Mainz ist beschaulich. Es ist aber nicht so, dass die Stadt gesanglich nichts zu bieten hätte. Ernst Neger etwa interpretierte dort den Karnevalshit "Heile, Heile, Gänsje" - Weine nur, Weine nur, Gänschen - und Margit Sponheimer sang gleich hinterher "Gell, Du hast mich gelle gern" - frei übersetzt: Du liebst mich doch wirklich. Und wer das als Ethno-Folklore abtun mag, dem sei gesagt, Schlagersängerin Mary Roos ("Ja, die Dicken sind ja so gemütlich") stammt aus dem nahen Bingen. Das ist immerhin etwas.Künstlerisch mag das aber nicht ganz heranreichen an die Vielzahl der Musiker und Autoren, die zu Beginn der 70er-Jahre den SPD-Kanzler Willy Brandt unterstützten. Seit jenen Tagen genießen die Sozialdemokraten die Gunst der Intellektuellen. Und als sie Jahre später um die Sympathie der neuen Mitte fürchten mussten, ernannten sie mit Sigmar Gabriel sogar einen offiziellen Pop-Beauftragten.Gabriel hat jetzt keine Zeit mehr für die Popmusik. Er muss schließlich das Weltklima retten, und so ist aus Siggy-Pop längst Siggy-Top geworden. Um die Musik kümmert sich nun der SPD-Chef selbst. Kurt Beck macht Werbung für den deutschen Schlager. Manche mögen das für clever erachten, immerhin muss die SPD an ihre traditionellen Wähler denken, das Gunter-Gabriel-Milieu sozusagen. Andere nehmen das nicht so leicht. "Ja zum deutschen Schlager", steht auf den Plakaten, die in Mainz und Umgebung hängen, und gleich daneben SWR4. Das ärgert die Mainzer Opposition: Sie übt Kritik. An Beck, wegen der öffentlich-rechtlich finanzierten PR-Kampagne. Und am Südwestrundfunk, der sich durch die Werbung mit dem Regierungschef unfreiwillig offen als Staatssender darstellt.Schon einmal gab es in Mainz übrigens Ärger mit einem übereifrigen Premier. Mitte der 80er-Jahre warb der damalige CDU-Regierungschef Bernhard Vogel in Anzeigen und Plakaten für den deutschen Wein. Zu den heftigsten Kritikern gehörte damals der junge Abgeordnete Kurt Beck, der sinngemäß erklärte: Mit Vogels hochrotem Kopf ließe sich für Wein überhaupt nicht werben.Es folgten Becks Entschuldigung und danach der Aufstieg. Aber wenige Einsichten. Beck, der gerade versucht, im Raketenstreit außenpolitisches Profil zu gewinnen, hätte zum heimatduseligen deutschen Schlager besser einmal Nein sagen sollen.------------------------------Foto: Ein Lied aus Mainz: Kurt Beck wirbt, nicht jeden freut's.
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