Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Schmude hält Verdächtigungen, die sozialdemokratische Ostpolitik sei vom gegnerischen Lager gesteuert worden und Herbert Wehner habe insgeheim der anderen Seite gedient, für ein Wahlkampf-Manöver rechter Kreise. Mit dem früheren Bundesjustizminister sprach unser Redaktionsmitglied Peter Pragal.Berliner Zeitung: Unionspolitiker möchten die Rolle Herbert Wehners bei der Gestaltung der Bonner Ostpolitik in einem Untersuchungsausschuß aufhellen. Sehen Sie Kldrungsbedarf?Jürgen Sehmude: Wenn die Union das will, soll sie es tun. Aber bitte schnell. Der Untersuchungsausschuß wird die Haltlosigkeit und die Absurdität der gegen Wehner erhobenen Vorwurfe feststellen. Mißlich wäre es, wenn der Ausschuß nur aus taktischen Überlegungen eingesetzt würde und seine Arbeit in dieser Legislaturperiode nicht abschließen kann. Dies wäre dann ein klares Wahlkampf-Manöver, um mit Hilfe des Ausschusses weitere Gerüchte zu streuen, statt sie aufzuklären.Wie bewerten Sie die Indizien, aus denen die Kritiker Wehners ableiten, er sei erprefibar gewesen?Die aus den hinterlassenen Papieren Willy Brandts berichteten Einzelheiten tragen in keiner Weise die üblen Verdächtigungen und Verunglimpfungen, die gegen Herbert Wehner vorgetragen werden. Wenn man liest, was zur Stützung der Anwürfe behauptet wird, so ist da eine große logische Lücke.Warum schlägt das Thema trotzdem so große Wellen?Daß es zur Kampagne kommt, läßt sich nur aus dem Interesse der Beteiligten erklären, gegen die SPD und gegen Wehner Schmutz zu werfen. Man macht das dann mit Fragezeichen, etwa in der wirklich verbrecherischen Rufmord-Schlagzeile: War Wehner ein Spion? Das ist gemein und feige. Die Leute wollen einen Eindruck erwecken, zu dem sie die Behauptung scheuen. Sie könnten ja sonst verklagt werden.Wehner-Krisiker wie Wolfgang Leonhard stoßen sich vor allem daran, daß der SPD-Politiker in den sechziger Jahren seine bis dahin klare antikommunistische Haltung gegenüber der SED aufgegeben habe.Das kann man nur behaupten, wenn man den politischen Stimmmungswandel in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre vollständig ignoriert. Der Kalte Krieg hatte abgewirtschaftet. Wenn Wehner wie viele andere Sozialdemokraten damals zu der Einsicht gelangte, der harte Kurs habe nicht die gewünschte Auflokkerung der Verhältnisse gebracht und man müsse deshalb einen anderen Weg gehen, dann war das nichts Besonderes. Im übrigen war Wehner keineswegs der Anführer dieses Kurses.Halten Sie es für möglich, daß Wehner Ostpolitik auf eigene Faust gemacht hat? Mit geheimen Kontakten, von denen Willy Brandt nichts wußte?Das wird nicht mal von seinen Anklägern behauptet. Aus den bisher bekannten Unterlagen geht hervor, daß Wehner schon bei seiner ersten Gesprächsbitte gegenüber der DDR darauf verwiesen hat, er handele im Einvernehmen mit Willy Brandt. Aber natürlich mußten Versuche, herauszufinden, was die andere Seite meint, und wie man mit Aussicht auf Erfolg vernünftig Politik miteinander machen kann, vertraulich unternommen werden. Wer das mit abfälligen Bemerkungen brandmarkt und von konspirativen Kontakten redet, der betreibt Demagogie.Mit ihren Attacken auf Wehner kämpft Brigitte Seebacher-Brandt angeblich um die Ehre ihres verstorbenen Mannes.Die Ehre Willy Brandts ist bei der SPD gut aufgehoben. Niemand hat solche Zuneigung und Verehrung erfahren wie er. Die neue Ostpolitik nach 1969 ist sein Werk und mit ihm untrennbar verbunden. Wer diese Ostpolitik verdächtigt, sie sei eigentlich unter dem Einfluß der Gegenseite zustande gekommen, der kann der Ehre Willy Brandts keinen Dienst erweisen.Die Witwe streitet mit der SPD um Brandts Nachlaß. Zugang solle nicht nur die Partei haben. Gehört Brandt, wie seine Frau behauptet, nicht tatsächlich allen?Das ist auch die Meinung der SPD. Sie denkt nicht daran, Willy Brandt in einer Ecke zu vergraben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die den Nachlaß übernehmen soll, ist weder ein Bunker noch sonst ein von der Offentlichkeit verschlossener Bereich. Die Brandt-Unterlagen zusammen mit anderen vorhandenen Materialien und Nachlässen, etwa von Fritz Erler oder Gustav Heinemann, aufzuarbeiten, macht Sinn. Kurzum: Es geht nicht um Abschottung, sondern um zweckmäßige Auswertung und Aufbereitung.
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