Der Name klingt für viele abschreckend: Task Force Okerstraße. "Das hört sich so nach Krieg an", sagt Ingrid Brügge. Seit neun Jahren lebt die Seniorin an der Neuköllner Schillerpromenade. Seit etwa fünf Jahren verwahrlose das Viertel, sagt sie. "Im Winter spielen Kinder ohne Schuhe auf der Straße. Wo sind ihre Eltern? Immer mehr solide Leute ziehen weg." Ein Vater sagt: "Warum müssen meine Kinder auf dem Weg zur Schule jeden Morgen auf entblößte Genitalien betrunkener Männer schauen, die auf die Straße urinieren?"Nach zehn Jahren Arbeit haben Quartiersmanager und Bezirkspolitiker festgestellt, dass sie die Probleme im Wohnviertel Schillerpromenade allein mit präventiven Maßnahmen und Angeboten nicht mehr lösen können, wie Quartiersmanagerin Kerstin Schmiedeknecht sagt.Jetzt soll eine schnelle Eingreiftruppe mit dem Namen Task Force Okerstraße im sozial schwierigen Viertel ein friedliches Miteinander der Bewohner schaffen und für Ordnung und Sauberkeit sorgen. "Wir müssen auf die Störfaktoren des friedlichen Zusammenlebens reagieren", sagt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).Fünf Sozialarbeiter haben deshalb an der Okerstraße 44 ein Büro eröffnet. Mit knapp 100 000 Euro finanziert die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die vorerst auf zwei Jahre begrenzten Stellen. Die Streetworker wollen mit Bewohnern und Lehrern reden und herausfinden, in welchen Familien es etwa Probleme bei der Kindererziehung und Fälle von Vernachlässigung gibt. Jugendliche sollen Freizeitangebote erhalten, zum Beispiel nächtliches Boxtraining. Bedürfnisorientierte Beschäftigung nennen das die Sozialarbeiter.In einem internen Lagebericht der Polizei ist rund um die Okerstraße von Beschaffungskriminalität die Rede, von Prostitution, Schwarzarbeit und illegaler Untervermietung. Anwohner beschweren sich regelmäßig über laute Trinker auf der Straße und über Auseinandersetzungen zwischen Sinti- und Roma-Familien. Erst vor wenigen Tagen drangen 20 rumänische Männer in eine Wohnung an der Okerstraße ein und prügelten dort auf sieben Männer ein.Neben den Sozialarbeitern gehören zur Task Force auch Mitarbeiter des Jugendamtes, der Schulaufsicht, der Bauaufsicht und vom Quartiersmanagement. Auch der Migrationsbeauftragte ist dabei und die Polizei. Alle zwei Wochen trifft sich diese Einsatzgruppe, um schnell und behördenübergreifend Informationen über Problemfamilien auszutauschen. Bisher ist so etwas in Berlin einmalig. Der Berliner Datenschutzbeauftragte kündigte bereits an, dieses Verfahren rechtlich zu prüfen.Und vor allem unter den jungen Bewohnern Neuköllns gibt es viele Kritiker, die das Task-Force-Konzept als "militärisch" und "rassistisch" bezeichnen. Der Datenaustausch der Behörden verstärke die Repression gegen die Bewohner, die Sozialarbeiter agierten dabei als Spitzel, sagten Bewohner auf einer Anwohnerversammlung am Dienstagabend. Quartiersmanagerin Schmiedeknecht kennt diese Vorwürfe. "Es gibt zur Task Force ganz viele Ansichten, das hat mit der Zusammensetzung des Kiezes zu tun." Das Konzept trägt inzwischen einen Untertitel: Schnelle und umfassende Hilfe für eine gute Nachbarschaft.------------------------------Größtes ProblemviertelVon staatlicher Hilfe leben im Viertel fast die Hälfte aller Bewohner. Von 1 000 Einwohnern beziehen 138 Hartz IV. Das ist im Vergleich zum bundesdeutschen Vergleich ein Spitzenwert. Bei den unter 25-Jährigen beziehen sogar 60 Prozent Hartz IV. Unter der Armutsgrenze leben 65 Prozent der Bewohner.Die Zusammensetzung der Bevölkerung hat sich in den vergangenen Jahren verändert: Familien mit kleinen Kindern ziehen weg, dafür kommen zunehmend mehr arme Familien, Hilfeempfänger und Studenten ins Viertel. Der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunft liegt bei 80 bis 100 Prozent.------------------------------"Der Begriff Task Force ist provokant. Doch es ist hier nun mal nicht alles kuschelig." Kerstin Schmiedeknecht, Quartiersmanagerin
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