Spätes Erinnern: Gestern wurde am Tiergarten das Denkmal für die homosexuellen NS-Opfer eingeweiht

Männerküsse in Beton

Sebastian Preuss
5 Min

Als der Bundestag im Dezember 2003 das Denkmal beschloss, war die CDU noch dagegen. Albert Eckert, einer der Initiatoren der Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, versäumte gestern nicht, daran zu erinnern. Denn hier, wo all die politische Prominenz am Rand des Tiergartens erschienen war, wirkte das damalige Nein besonders peinlich.Kulturstaatsminister Bernd Neumann, mit seinem untrüglichen Gespür für wichtige Themen, ließ sich von dieser Unrühmlichkeit seiner Partei nicht beirren, sondern stellte sich an die Spitze der Bewegung. Er hielt eine für seine Verhältnisse, flammende Rede; wahrscheinlich gab es noch nie einen CDU-Politiker, der so oft in zehn Minuten die Worte "sexuelle Neigung", "Schwule" und "Lesben" in den Mund genommen hatte. Neumann begeisterte sich für das Werk des Künstlerduos Elmgreen & Dragset, verwies stolz auf die Übernahme der Kosten (600 000 Euro) durch den Bund und gab ein klares Bekenntnis für die Sache der Homosexuellen ab: "Ressentiments gegen gleichgeschlechtliche Orientierung dürfen in diesem Land keinen Platz haben."In Sichtweite zu den Blöcken des Holocaust-Mahnmals steht nun also der dunkelgrau durchgefärbte Betonklotz, leicht aus dem Lot geraten, als sei er aus dem Stelenfeld auf der anderen Straßenseite herüber geschwebt. In Augenhöhe ist ein kleines Fenster in den Beton gehöhlt. Man muss direkt herantreten, um das Geschehen hinter dem Glas zu erkennen. Auf die Rückwand des dunklen Innenraums ist ein Film in Endlosschleife projiziert: zwei junge Männer, die sich innig küssen.Über diese Sequenz war eine Kontorverse ausgebrochen, nachdem der Siegerentwurf des Wettbewerbs 2006 allgemeine Anerkennung gefunden hatte. Doch was ist mit den homosexuellen Frauen, fragten Alice Schwarzer und die "Emma"-Redaktion. Schon wieder eine männliche Dominanz. Zwar konnten sich auch Lesben in der Nazizeit nicht an die Öffentlichkeit trauen, doch wurden sie nicht systematisch verfolgt wie die Schwulen; auch der Paragraph 175 galt für sie nicht. Eine Lesbenverfolgung wie die der Schwulen darzustellen, sei Geschichtsklitterung, sagte Eckert von der Gedenkinitiative. Doch nach einigem Hin und Her fand sich ein Kompromiss, mit dem jetzt alle, auch die Künstler, glücklich sind. Im Zweijahresturnus soll jetzt der Film ausgetauscht werden, so dass auch küssende Lesben zu sehen sein werden. Es ist also kein statisches Werk, sondern ein Denkmal in permanenter Anpassung.Mit ihrem Kunstgriff eigneten sich Elmgreen & Dragset raffiniert die Ästhetik von Peter Eisenmans abstrahierten Grabstelen an, eröffneten eine Einzelkopie, eine Art Filiale der Holocaust-Gedenkstätte und erfüllten diese mit einem eigenen Inhalt. Man könnte das Verfahren als künstlerische Guerilla-Taktik bezeichnen. Die Initiatoren und die Wettbewerbs-Juroren mochten das, weil da auch ein bisschen die Lebensweise der Homosexuellen mitschwingt: Sie sind "normale" Menschen wie jedermann, nur in mancher Hinsicht eben anders.Der Däne Michael Elmgreen und der Norweger Ingar Dragset begannen ihre gemeinsame Arbeit in Kopenhagen als Performer. Seit elf Jahren leben sie in Berlin, fanden zunehmend Anhänger für den abgründigen Realismus ihrer Skulpturen und gewannen 2003 den Preis der Nationalgalerie. Ob sie einen täuschend echt Dahinsiechenden in seinem Krankenbett nachbasteln oder in der Wüste von Texas eine