Infrastruktur

Sondervermögen: Ostseedorf verballert Staatskohle sinnvoll – am Tresen

Strande kauft eine Strandbar mit Geld aus dem Sondervermögen. Eine Glosse über Infrastruktur, Kultur und über den Durst.

3 Min
Ein Prosit auf die Infrastruktur! Aperol Spritz am Strand mit Meerblick. (Symbolbild)

Ein Prosit auf die Infrastruktur! Aperol Spritz am Strand mit Meerblick. (Symbolbild)

© Imago

Alle stürzen sich auf das schleswig-holsteinische Ostseedorf Strande und den Plan, seine Strandbar aus dem Sondervermögen zu finanzieren. Die Entrüstung ist groß: Erst hat Merz das Versprechen gebrochen, keine neuen Schulden mehr aufzunehmen. Und jetzt stopft man mit dem angeblich ausschließlich für Infrastrukturmaßnahmen gedachten Geld irgendwelche Haushaltslöcher. Dabei wendet das verschuldete Örtchen an der Kieler Förde nur etwas Fantasie und einen erweiterten Begriff von Infrastruktur an.

Infrastruktur: Warum eine Strandbar dazugehört

Bitte bei „Infrastruktur“ nicht immer nur an Tiefbau denken, an Autobahnen, Glasfaserverbindungen oder Bröckelbrücken – hier muss ein gefährdeter Kommunikationsknoten ertüchtigt werden. Der Bürgermeister führt mit guten Gründen die Leute im Ehrenamt an, die müssten sich „irgendwo im Ort treffen können“.

Eine Begründung, die jede Förderrichtlinie schlägt. Ja, eine SPD-Gemeindevertreterin mahnt, dass eigentlich Millionen in eine neue Feuerwache gesteckt werden müssten. Aber das sollte man nicht gegeneinander ausspielen, irgendwo muss nach dem Brand auch der Durst gelöscht werden.

Niedrigschwelliger Kulturort

Viele unterschätzen die Strandbar als Kulturort, der seine allseits geforderte Niedrigschwelligkeit schon mitbringt: kein Abo, kein Dresscode, kein Vorwissen, das man vorher lesen müsste – es kostet nicht einmal Eintritt. Der Dialog mit der Gemeinschaft, den Theater mit großem Aufwand simulieren, um bei den Sparrunden ihre Daseinsberechtigung ins Licht zu setzen – hier passiert es automatisch.

Die Kulturstiftung des Bundes hat eben aus ihrem Programm mit dem bezeichnenden Titel „Lokal“ 21 weitere Kulturorte in kleineren Städten zur Förderung ihrer „Netzwerk-Tätigkeit“ ausgewählt: Bibliotheken, Kulturvereine, soziokulturelle Zentren, Treffpunkte und Freiräume. Pro Ort gibt es höchstens 240.000 Euro über vier Jahre.

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600.000 Euro und ein langer Atem

Strande braucht für sein Lokal mit Meerblick zwar etwas mehr, aber dafür sind positive wirtschaftliche Effekte nicht ganz illusorisch: Die Gemeinde rechnet fest mit 50.000 Euro Jahrespacht. Dass dafür 1,2 Millionen Euro fällig werden, die Hälfte davon auf Pump, pardon, aus dem Investitionsfonds, könnte sich auf lange Sicht als eine prophetische Geldanlage erweisen, zu der bei herkömmlichen Gastronomen offenbar Risikofreude und Atemlänge fehlen. Hier kann die Staatsknete Impulse setzen.

Man darf gespannt sein, welche Orte nachziehen. Bahnhöfe, Freibäder, Supermärkte, Spätis? Und irgendwann wird einem Bürgermeister einfallen, dass die Dorflinde nicht einfach so wächst und Schatten spendet. Ihre unersetzlichen Verdienste müssen gewürdigt und gefördert werden, wenn nötig mit der Gießkanne.

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