SPD-KRISE - Die Parteispitze sortiert sich neu: Offenbar soll Noch-Umweltminister Sigmar Gabriel die Sozialdemokraten führen. Die Stellvertreterposten werden gleichfalls neu besetzt. Auch inhaltlich deutet sich ein Schwenk nach Links an.

Die Wiederaufbaumission

Regine Zylka
4 Min

BERLIN. Bilder für die Geschichtsbücher gibt es leider nicht. Das Treffen war zu spontan, als dass man noch einen Fotografen hätte bestellen können. Auch an einen Schnappschuss mit dem Handy hat keiner gedacht, dafür standen Andrea Nahles, Sigmar Gabriel, Olaf Scholz und Klaus Wowereit viel zu sehr unter Druck. Sie waren müde, hatten eine lange Vorstandssitzung hinter sich und die nächsten Verabredungen warteten schon.Dieses historische Treffen, wie Eingeweihte die Zusammenkunft im Büro von Andrea Nahles am Montagnachmittag im Berliner Willy-Brandt-Haus bezeichnen, dauerte nur eine halbe bis dreiviertel Stunde. Dennoch wollen die Vier alle wesentlichen Fragen besprochen haben: Wer macht was in der neuen SPD-Führung, wie geht man vor. Und dann soll auch noch Zeit für schwierige Beziehungsarbeit übrig gewesen sein. Nahles und Gabriel, die sich in den vergangenen Jahren belauert und bekriegt haben, schlossen Frieden. Beide hätten offen über ihr Verhältnis geredet, hieß es. Unter Zeugen. Dann hätten sich die Konkurrenten - sie eher links, er eher rechts stehend in der Partei - fest in die Hand versprochen, künftig an einem Strang zu ziehen.Wowereit will nichtNoch-Umweltminister Gabriel soll in der Runde ganz hibbelig gewesen sein, so sehr drängte es ihn an die Parteispitze. Schon zuvor in der Vorstandssitzung hätte er fast "hier" gerufen, als er sah, wie der gescheiterte Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier die Debatte über das Wahldebakel teilnahmslos verfolgte und keinerlei Anspruch auf die Parteiführung formulierte. Insofern war schnell klar, welche der in der Vierer-Runde diskutierten Varianten Priorität hat: Gabriel kandidiert beim Parteitag Mitte November als SPD-Chef, Noch-Arbeitsminister Scholz und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit als Stellvertreter und die bisherige Vize-Parteichefin Nahles als Generalsekretärin. Als dritte Stellvertreterin wurde die nordrhein-westfälische SPD-Landeschefin Hannelore Kraft vorgesehen. Es gab noch eine weitere Variante, nämlich dass Wowereit für den SPD-Vorsitz kandidiert. Zahlreiche Landesvorsitzende und auch einige in der bisherigen Führungstruppe in Berlin hätten das in Vorgesprächen angeblich favorisiert. Doch Wowereit zögerte, weil er sich auf Berlin konzentrieren und nicht gleichzeitig die schwierige Wiederaufbauarbeit in der Bundespartei leiten will. Abgesagt hatte er zunächst nicht. Wowereit sollte den Deal der Vier erst noch mit Landeschefs besprechen. Die Statements, die einige von ihnen gestern abgaben, bestätigten es aber: Wowereit will seinem Parteifreund den Vortritt lassen. Ob in Bayern, Berlin, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein - Gabriel wurde Unterstützung zugesagt. Auch der frühere Parteichef Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz plädierte für ihn.Mit dem neuen Fraktionsvorsitzenden Steinmeier und dem scheidenden Parteichef Franz Müntefering wurde auch gesprochen, aber wohl nicht gründlich genug. Jedenfalls bat Müntefering die Beteiligten kurzfristig zu sich in die Berliner Parteizentrale. Müntefering gilt als Förderer Gabriels. Vielleicht hat er aber Zweifel, ob der Schulterschluss zwischen Nahles und Gabriel langfristig trägt. Der noch amtierende Generalsekretär Hubertus Heil sagte am Abend nur, das Personaltableau werde Ende nächster Woche bei einer Sondersitzung des Parteivorstands geklärt. Im Anschluss trafen sich Müntefering und Steinmeier noch zu einem Bier.Inhaltliche Debatten sind in diesen hektischen Tagen vermutlich zu kurz gekommen in der SPD-Spitze. Vereinbarungen über den strategischen Kurs nach dem Wahldebakel sind zumindest nicht bekannt. Doch dürfte allen mehr oder weniger klar sein, dass eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei für die Bundestagswahl 2013 nicht mehr tabuisiert werden soll. Das Thema müsse "abgeräumt" werden, sagte ein Insider. Olaf Scholz formulierte es so: "Koalitionen mit den Parteien, die im Deutschen Bundestag sitzen, sind nicht prinzipiell ausgeschlossen." Allerdings sei es vor allem die Linkspartei, die sich in den nächsten Jahren ändern müsse, sagte Scholz. Ihre jetzigen Positionen schlössen eine Verantwortung in der Bundesregierung aus.------------------------------Foto: Andrea Nahles soll Generalsekretärin werden.Foto: Klaus Wowereit, vielleicht bald ParteivizeFoto: Olaf Scholz möchte Parteivize werden.

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