Erinnerungskultur

Stauffenberg neu denken: Warum der 20. Juli mehr historische Ehrlichkeit braucht

Deutschland ehrt Claus Schenk Graf von Stauffenberg alljährlich als Symbol des Widerstands gegen Hitler. Eine polnische Debatte und unbequeme historische Quellen stellen diese Erinnerung infrage.

3 Min
In Polen weniger gut gelitten: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

In Polen weniger gut gelitten: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

© dpa

Doch ein Blick nach Warschau zeigt: Die Erinnerung an Stauffenberg ist vielschichtiger, als das jährliche Gedenken vermuten lässt, schreibt der polnische Journalist und ehemalige Chefredakteur der Berliner Zeitung, Tomasz Kurianowicz, heute in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Jedes Jahr am 20. Juli erinnert Deutschland an das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler von 1944. Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Offizier, der die Bombe in Hitlers Hauptquartier „Wolfsschanze“ platzierte und noch in derselben Nacht erschossen wurde, gilt als Inbegriff des deutschen Gewissens – als Beweis, dass es auch im nationalsozialistischen Deutschland Menschen gab, die bereit waren, für ihre Überzeugungen zu sterben.

Polen erinnert sich an das, Deutschland verdängt

Polen erinnert man sich nicht nur an den Offizier, der Hitler töten wollte. Man erinnert sich auch an den Mann, der im Herbst 1939 über die polnische Bevölkerung schrieb: „Ein Volk welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“ Dieser Satz stammt aus einem Brief Stauffenbergs – nicht von einem SS-Offizier, sondern von jenem Mann, dessen Name in Deutschland wie kaum ein anderer für das „andere Deutschland“ steht, so Kurianowicz.

Zu den wichtigsten Stimmen der polnischen Debatte gehört der Historiker Tomasz Szarota, langjähriger Professor am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In einem vielbeachteten Essay würdigt er die Männer des 20. Juli als mutige Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens für ein „besseres Deutschland“ gekämpft hätten.

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Gegen die deutsche Entlastungserzählung

Gerade deshalb, so seine Botschaft, dürfe ihre Geschichte nicht zur nationalen Entlastungserzählung werden. Stauffenberg sei kein Nationalsozialist gewesen – aber geprägt von einem Milieu, in dem nationale Überheblichkeit, aristokratisches Standesdenken und abwertende Vorstellungen über Osteuropa weit verbreitet waren, argumentiert Kurianowicz.

Auch innerhalb Deutschlands ist Stauffenberg umkämpft. Für Teile der extremen Rechten gilt er bis heute als Verräter, der seinem Eid untreu wurde. Zugleich reklamiert die AfD-Bundestagsfraktion den 20. Juli inzwischen für sich und bezeichnete ihn als „Tag des Stolzes und des Selbstbewusstseins“. Gerade darin zeigt sich, wie sehr historische Erinnerung zum politischen Deutungskampf wird.

Stauffenberg entzieht sich beiden Vereinnahmungen. Er war weder der makellose Demokrat, als den ihn Teile der deutschen Erinnerungskultur darstellen, noch der Verräter der rechtsextremen Lesart. Er war ein konservativer Offizier, der in einem entscheidenden Moment erkannte, dass Gehorsam gegenüber einer verbrecherischen Regierung nicht mit Treue zum eigenen Land gleichzusetzen ist.

Deutschland fragt seit Jahrzehnten, ob es auch ein anderes Deutschland gab. Polen stellt eine andere Frage: Welches Deutschland soll dieses andere Deutschland gewesen sein? Beide Fragen widersprechen einander nicht. Erst zusammen ergeben sie ein vollständigeres Bild der Geschichte, bekräftigt Kurianowicz.

Die OAZ gehört wie die Berliner Zeitung zur Ostdeutschen Medienholding GmbH.

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