Das musste so kommen. Berlin, das nun unverrückbar seine Schulden selbst ablösen muss, hat vom Bundesverfassungsgericht gehört, es leiste sich in Bildung und Kultur, Sport und Sozialem mehr als Hamburg. Und also beginnt der Streit um die Finanzierung der Kultur. Die Wissenschaft, deren Lage doch ähnlich beurteilt wurde, bleibt einstweilen von der Debatte verschont. Zu lange ist der Gedanke, hier entscheide sich die Zukunft des Landes, eingeschärft worden. Kultur aber, die immer im Verdacht steht, den Müßiggang der Oberklasse zu veredeln, steht nun unter doppeltem Rechtfertigungsdruck.Ob die Tatsachenbehauptungen des Bundesverfassungsgerichts richtig sind, soll hier unberücksichtigt bleiben. Nur kurz seien die Relationen skizziert. Der Kulturhaushalt des Landes Berlin beträgt 356 Millionen Euro, das sind nicht einmal 2 Prozent des Gesamtetats, der knapp unter 20 Milliarden liegt. Viel ist hier also nicht zu holen, auch wenn man zu tiefen Einschnitten bereit ist. Mäßige Kürzungen bei den einzelnen Instituten führen zu großen Qualitätsverlusten, weil nur ein kleiner Teil der jeweiligen Etats überhaupt disponibel ist, der größte Teil wird für die festen Arbeitsverhältnisse gebraucht. Das eben führt dazu, dass nominell kleine Kürzungen sofort auf die Kunstproduktion durchschlagen, während der Apparat weiter unterhalten werden muss.Vor allem aber ist die Politik auch mit einer vernünftigen Sparpolitik in den Künsten überfordert. Das ist nicht allein in Berlin so. Gerade hat der Streit um den Verkauf mittelalterlicher Handschriften aus dem Besitz der Landesbibliothek Karlsruhe gezeigt, dass auch die baden-württembergische Landesregierung nicht mit mehr Verstand vorgeht als die hiesige es täte. Und hat man uns Baden-Württemberg nicht immer - und wohl auch mit Recht - als jenes Land vorgestellt, in dem der Bildungsgedanke noch am stärksten verwurzelt sei?Was die Politik in Kunstfragen so schwächt, ist nicht allein der Ökonomismus. Es ist das demokratische Prinzip selbst. Das nämlich oder vorsichtiger: die demokratische Praxis hat die Tendenz, von der Frage nach dem Gemeinwohl, die immer unter Ideologieverdacht steht, zur möglichst effizienten Vertretung der jeweiligen Wählergruppe überzugehen. Für den Kulturpolitiker bedeutet es, nicht allzu viel Energie in die öffentliche Bewertung der ihm anvertrauten Kunstinstitute zu legen, das würde ihm als Eingriff in die Kunstfreiheit ausgelegt. Mit einem Wort: Auf eine Beurteilung der von ihr geförderten Kunstleistungen ist die Politik aus nachvollziehbaren Gründen schlecht vorbereitet. Vor einer Spardebatte kann man sich nur fürchten.Und doch wird sie kommen. Zwar können die Beiträge des Kulturetats nur symbolischer Natur sein, aber das wird nichts ändern. Denn Herrschaft ist ein hochgradig symbolischer Vorgang, und auch die Künste müssen sich vorhalten lassen, dass ihre Sphäre die des Symbolischen ist. Wenn die Öffentlichkeit bei so vielen Opfern, die zu bringen sind, nicht auch ein Opfer der Künste fordern soll, dann hilft nur eines: der Öffentlichkeit beizeiten das Gefühl gegeben zu haben, sich in den Kunstausübungen erkennen zu können. Schlecht sind die Voraussetzungen nicht einmal. Die Wiedereröffnung des Bode-Museums hat der Stadt, aber wohl auch Deutschland ein Moment des Glücks, des Gelingens vermittelt: Das sind wir, und das können wir. Auch Opernhäuser und Orchester begreifen (wenn auch unterschiedlich schnell), dass es mit dem einzelnen Abend nicht mehr getan ist, spürbar stärker bemühen sie sich um Jugendarbeit oder Familienvorstellungen.Als die Bundesrepublik Ende der siebziger Jahre langsam ein Gefühl ihrer inneren Aushöhlung bekam, als das Wort vom Reformstau aufkam und sich die ideologischen Debatten entkrampften, da wurde gern die Parole aus der preußischen Reformzeit zitiert, es müsse der Staat mit geistigen Mitteln ersetzen, was ihm an physischen fehle. Auch ohne feine Ohren hörte man dabei die Lüge. In einem durchaus noch wohlhabenden Land sollten die feineren Mächte einspringen, um die gröberen des Geldes zu schonen. Nun, seit Donnerstag, sind wir in Berlin arm genug, um den Grundsatz auf uns anwenden zu können. Mal sehen,was dabei heraus kommt. Das Sparen muss nicht primitiv machen. Alle Künste tragen bei zur größten Kunst, zur Lebenskunst. Und dazu gehört es, die Pyramide unseres Selbst, deren Basis nun einmal vorgegeben ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen.------------------------------Sparen muss nicht primitiv machen. Alle Künste tragen bei zur größten Kunst, zur Lebenskunst. Zu ihr gehört, die Pyramide unseres Selbst so hoch als möglich in die Luft zu spitzen.
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