppen und Miniaturen für sorbische Souvenirpüppchen – ein wahrer Verkaufsschlager im „Sorbenladen“. Als dieser 1976 zwangsverstaatlicht wurde, übernahm ihre älteste Tochter Monika die Verantwortung. Vier Jahre stemmte sie sich gegen die grassierende DDR-Mangelwirtschaft, dann gab sie erschöpft auf.

Derweil fraßen sich die Bagger weiter durch die Lausitzer Landschaft, sorbische Dörfer wurden der Kohle geopfert, tausende Menschen verloren ihre Heimat. Auch in der Senftenberger Straße 19 brachen schwere Zeiten an. Wieder war es Anna Böhme, die mit unermüdlicher und aufopfernder Herzhaftigkeit das Unternehmen rettete. Ungeachtet aller Widrigkeiten führte sie den Familienbetrieb bis zur Wende 1989, trotz des maroden Daches, fehlender Stoffe und einer Beinamputation.

Am 9. November 1989 feierte Anna Böhme ihren 69. Geburtstag. Das größte Geschenk machte ihr die Geschichte: Der Mauerfall läutete das Ende der DDR ein, weckte Hoffnungen auf einen Neuanfang, auch für das Trachtenhaus. Denn Kirsten Ann Böhme, Jatzwauks Urenkelin, entschied sich für Hoyerswerda.

Die damals 26-Jährige kehrte aus dem Westen zurück, um das Familienerbe zu erhalten und es wieder als bodenständiges Element sorbischer Kultur zu etablieren. Eigentlich träumte sie davon, als Architektin nach Wien zu gehen. Doch etwas wirkte stärker: Ihr Weg führte sie nicht in die Welt, sondern zurück zu ihren Wurzeln.

Vielleicht waren es die Erinnerungen an jene Kindertage, die sie bei der Großmutter verbrachte, als sie sechsjährig auf der untersten Schublade der Theke stand, um über den Ladentisch schauen zu können, und den sorbischen Klängen der Gespräche lauschte; wie sie über Perlen- und Stickarbeiten staunte und später Rockstoffe und farbige Bänder verkaufte; wie sie das erste Mal in eine sorbische Tracht gekleidet wurde und sich wohl darin fühlte; wie sie in der Schneiderstube nähen lernte und von einem Leben als Designerin im Westen träumte, am Ende aber, dank sozialistischer Studienlenkung, Architektur studierte.

In dieser Profession war es dann ihr „männliches Wollen“, am Wiederaufbau der ruinierten Altstadt Hoyerswerdas mitzuwirken; die Rettung des Trachtenhauses gehörte auch dazu. Kirsten Ann Böhme erkannte den einzigartigen Schatz von drei Schneidergenerationen, den ihre Großmutter dort lebendig hielt, und verschrieb sich ganz dem Erlernen dieses Wissens. Nach Anna Böhmes viel zu frühem Tod lernte sie weiter bei deren Tochter Rosemarie, die man bis heute, nun schon 83-jährig, an ihrer historischen Naumann-Nähmaschine arbeitend im Trachtenhaus antreffen kann.

Alles war verbunden

Kirsten Anns Leidenschaft gilt der Bewahrung und Restaurierung alter Trachten und Trachtenteile. Mit geradezu archäologischem Spürsinn seziert sie Nähte und Faltenwürfe, rekonstruiert Schnitte, Stoffe und Zubehör. Sie sichert jahrhundertealte Blaudruckmodeln vor den Begehrlichkeiten der Antiquitätenhändler und belebt die besondere Technik des Mehrfarbendrucks wieder. Sie dekodiert Schleifenbindungen und die Signalwirkung farbiger Zierborten. Bis an die Ursprünge dieses einzigartigen Kosmos will sie dringen, begreifen, was die Altvorderen über Generationen angetrieben hat und wie alles mit ihrem Alltag und ihrem Weltbild verbunden war.

Für Kirsten Ann Böhme ist es die vornehmste Aufgabe, dieses Brauchtum zu bewahren, wissend, dass Tradition dynamisch sein muss, um relevant zu bleiben und Neues zu ermöglichen, denn „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“. Mit dem 3D-Projekt „drasta digital“ setzt sie dies kongenial um: Gemeinsam mit dem im Sorbischen verwurzelten Modedesigner und 3D-Künstler Jan Lorenz und dem Museologen Jakob Gruhl wird das materielle und immaterielle Kulturerbe sorbischer Trachten in einzigartiger Genauigkeit in die virtuelle Welt übertragen.

Im 100. Jubiläumsjahr steht das Trachtenhaus in der Gegenwart und fest auf sechs Säulen. Jatzwauks Urenkelin nennt sie „Bausteine“ für eine tragfähige Zukunft: Im Erdgeschoss befindet sich ein Museumsladen, daneben das „Blaudruckkabinett“ mit einer Ausstellung zu dieser Handwerkstechnik, die Trachtenwerkstatt, in der Altes restauriert und Neues geschneidert wird, sowie die 3D-Trachten- und Fotowerkstatt.

Im Obergeschoss lädt die „Trachtenschatzkammer“ zu einer kleinen, aber exquisiten Ausstellung ein, mit einzigartigen, oft mehr als hundert Jahre alten Exponaten der evangelischen Sorben um Hoyerswerda aus dem Fundus der Familie. Die Trachtenstube „Komorka“ schließlich ist geselliger Treffpunkt mit Trachtenausleihe und gibt dem Haus als lebendiger Stätte der Begegnung der Generationen etwas Wesentliches seiner Bestimmung.

Kirsten Ann Böhme weiß um das Glück des Mutigen, das Pate stand bei dieser Transformation des Familienunternehmens in die Trägerschaft des Vereins zur Pflege der Regionalkultur der mittleren Lausitz e.V., wo Vereinsmitglieder wie Freunde des Hauses Unterstützung leisten und Verantwortung schultern. Dankbar blickt sie auf diesen Weg und die überstandenen existenziellen Krisen, auf abgewendete Insolvenzen und lebensbedrohende Krankheiten. Sie erinnert sich an Urgroßmutter Helenes Spruch aus der Familienchronik: „Mit Gottes Hilfe“. Diese tiefe Einsicht, dass nicht alles allein in menschlicher Hand liegt, dient auch Kirsten Ann Böhme als Quelle der Hoffnung und Zuversicht.


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