Prada-Boutique aufbauen - stets geht es ihnen um einen verwirrenden Transfer von Formen und Inhalten, ein oft ironisches Spiel mit den Erwartungen und visuellen Vorprägungen der Betrachter.Das Homosexuellen-Denkmal ist bislang ihr Meisterwerk. Das Werk ist ernsthaft, ohne pathetisch zu sein, in der Vereinzelung der Stele und der beziehungslosen Schrägstellung auch ein bisschen augenzwinkernd; schwerwiegend und leicht zugleich. Es steht unweit von Gefilden, wo nachts gern Schwule umherstreifen und Vergnügungen nachgehen, die sie im Dritten Reich das Leben kosten konnten. Das ist konzeptuell und erzählerisch zugleich, emotional ohne jeden Mahnmalkitsch. Kommt her und schaut, lautet die Botschaft; auch die Schwulen und Lesben müssen endlich beim Gedenken an die Nazi-Gräuel berücksichtigt werden.Das Denkmal lenkt den Blick der Touristenkarawanen auf die große schwule Kultur der Stadt und zugleich auf ein Kapitel deutschen Grauens. Eine erklärende Tafel nennt die wesentlichen Fakten und sorgt dafür, dass niemand das Werk für eine künstlerische Spielerei hält. 1935 verschärfte das Hitler-Regime den Paragraphen 175 drastisch und begann mit systematischer Verfolgung der Schwulen. Über 50 000 wurden zu Opfern, in Prozessen, bei Razzien, im Zuchthaus und im Konzentrationslager, wo zahllose von ihnen gefoltert, in pseudomedizinischen Verfahren gequält, zwangskastriert oder ermordet worden.Für sie kommt das Denkmal zu spät, der letzte schwule KZ-Überlebende starb 2005. Es war Pierre Seel, und Günter Dworek, Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes, erinnerte gestern an sein Schicksal. Als 17-Jähriger wurde Seel im Elsass verhaftet und kam in verschiedene Lager. In Schirmeck-Vorbruck musste er der Hinrichtung seines Geliebten zusehen. Zu Wagner-Klängen zog man den Freund nackt aus, während alle Gefangenen angetreten waren. Man stülpte ihm einen Eimer über den Kopf und ließ Schäferhunde los, die ihn zerrissen.Aber nach 1945 ging die Ausgrenzung weiter. Der Paragraph 175 bestand in der radikalen Version weiter, manche Männer mussten nach der Befreiung aus dem KZ sogar im Gefängnis ihre "Strafe" zu Ende absitzen. Vom Gedenken an die NS-Opfer blieben sie lange ausgeschlossen; Ost- und Westdeutschland nahmen sich da nichts. Bis zur Strafbefreiung der Homosexualität 1969 wurden in der Bundesrepublik rund 50 000 Männer für ihre Neigungen verurteilt - genauso viel wie unter den Nazis. Erst 1984 brachte man im ehemaligen KZ Mauthausen eine eigene Gedenktafel für die schwulen Opfer an, es folgten Neuengamme, Dachau und Sachsenhausen. 1994 wurde der Schandparagraph 175 dann endlich vollständig aus dem Gesetzbuch getilgt.Das Homosexuellen-Denkmal versteht sich auch als Erinnerung an diesen dunklen Teil der Nachkriegsgeschichte. Vieles hat sich in den letzten Jahren verbessert, aber es besteht kein Grund zu überschäumender Freude. Klaus Wowereit erinnerte daran, dass es selbst im angeblich so toleranten Berlin fast täglich zu Diskriminierungen und Überfällen kommt. Und es wird Bürger geben, die das Homosexuellen-Mahnmal widerlich finden. Auch für sie sei das Werk gebaut, rief Eckert mit einigem Pathos: "Wenn es sie stört, um so besser!"------------------------------Foto: Man muss direkt vor das Denkmal treten. Dann sieht man ein Video an der Rückwand des dunklen Innenraums.Foto: Das Video zeigt zwei Jünglinge, die sich in einem Park innig küssen. Es ist dort, wo jetzt das Denkmal steht.

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