Brics

Der Westen feiert sich – und der Rest der Welt organisiert sich anderswo

Während der Westen auf Blockdisziplin setzt, suchen die SOZ und Brics den offenen Dialog. Ein Gipfel als Symbol für das Ende der Unipolarität. Eine Kolumne.

Richard Sakwa
4 Min
Allein die Existenz neuer geopolitischer Zusammenschlüsse zeigt, dass die Unipolarität einem komplexen neuen Muster der Multipolarität weicht.

Allein die Existenz neuer geopolitischer Zusammenschlüsse zeigt, dass die Unipolarität einem komplexen neuen Muster der Multipolarität weicht.

© Vyacheslav Prokofyev/imago

Der September ist traditionell ein Monat der Gipfeltreffen. Ein Monat, in dem sich Staats- und Regierungschefs an verschiedenen Schauplätzen versammeln. Der wichtigste davon ist natürlich die jährliche Tagung der UN-Generalversammlung. Hier haben die Staatschefs die Gelegenheit, ihre Sicht auf die Weltlage darzulegen.

Doch auch viele andere Konferenzen finden in diesem Monat statt. Eine davon ist das jährliche Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). In diesem Jahr feiert sie das 25. Jubiläum ihrer Gründung in ihrer heutigen Form. Die ursprünglichen Mitglieder konzentrierten sich auf Zentralasien (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan) sowie auf Russland und China. Der frühe Fokus lag strikt auf Sicherheitsfragen, vor allem auf der Bekämpfung des Terrorismus und des Drogenhandels. Zu diesem Zweck bleibt die Regionale Antiterror-Struktur (RATS) eine der zentralen Säulen der Organisation.

Putin, Xi und ein Gipfel ohne den Westen

Mit dem Beitritt Indiens und Pakistans im Jahr 2017, gefolgt vom Iran 2023 und Belarus 2024, ist die SOZ – gemessen an der Bevölkerungszahl – zur größten Regionalorganisation der Welt geworden. Heute umfasst sie 4,7 Milliarden Menschen, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Hinzu kommt gut ein Dutzend weiterer Länder, die als SOZ-Partner assoziiert sind, darunter die Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien.

Die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer treffen sich jährlich, zuletzt Anfang September in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans. Es war das 26. Treffen des Rates der Staatschefs, abgehalten im Format „SOZ Plus“. Der erste Tag war bilateralen Treffen gewidmet, darunter die 48. Begegnung zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Der Gipfel selbst konzentrierte sich auf die Stärkung der multilateralen Zusammenarbeit über das gesamte Themenspektrum hinweg: Politik, Sicherheit, Handel, Investitionen, Energie, Industrie, Ökologie, Tourismus und neue Technologien. Diskutiert wurde zudem, wie sich die Arbeit der Organisation und ihre internationale Agenda verbessern lassen.

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Die SOZ ergänzt eine weitere große nicht-westliche Regionalorganisation, den Brics-Plus-Verbund, der viele der gleichen Mitglieder, aber eine globalere Präsenz aufweist – etwa mit Brasilien und Südafrika. Der Fokus der SOZ bleibt auf Eurasien gerichtet, der riesigen Landmasse zwischen Arktischem und Indischem Ozean. Gemeinsam spiegeln beide Organisationen die wachsende Macht und den zunehmenden Einfluss der nicht-westlichen Welt wider.

Allzu oft werden diese Organisationen als bloße Debattierclubs abgetan – dabei verleihen sie dem Globalen Süden und dem Globalen Osten tatsächlich eine Stimme. Im scharfen Gegensatz zu vergleichbaren Bündnissen des Globalen Westens, allen voran der Nato und der Europäischen Union, wo Blockdisziplin und scharfe Gegensätze gepflegt werden, zeichnen sich diese Zusammenschlüsse durch Flexibilität und einen ergebnisoffenen Dialog aus. Rhetorisch liegt der Schwerpunkt auf Frieden und Entwicklung.

Allein die Existenz dieser Zusammenschlüsse zeigt, dass die Unipolarität einem komplexen neuen Muster der Multipolarität weicht. Die sogenannten aufstrebenden Mächte sowie die zunehmend einflussreichen nicht-westlichen Mittelmächte gewinnen an Gehör. Das spiegelt tiefgreifende wirtschaftliche Verschiebungen, geopolitische Veränderungen und ideologische Divergenzen wider. Diese Mächte, von denen einst erwartet wurde, dass sie sich dem Globalen Westen anschließen würden, haben stattdessen eigene institutionelle Praktiken und normative Rahmenwerke entwickelt – Ausdruck einer Unzufriedenheit mit der westlichen Vormachtstellung.

Die SOZ und Brics Plus, wie auch alle anderen nicht-westlichen Regionalorganisationen, sind keine eng geschnürten Bündnisse oder Blöcke. Es handelt sich vielmehr um flexible, ergebnisoffene Zusammenschlüsse. Sie sind weniger anti-westlich als post-westlich oder schlicht nicht-westlich. Sie eint die Sorge um Souveränität, um Statusanerkennung und um zivilisatorischen Pluralismus. Sie markieren das Ende der globalen Vormachtstellung des Westens. Angesichts dieser Veränderungen wäre es vielleicht an der Zeit, dass der Globale Norden seinen endlosen Kriegen ein Ende setzt und sich stattdessen stärker auf Frieden und Entwicklung konzentriert.

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