Am Freitagabend wird in Berlin die Lola verliehen. Der deutsche Film feiert sich selbst, seine Geschichte, seine großen Namen, seine Verdienste. Angesichts der generellen Ödnis in der deutschen Filmlandschaft (ein paar versprenkelte Highlights ausgenommen), mag sich mancher inzwischen nach der Legitimation solcher Preise und Lustbarkeiten fragen (und warum die deutsche Pflegebranche, die tatsächlich Übermenschliches leistet, nicht ebenso zelebriert wird), aber das ist eine andere Geschichte. Allein, dass die goldfarbene Lola-Statuette aussieht wie ein sich in wilden Stoffbahnen verheddernder Oscar, ist aussagekräftig genug über das Selbstverständnis einer Branche, die bei der Aufarbeitung ihrer dunklen Kapitel mal viel, mal gar keine Stringenz aufweist. Kommt eben darauf an, um wen es geht.
Ein Mann legt sich auf sie, schlägt und streichelt sie
An diesem Abend wird es auch um Wim Wenders gehen, der dem deutschen Film als Heiliger gilt – und der für sein Lebenswerk geehrt werden soll. Als einer der letzten großen Autorenfilmer Deutschlands, als internationale Ikone des deutschen Kinos. Doch über dieser Ehrung liegt ein Schatten. Und es zeugt von einer immer noch nicht greifenden Fehlerkultur in der Fläche, wie sehr sich die Filmbranche bemüht, diesen Schatten zu ignorieren.
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Denn zeitgleich wird öffentlich über einen Vorgang gesprochen, der einen fassungslos macht. Nastassja Kinski bittet Wim Wenders seit 15 Jahren darum, eine etwa zweiminütige Szene aus seinem Film „Falsche Bewegung“ zu entfernen. Gedreht wurde der Film 1975, sie war 13 – ein Kind. In einer zweiminütigen Szene liegt sie – nur mit einem Slip bekleidet – neben einem älteren Mann und ist einer Situation ausgesetzt, die sie bis heute als demütigend empfindet. Der Mann legt sich auf sie, schlägt und streichelt sie. Und wird hernach auf die Frage, was er denn wollte von dem Kind, antworten: „Sie ist kein Kind mehr.“
Szene aus „Falsche Bewegung“ (rechts die junge Nastassja Kinski). Auch die sexualisierte Szene ist immer noch als Film-Still abrufbar, soll aber hier nicht reproduziert werden.
© Mary Evans Picture Library via www.imago-images.de
Nastassja Kinski hat wiederholt erklärt, dass sie diese Bilder aus der Welt haben möchte – sie belasten eine heute 65-jährige Frau, die viel zu jung in eine Branche voller lüsterner und übergriffiger Männer geriet, die sich über Jahrzehnte wohlfeil unter dem Mantel der Kunst verstecken konnten. Sie belasten eine Frau, die als Tochter des Cholerikers Klaus Kinski eine schwierige Kindheit hatte. Man kann nur ahnen, welche Spur von Angst und Verwüstung ihr eigener Vater hinterlassen hat, der von seiner älteren Tochter Pola in deren Autobiografie „Kindermund“ der schweren sexualisierten Gewalt bezichtigt wird. Weder privat noch als junge Film-Elevin war Nastassja Kinski je ein geschütztes Kind.
Da Wim Wenders zwar Verständnis für sie zeigt, sich aber seit Jahren nicht bewegt, um einer seiner besten Schauspielerinnen diesen absolut nachvollziehbaren Wunsch zu erfüllen, sondern lediglich davon spricht, die Szene habe er damals als „künstlerisch zwingend“ angesehen, probiert es Kinski jetzt verständlicherweise mit Christian Schertz. Der Berliner Medienanwalt, gewieftes Schwergewicht seiner Zunft, soll gegen die Weiterverbreitung dieser Szene angehen, denn nach wie vor kann man den Film streamen.
Allein gelassen von der Filmwelt
Nastassja Kinski, das hat sie ausdrücklich formuliert, will weder Ruhm noch Werk des heute achtzigjährigen Wenders beschädigen, sie will nur ein bisschen Frieden für sich selbst. Die Süddeutsche Zeitung, der sie dazu ein langes Interview gegeben hat, schreibt dazu, dass sie „nicht mehr das entblößte Mädchen des deutschen Autorenfilms sein will“. Denn: „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.“
Umso mehr muss sie sich am Freitag, am großen Lola-Tag von Wim Wenders, von der Filmwelt allein gelassen fühlen. Einer Welt, die einerseits #Me too ins Rollen brachte, aber längst noch nicht bereit ist, die Verfehlungen all ihrer Götter sichtbar zu machen. Und in der auch die Götter selbst immer alles auf „die anderen Zeiten damals“ schieben oder sich anderweitig herauslavieren. Es geht nicht um Zensur, auch nicht um Kunstfreiheit oder die Auslöschung eines Werks. Es geht lediglich um zwei Film-Minuten, die einem Regisseur keine Mühe machen sollten angesichts einer Darstellung, unter der ein damals junges Mädchen bis heute leidet.
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Dass Wenders sich verweigert, fühlt sich verlogen, schäbig und ehrlos an. Heute, fünfzig Jahre später, hätte er zumindest die Möglichkeit, Nastassja Kinski entgegenzukommen. Nicht aus Schuld, sondern aus Größe und Menschlichkeit. Aus Respekt und Mitgefühl für eine Frau, die seinem Kino selbst viel gegeben hat. Auch „Paris, Texas“ wäre ohne Nastassja Kinski nicht das geworden, was der Film heute ist: ein Mythos.
Aber wird man am Freitagabend erleben, wie ein Filmgott, über dessen Brillanz man auch geteilter Meinung sein kann, dafür haftbar gemacht wird? Dass er auf offener Bühne Abbitte dafür leisten muss? Wohl kaum. Vielleicht wird es Protest geben – von den Jüngeren. Vielleicht werden diese Stimmen Fragen stellen, die die ältere Generation des deutschen Films lieber nicht mehr hören möchte. Denen sie sich aber stellen sollte. Diese Verdrängung und Vertuschung hat Leben zerstört. Schlimmer, als es je eindrücklich in einem deutschen Film dargestellt wurde.
Die 76. Verleihung des Deutschen Filmpreises wird heute ab 19 Uhr als Livestream in der ARD Mediathek übertragen sowie um 22.20 Uhr im Ersten.
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